Schmidt und PolleschGeld? Nein, Weiber, Männer, Orgien!

Der Entertainer Harald Schmidt und der Dramatiker René Pollesch sprechen über die Kunst, das wahre Leben und die Dinge, die ihnen wirklich wichtig sind. von 

Der Entertainer Harald Schmidt, 55, hatte am 4. September seinen ersten Auftritt beim Bezahlsender Sky. Der Dramatiker und Regisseur René Pollesch, 49, inszeniert im September gleich zwei eigene Stücke, "Neues vom Dauerzustand" am Hamburger Schauspielhaus (Premiere: 6. September) und "Don Juan" an der Berliner Volksbühne (15. September)

Der Entertainer Harald Schmidt, 55, hatte am 4. September seinen ersten Auftritt beim Bezahlsender Sky. Der Dramatiker und Regisseur René Pollesch, 49, inszeniert im September gleich zwei eigene Stücke, "Neues vom Dauerzustand" am Hamburger Schauspielhaus (Premiere: 6. September) und "Don Juan" an der Berliner Volksbühne (15. September)  |  © Oliver Mark

DIE ZEIT : Herr Pollesch, Herr Schmidt, Sie beide haben in Interviews übereinander gesagt, dass die Begegnung mit dem jeweils anderen die wichtigste der letzten fünf Jahre gewesen sei, nein, Sie, Herr Schmidt, erhöhten sogar auf zehn Jahre. Was war an dieser Begegnung so wichtig?

Harald Schmidt: Ich habe durch ihn eine völlig neue Betrachtungsweise von eigentlich fast allem erfahren. Ich bin mit Autoren konfrontiert worden, von denen ich noch nie gehört hatte; Theorie hauptsächlich. Viele Dinge stülpen sich völlig um, wenn man sie mit Polleschs Blick sieht: Zum Beispiel hat neulich auf einer deutschen Bühne ein schwarzer Schauspieler eine Szene spielen müssen, bei der er sich nackt auf Drogen untersuchen lassen musste. Der Regisseur hat das gemacht, weil er es für authentisch hielt. Aber im Grunde zeigt die Szene nur einen nackten Schwarzen, der sich in den Hintern gucken lassen muss auf der Bühne und dem es furchtbar unangenehm ist. So was analysiert Pollesch. Wenn man das mal verstanden hat, wird es wahnsinnig schwer, sich überhaupt noch einen Spielfilm anzugucken. Man sieht nur noch Schauspieler, die etwas spielen, wozu ihnen die Kompetenz fehlt. Pollesch sagt, der Schauspieler kann maximal die Distanz spielen, die er als bürgerliche Existenz zu diesen Figuren hat.

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ZEIT: Herr Pollesch, weshalb ist für Sie die Begegnung mit Harald Schmidt die wichtigste der letzten fünf Jahre?

René Pollesch: Ich bin mit den fünf Jahren ein bisschen drunter geblieben, um ein paar Leute, denen ich vor zehn Jahren begegnet bin, nicht zu vergraulen. Aber natürlich ist er eine der wichtigsten Begegnungen, die ich hatte. Es gibt für mich fünf Superperformer, und da gehört er dazu.

Schmidt: Aber die anderen verrät er nicht. Er ist ja theatermäßig ein Megaprofi. Er verkehrt nur am Wiener Burgtheater, an den Münchner Kammerspielen und so weiter, also an den ersten Adressen, und er weiß genau, dass die Klapperschlangen in den Kantinen dann sagen: Mich hast du nicht genannt im Gespräch mit diesem blöden Fernsehonkel. Deswegen wäre es toll, wenn mal 30 Schauspieler sich versammeln, die alle von Pollesch die SMS gekriegt haben: Du gehörst für mich zu den besten fünf.

Pollesch: So eine SMS habe ich nur dir geschickt. Schmidt ist ein autonomer Schauspieler. Er ist schnell, und er ist ein Intellektueller. Er weiß, was er auf einer Bühne zu tun hat, um da oben zu überleben. Er hat seine Skills, und die sind genial. Und sie stehen ihm immer zur Verfügung.

ZEIT: Herr Schmidt, Sie haben gerade das Wort »authentisch« mit einer gewissen Verachtung ausgesprochen.

Schmidt: Es ist das größte Pollesch-Schimpfwort: »authentisch«. Ich habe schon mehrfach versucht, es meinen Autoren zu erklären; es ist wie Abseits. Man spürt, wenn es Abseits ist, aber es ist schwer zu erklären. Die schlimmste Beleidigung, die Pollesch kennt, ist »authentische Kuh«. Authentisch ist ja im Allgemeinen ein unglaubliches Lob, Jürgen Klopp zum Beispiel ist authentisch, aber im Pollesch-Kosmos geht authentisch gar nicht – oder habe ich das falsch verstanden?

Pollesch: Nein. Das siehst du völlig richtig. Mir fällt noch ein anderes unserer Schimpfwörter ein, und das ist »repräsentativ«. Das zielt auf Leute im Theater, die sich mit Dingen beschäftigen, die sie eigentlich hassen, also mit Möbeln, Kostümen, die Milieus repräsentieren sollen, die man eigentlich verachtet. Der Bühnenbildner Bert Neumann zum Beispiel würde sich nie mit Dingen umgeben, die er hässlich findet. Die, die hässliche Dinge auf die Bühne stellen, haben immer die Hoffnung, dass sie transzendieren und sich in reine Bedeutung auflösen. Ich finde einen Stuhl, der nicht auf einen Sinn oder eine andere Welt verweisen muss, damit ich ihn ansehen kann, einfach besser.

ZEIT: Eigentlich gibt es in Deutschland zwei Theaterwelten: Die eine Welt des naturalistisch-psychologischen bürgerlichen Theaters, in der sich ein Schauspieler verwandeln und möglichst in eine andere Zeit, ein anderes Milieu, eine andere Haut schlüpfen muss; und die andere Welt, welche an der dauernden Unterwanderung und Entzauberung dieser Illusionsmaschine arbeitet.

Pollesch: Eigentlich sind das zwei Welten, ja.

ZEIT: Und sie wissen wenig voneinander. Eine Vermittlergestalt, die sich in beiden Welten furios bewegt, ist der Schauspieler Martin Wuttke. Er spielt bei Pollesch, und er spielt im Tatort.

Schmidt: Ja. Aber wenn ich Wuttke im Tatort sehe, habe ich einen wahnsinnigen Spaß, weil ich sozusagen Pollesch höre. Ich sehe Wuttke im Tatort, aber ich höre Pollesch, wenn Wuttke Sätze sagt wie: »Hier, die Ergebnisse aus dem Labor.«

Pollesch: Ein Regisseur hat vor einem halben Jahr mal versucht, den Tatort ein bisschen aufzumöbeln. Man merkte irgendwie, er sollte besonders authentisch sein. Aber es war dasselbe wie immer: Schritt, Schritt, Stolper. Das hat mal ein Schauspieler, den ich kenne, und der eben oft Drehbücher liest, bemerkt. Du gehst, du gehst, und dann stolperst du. Dann fällt dir der Inhalt deiner Handtasche raus. Bei dem Regisseur war die betreffende Figur ein Transvestit, das war die Neuigkeit. Man merkt die Ambition, irgendwas neu zu machen, aber das löst sich dann irgendwie doch nicht von der uralten Partitur, die sich immer durchsetzt. Es ist halt neuer Wein in alten Schläuchen. Martin Wuttke hat erzählt, dass es beim Tatort Leute gibt, die darauf achten, dass er als Kommissar kein offenes Hemd trägt. Beim Film tun immer alle so, als ob es ihnen um die Geschichte geht, aber das stimmt ja alles nicht. Der Hemdkragen von Wuttke ist dann doch wichtiger.

Leserkommentare
  1. Ohh Mann, was ist nur aus Schmidt geworden? Ein alter, reicher, selbstgefälliger Sack. Aber Hauptsache man ist immer so schön konkret und nicht authentisch... und wenn man einfach nur alt und langweilig geworden ist, sind eben die anderen zu doof, den Schmidt'schen Intellekt zu kapieren?! Ist Schmidt eigentlich schon Mitglied der FDP?

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    Schönes Wochenende.

  2. Zitat aus Wikipedia..

    "Dr. Livingstone, I presume?" to which he responded "Yes, and I feel thankful that I am here to welcome you."

  3. Schönes Wochenende.

  4. Ja, auf leisen Sohlen kommt dieser Schmidt angeschlichen. Seine Ironie, oft und immer wieder als intellektuell verschrien und gelobt, ist nichts anderes als Ausdruck seiner Abneigung gegen das Etablissement.
    Nicht zufällig sind die größten Komiker der deutschen Nachkriegsgeschichte keine “richtigen“ Deutschen, sondern kommen direkt oder indirekt von “außen“: Hildebrandt, Gottschalk, Schmidt, Erhard - allesamt aus deutschen Ostgebieten stammend.
    Distanz schafft Noblesse und viehische Authentizität. Hut ab, Harald.

  5. Na was ein Glück das die beiden einem erklären wie die Welt WIRKLICH ist! Sonst wäre man ja womöglich noch dumm gestorben.

    Das gegenseitige, verbalerotische Beweihräuchern der 2 Gockelgurus bis in höchste Sphären lässt tief blicken.

  6. Wer soll glauben, dass Kohle unwichtig sei, wenn man den Kohle werfenden Sendern hinterherwetzt, als gäbe es im zB im sogenannten "Unterschichten-TV" eine solide Basis für Schmidt-Authentische Unterhaltung für Interlektuelle?

    Alles Kappes. Schmidt hat sich mEn überlebt.

    • Zynix
    • 07. September 2012 10:59 Uhr

    ich wusste garnicht, dass Nürtingen im Osten liegt.

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    Ich sagte direkt oder indirekt.
    Schmidts Eltern stammen aus Böhmen.
    Gottschalks Eltern aus Schlesien.
    Hildebrandt ist gebürtiger Schlesier und Erhard aus Riga.

    Der Einfluss elterlicher Herkunft ist unvermeidbar.

    Zufrieden, Zynix ?

    • oannes
    • 07. September 2012 11:17 Uhr

    Nix für ungut!
    Aber ich wusste nicht, dass Gottschalk ein Komiker ist. Najaa - wenn ich so drüber nachdenke - unfreiwillig bestimmt.

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