Siziliens Mumien : Im Zirkus der toten Artisten

Die größte Mumiensammlung Europas findet sich in Palermos Unterwelt – wissenschaftlich erschlossen ist sie bislang kaum. Deutsche Forscher haben die sizilianischen Katakomben und ihre Bewohner in Augenschein genommen.

Wenige Stufen trennen Jörg Scheidt noch vom Reich der Toten. Zwei Jahre lang hat er auf diesen Moment hingearbeitet, in die Kapuzinergruft von Palermo hinabzusteigen. Abgegriffene Handläufe führen den Archäologen zu den Katakomben. Tausende von Besuchern in mehreren Jahrhunderten haben die Marmorstufen blank gewetzt. Aus der Gruft scheint helles Neonlicht herauf. Modriger Geruch hängt in der Luft.

Am Fuß der Treppe sieht Scheidt zum ersten Mal die Mumien, deren Geheimnisse er ergründen will. Die Toten hängen in engen Nischen an weiß gekalkten Wänden, viele hält nur ein dünnes Stück Draht an ihrem Platz. Einige sind nach vorn gekippt, ihr Mund ist zum stummen Schrei erstarrt. Darunter stapeln sich verschlossene Särge.

Ursprünglich war die Gruft unter dem Kapuzinerkloster ein Friedhof für Mönche. Der Legende nach hatte man einst durch Zufall bemerkt, dass die Körper in den Tuffsteinhöhlen trocknen statt verwesen. Auf 1599 ist die erste Bestattung hier unten datiert. Es dauerte damals nicht lange, bis auch wohlhabende Bürger und Adlige ihre Überreste nach dem Tod hier unten ausstellen wollten – mit großzügigen Spenden für das Kloster und den richtigen gesellschaftlichen Verbindungen war das kein Problem. Regelmäßig kamen Verwandte und steckten die Toten ins beste Gewand. Denn die Leichen waren auch ein Statussymbol.

Mönche, Priester, Professoren, Ärzte oder Anwälte liegen hier. Bis 1881 durften Körper an diesem Ort mumifiziert werden, männliche und weibliche. Danach schob ein Gesetz der Praxis der Kapuziner einen Riegel vor.

Die Katakomben sind bislang kaum wissenschaftlich erforscht. Jörg Scheidt will das ändern. Als der 35-Jährige von den Mumien in Palermo las, war sein Forschergeist erwacht. Denn niemand weiß, wie viele Leichen hier lagern, in welchem Zustand sie sind und welche Gefahren ihnen drohen. Um das herauszufinden, ist Scheidt hier, ein Stipendium der Carl-Duisberg-Stiftung machte die Reise möglich.

Womit er nicht gerechnet hat: dass am späten Abend das Thermometer noch immer 25 Grad Celsius anzeigt, mehrere Meter unter den Mauern des Klosters. Das schwarze Poloshirt klebt ihm auf der Haut. Das stört ihn nicht. Der Zauber der Mumien hat ihn gefangen genommen. Was er bislang nur aus Büchern kannte, liegt nun leibhaftig vor ihm, elektrisiert lässt er seinen Blick durch die Korridore schweifen.

Kriminalbiologen aus Köln auf Italien-Reise

Scheidt hat zwei forensische Kriminalbiologen aus Köln mitgebracht: Mark Benecke und Kristina Baumjohann, Experten für Mumifikationsmethoden, Verwesung und Leicheninsekten. Die Gruppe lauscht den Worten von Fabrizio Fernandez, der seit Jahren für das Kapuzinerkloster an den Mumien arbeitet. Nur noch 16 Mönche gebe es im Kloster, sagt Fernandez, dabei sei Platz für 100. Das jüngste Mitglied im Orden ist 54 Jahre alt, das älteste 94. Nachwuchs für die Gemeinschaft ist nicht in Sicht. Viel Arbeit, die in dem riesigen Klostergarten anfällt, bleibt liegen. Die Gruft ist die wichtigste Einnahmequelle. In jedem Reiseführer wird sie als makabres Gruselkabinett genannt. Doch die Katakomben sind in Gefahr. Bauliche Mängel gefährden die größte Mumiensammlung Europas.

An seinem zweiten Tag baut das Forscherteam vor der »Kapelle der kleinen Kinder« ein provisorisches Lager auf. Der große Koffer der Kriminalbiologen ist voll mit Wattestäbchen, Latexhandschuhen und kleinen Gläschen. Das Treiben der Wissenschaftler wird aus leeren Augenhöhlen beobachtet. Sie gehören herausgeputzten Kinderleichen, die in den Nischen stehen. Manchen scheint der Tod ein Lachen aufs Gesicht gelegt zu haben. Von anderen blieb nicht viel mehr als der bloße Schädel, die feinen Spitzenhäubchen sind ihnen ins knochige Antlitz gerutscht.

Gitter schützen die Skelette und Mumien vor zudringlichen Besuchern. Durch die Absperrung hindurch sieht man offene Särge, darin die kleinen Toten. Andere Leichen sind heruntergefallen: Korrosion hat die Eisenbefestigungen, die sie in der Wand gehalten haben, zerfressen. Zwischen zwei Särgen liegt ein abgefallener Kopf im Staub, noch bedeckt mit seiner Haube. Der dazugehörige zierliche Körper ist aus seiner Nische in der Wand gekippt und lehnt an einem Sarg.

»Das größte Problem ist die Gruft selbst«, sagt Jörg Scheidt mit Blick auf die Schäden. Er wird während der nächsten Tage extrem hohe Luftfeuchtigkeit messen. An vielen Stellen stößt er auf Zerstörung durch Feuer und Wassereinbrüche.

Verlagsangebot

Die Macht der Vorurteile

Vorurteile prägen unseren Alltag. Woher sie kommen. Wem sie nützen. Und warum man sie so schwer loswird. Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Das Mädchen Rosalia

Über das kleine Mädchen wurde schon einmal vor einigen Jahren berichtet. Es ist doch faszinierend, wie der Leichnam erhalten ist.
Grundsätzich habe ich mich schon immer für die verschiedenen Totenkulte interessiert. Wenn ich Geld hätte, würde ich viele Reisen machen und mir das ansehen. Auch die Peruaner und die Chinesen haben ihre Toten früher präpariert. Auch die Totenmasken, die es gibt.

Nimmt man mal den Deutschen "Totenkult" da ist nichts mehr.
Die Menschen scheuen sich vor dem Tod, sie bahren die geliebten Menschen auch nicht mehr auf wie früher und dann werden sie noch recht lieblos eingesargt und/oder verbrannt.

Bei uns zu Hause wurden zumindest noch die Großeltern aufgebahrt und der halbe Ort kam dann und hat sich verabschiedet. Totenwache natürlich und was dazu gehörte.

In der modernen Zeit will keiner mit dem Tod was zu tun haben, dabei ist er so wichtig und er kann ein Freund sein für Schwerstkranke und Trost für die Hinterbliebenen, dass der Kranke erlöst ist.

Ich glaube, wir sollten zu vielen Dingen wieder zurückkehren.

Toller Bericht, vielen Dank hierfür.

Untersuchen wir alte Mäntel an, die irgendwo ausgestellt werden?

Nein. Denn es sind einfach alte verschlissene Kleidungsstücke, deren Besitzer längst gestorben sind.

Körper sind nichts anderes. Es sind bloße Hüllen der Seelen, die längst andere Wege eingeschlagen haben.
Was ist daran Interessantes? Weder können wir die Persönlichkeiten, die die Hüllen einst übergestülpt haben, wieder erwecken, noch können wir aus diesen toten Körpern irgendetwas herauslesen, was uns den Tod begreiflich macht.

Wir sind Seelen - wir werden auf diese Erde geboren und leben in einem Körper; ist unser Leben auf der Erde beendet, geben wir den Körper wieder ab. Dieser verwest: er ernährt Bakterien und wird zu Erde.
Der Geist aber geht weiter.

Warum so viel Gewese um einen Mantel?

"Belege"

"Wir sind Seelen - wir werden auf diese Erde geboren und leben in einem Körper; ist unser Leben auf der Erde beendet, geben wir den Körper wieder ab. Dieser verwest: er ernährt Bakterien und wird zu Erde.
Der Geist aber geht weiter."

Ja, nach dieser Gewissheit sehnt sich die Menschheit. Und diese Zuversicht kann auch gefühlt werden, z.B. im christlichen Glauben.
Belege sind Aussagen Gottes in der Hl.Schrift, wie: "dies ist mein Werk und meine Herrlichkeit, die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen", und folglich die Einladung, uns Jesus Christus anzuschließen, der den Weg kennt und vorbereitet hat.
Wenn wir also wie Ijob sagen können: "ich weiß, dass mein Erlöser lebt", dann haben wir die Gewissheit, dass wir beim Sterben tatsächlich nur den Mantel hier zurück lassen.

Einzelne gelungene Mumifizierungen, wie bei der kleinen Rosalia, finde ich faszinierend und archäologisch wertvoll. Doch meinen abgelegten Körper kann man mal nach bestem Bemühen entsorgen. Und dabei schau ich dann zu...