Überfüllte Hörsäle und hohe Abbrecherquoten; lange Studienzeiten und Professoren, die im Ausland erfolgreich erbrachte Studienleistungen nicht anerkennen – vom riesigen Druck bei den alles entscheidenden Abschlussprüfungen ganz zu schweigen. Nein, hier ist nicht von den Problemen nach der Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master die Rede. Sondern von der Zeit, als die Regelstudiengänge noch Magister und Diplom hießen. Gerade mal zehn Jahre ist das her. Damals wurde mit dem Inkrafttreten der sechsten Änderung des Hochschulrahmengesetzes überhaupt erst der offizielle Startschuss für die große Hochschulreform gegeben. Bis heute sind nicht alle Studiengänge umgestellt.

Sich der Missstände der Vor-Bologna-Zeit zu erinnern und sie nüchtern mit den Problemen der Gegenwart zu vergleichen, geschieht selten in diesen Tagen. Der Ton in der Debatte um Erfolg und Misserfolg der Bologna-Reform ist so scharf wie lange nicht. »Eine Universität muss mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. Das tut sie mit dem Bachelor nicht«, sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Horst Hippler der Süddeutschen Zeitung und provozierte damit Annette Schavan (CDU) anscheinend so sehr, dass die Bundesbildungsministerin in der ARD Hipplers Autorität als HRK-Repräsentant infrage stellte: »Ich bin im Übrigen nicht der Meinung, dass die Ansicht von Herrn Hippler die der Hochschulrektoren ist.«

Für wen spricht Hippler eigentlich, fragen sich Rektorenkollegen

Tatsächlich stimmen längst nicht alle Rektoren mit Hipplers Reformbilanz überein. Micha Teuscher zum Beispiel, Rektor der Hochschule Neubrandenburg und Sprecher der Fachhochschulen in der HRK, sagt: »Bei seiner Kritik am Bologna-Prozess tritt er erkennbar als Präsident der Universitäten auf und nicht für die Interessen der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ein.« Ein Großteil der Fachhochschulen hat nämlich das Gefühl, die Reformen ganz gut umgesetzt zu haben.

Aber auch Universitätsrektoren gehen auf Distanz zum HRK-Präsidenten. »Ich bin ein wenig überrascht«, sagt Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Die HRK könne ihre Position natürlich neu bestimmen, aber das müsste man »schon erst einmal in einer Mitgliederversammlung diskutieren«. Bisher sei die HRK, »zu Recht, wie ich finde, ein ganz wesentlicher Vertreter der Kernideen von Bologna« gewesen.

Diese Kernideen bestehen unter anderem aus einer gestuften Studienstruktur mit den international gültigen Bachelor- und Masterabschlüssen und einem einheitlichen Leistungspunktsystem, das Studienleistungen vergleichbar machen soll. Die Hoffnung der Reformer: Am Ende soll Bologna zu mehr internationalem Studentenaustausch und niedrigeren Studienabbruchquoten führen – sowie zu insgesamt kürzeren Studienzeiten vor allem dank des flexiblen Bachelorabschlusses, der entweder den Start in den Beruf ermöglicht oder die Fortsetzung des Studiums im Rahmen eines Masterprogramms.

Beide, Teuscher wie Mukherjee, geben Probleme bei der Umsetzung der Bologna-Ziele offen zu. Sie warnen aber vor Schwarzmalerei und werben für eine differenzierte Betrachtung – die sie bei Hippler offenbar vermissen.

Beispiel Persönlichkeitsbildung und Verschulung: »Es ist sicherlich so«, sagt Mukherjee, »wenn man das Studium sehr viel stärker strukturiert und jede einzelne Prüfung relevant für die Examensnote ist, dann wächst der Druck auf die Studenten, und es bleibt ihnen weniger Zeit, Lebenserfahrung in anderen Gebieten zu sammeln.« Durch die klarere Struktur gewönnen sie aber eben auch Zeit, weil es einfacher für sie geworden sei, sich im Studium zurechtzufinden, als zu Vor-Bologna-Zeiten.