Hochschulen»Eine unzulässige Verkürzung«

Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektoren, hat die Bologna-Reform kritisiert. Jetzt regt sich heftiger Widerspruch. von Andreas Clasen

Überfüllte Hörsäle und hohe Abbrecherquoten; lange Studienzeiten und Professoren, die im Ausland erfolgreich erbrachte Studienleistungen nicht anerkennen – vom riesigen Druck bei den alles entscheidenden Abschlussprüfungen ganz zu schweigen. Nein, hier ist nicht von den Problemen nach der Einführung der neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master die Rede. Sondern von der Zeit, als die Regelstudiengänge noch Magister und Diplom hießen. Gerade mal zehn Jahre ist das her. Damals wurde mit dem Inkrafttreten der sechsten Änderung des Hochschulrahmengesetzes überhaupt erst der offizielle Startschuss für die große Hochschulreform gegeben. Bis heute sind nicht alle Studiengänge umgestellt.

Sich der Missstände der Vor-Bologna-Zeit zu erinnern und sie nüchtern mit den Problemen der Gegenwart zu vergleichen, geschieht selten in diesen Tagen. Der Ton in der Debatte um Erfolg und Misserfolg der Bologna-Reform ist so scharf wie lange nicht. »Eine Universität muss mehr leisten als Ausbildung, nämlich Bildung. Das tut sie mit dem Bachelor nicht«, sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Horst Hippler der Süddeutschen Zeitung und provozierte damit Annette Schavan (CDU) anscheinend so sehr, dass die Bundesbildungsministerin in der ARD Hipplers Autorität als HRK-Repräsentant infrage stellte: »Ich bin im Übrigen nicht der Meinung, dass die Ansicht von Herrn Hippler die der Hochschulrektoren ist.«

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Für wen spricht Hippler eigentlich, fragen sich Rektorenkollegen

Tatsächlich stimmen längst nicht alle Rektoren mit Hipplers Reformbilanz überein. Micha Teuscher zum Beispiel, Rektor der Hochschule Neubrandenburg und Sprecher der Fachhochschulen in der HRK, sagt: »Bei seiner Kritik am Bologna-Prozess tritt er erkennbar als Präsident der Universitäten auf und nicht für die Interessen der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ein.« Ein Großteil der Fachhochschulen hat nämlich das Gefühl, die Reformen ganz gut umgesetzt zu haben.

Aber auch Universitätsrektoren gehen auf Distanz zum HRK-Präsidenten. »Ich bin ein wenig überrascht«, sagt Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Die HRK könne ihre Position natürlich neu bestimmen, aber das müsste man »schon erst einmal in einer Mitgliederversammlung diskutieren«. Bisher sei die HRK, »zu Recht, wie ich finde, ein ganz wesentlicher Vertreter der Kernideen von Bologna« gewesen.

Diese Kernideen bestehen unter anderem aus einer gestuften Studienstruktur mit den international gültigen Bachelor- und Masterabschlüssen und einem einheitlichen Leistungspunktsystem, das Studienleistungen vergleichbar machen soll. Die Hoffnung der Reformer: Am Ende soll Bologna zu mehr internationalem Studentenaustausch und niedrigeren Studienabbruchquoten führen – sowie zu insgesamt kürzeren Studienzeiten vor allem dank des flexiblen Bachelorabschlusses, der entweder den Start in den Beruf ermöglicht oder die Fortsetzung des Studiums im Rahmen eines Masterprogramms.

Beide, Teuscher wie Mukherjee, geben Probleme bei der Umsetzung der Bologna-Ziele offen zu. Sie warnen aber vor Schwarzmalerei und werben für eine differenzierte Betrachtung – die sie bei Hippler offenbar vermissen.

Beispiel Persönlichkeitsbildung und Verschulung: »Es ist sicherlich so«, sagt Mukherjee, »wenn man das Studium sehr viel stärker strukturiert und jede einzelne Prüfung relevant für die Examensnote ist, dann wächst der Druck auf die Studenten, und es bleibt ihnen weniger Zeit, Lebenserfahrung in anderen Gebieten zu sammeln.« Durch die klarere Struktur gewönnen sie aber eben auch Zeit, weil es einfacher für sie geworden sei, sich im Studium zurechtzufinden, als zu Vor-Bologna-Zeiten.

Leserkommentare
  1. Die Bologna-Reform hat alle Zielvorgaben klar verfehlt. Weder ist die Mobilität der Studenten gewachsen, noch ist der Bachelor ein adäquater Abschluss für einen Akademiker. Die Anerkennung von Studienleistungen im zwischenuniversitären Bereich ist eine Katastrophe.

    Bei dieser "Reform" verhält es sich wie mit dem Euro. Aus ideologischer Verblendung sollte etwas vereinheitlicht werden, was nicht reif für eine Vereinheitlichung war. Dazu kommen natürlich wie üblich inkompetente Politiker, die eine sowieso schon verkorkste Reform noch weiter verschlimmbessern.

  2. Ich habe meinen Uni-Abschluss nach Bologna gemacht und kann Herr Teuscher nur zustimmen. Diese grundsätzliche Kritik an den Reformen ist total überzogen. Klar gibts auch Dinge zu kritisieren. Aber es war mMn ein absolut vernünftiges Ziel den chaotischen Wildwuchs in in der europäischen Abschlusslandschaft zu beenden und mit der Zeit(!) ein halbwegs vergleichbares Studiensystem zu schaffen. Freunde, die aus dem Ausland kamen, oder für 1-2 Semester ins Ausland gingen, hatten keinerlei Schwierigkeiten sich ihre Veranstaltungen anrechnen zu lassen. Manche sind nach dem Bachelor Arbeiten gegangen, Andere haben im Master nicht konsekutiv studiert. Im Grundsatz ist die Aufteilung in BA/MA(/PhD) m.E. also eine gute Sache.
    Als total arrogant empfinde ich hingegen dieses Gerede von "Bildung statt Ausbildung". Welche Möglichkeiten zur "Selbstreflexion" haben denn die Leute, die nach der 10. Klasse eine Lehre gemacht haben? Hat da jemals jemand gefragt, ob sie auch genügend "Lebenserfahrung" sammeln, wenn sie schon 8h/d arbeiten, während die andern studieren (und mit ihren Steuern das Studium ihrer ehemaligen Klassenkameraden finanzieren)? Ein Studium ist (eine hoffentlich solide) Ausbildung in wissenschaftlichen Methoden und erforderlichen Wissen des jeweiligen Fachgebiets. Der Rest ist einfach Freizeit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bernd64
    • 08. September 2012 17:05 Uhr

    Vergleich. Natürlich geht die Welt nicht unter.

    Allerdings hätten Sie auch vorher keine Probleme mit Auslanssemestern gehabt und die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen war auch früher möglich. Auch heute muss geprüft werden ob ein Abschluss äquivalent ist damit er anerkannt werden kann. Automatisch geht gar nichts!

    Da der Bachelor auf 6 Semester in der Regel begrenzt ist, was die Finanzminister freut, hat das zu einer Verdichtung des Studiums geführt. Dabei waren für den Bachelor gemäß Bologna 6-8 Semester vorgesehen.
    Man kann in den Geisteswissenschaften den Stoff reduzieren, in den Ingenieurwissenschaften sieht das aber anders aus. Kein Arbeitgeber hat Verständnis dafür, dass ein Uni-Absolvent nur noch die Hälfte weiss und außerdem hängen die Dinge eben auch irgendwie zusammen.

    International ist der europäische Bachelor gerade zu dem in den interessanten Ländern GB und USA eben nicht äquivalent. Die Elite-Universitäten in den USA sind stolz darauf nicht akkreditierten Studiengänge zu haben und prüfen einen konsekutiven Master, d.h. der Bachelor als Zwischenabschluss entfällt (könnte man glatt Diplom nennen!)

    Im Ergebnis studieren viele eben auf Master und nicht nur auf Bachelor, auch wenn der Master nun als Zweitstudium gilt.

    Auch ist eine Bologna-Bürokratie entstanden für die außer Kosten, die die so schon unterfinanzierten Universitäten zu tragen haben (wovon, wofür?), nur Mehrarbeit für die Prof. und Mitarbeiter entstanden ist.

    • bernd64
    • 08. September 2012 17:05 Uhr

    Vergleich. Natürlich geht die Welt nicht unter.

    Allerdings hätten Sie auch vorher keine Probleme mit Auslanssemestern gehabt und die gegenseitige Anerkennung von Abschlüssen war auch früher möglich. Auch heute muss geprüft werden ob ein Abschluss äquivalent ist damit er anerkannt werden kann. Automatisch geht gar nichts!

    Da der Bachelor auf 6 Semester in der Regel begrenzt ist, was die Finanzminister freut, hat das zu einer Verdichtung des Studiums geführt. Dabei waren für den Bachelor gemäß Bologna 6-8 Semester vorgesehen.
    Man kann in den Geisteswissenschaften den Stoff reduzieren, in den Ingenieurwissenschaften sieht das aber anders aus. Kein Arbeitgeber hat Verständnis dafür, dass ein Uni-Absolvent nur noch die Hälfte weiss und außerdem hängen die Dinge eben auch irgendwie zusammen.

    International ist der europäische Bachelor gerade zu dem in den interessanten Ländern GB und USA eben nicht äquivalent. Die Elite-Universitäten in den USA sind stolz darauf nicht akkreditierten Studiengänge zu haben und prüfen einen konsekutiven Master, d.h. der Bachelor als Zwischenabschluss entfällt (könnte man glatt Diplom nennen!)

    Im Ergebnis studieren viele eben auf Master und nicht nur auf Bachelor, auch wenn der Master nun als Zweitstudium gilt.

    Auch ist eine Bologna-Bürokratie entstanden für die außer Kosten, die die so schon unterfinanzierten Universitäten zu tragen haben (wovon, wofür?), nur Mehrarbeit für die Prof. und Mitarbeiter entstanden ist.

    • DDave
    • 08. September 2012 18:35 Uhr

    Ich bin gerade dabei meinen Bachelor zu machen, deshalb fehlt mir der Einblick ins Diplom. Das System Bachelor ist vielleicht bei einem dualen(praxisphasenorientiertem) Studium sinnvoll, aber im Vergleich zum Diplomstudium(Physik) meines Bruders würde ich das Diplom bevorzugen.
    Man kann nicht die Ausbildung im Studium um X Jahre(ca 2, je nach Studiendauer) verkürzen und meinen, dass die Leute genauso gut am Ende ausgebildet sind. Oder ist das der Sinn vom Bachelor schlecht ausgebildete Erwachsene zu produzieren?
    Das Wissen der Menschheit nimmt exponentiell zu. In den letzten 20 Jahren sind soviele verschiedene neue/interdisziplinäre Studiengänge entstanden wie noch nie vorher.
    Ausserdem will die Wirtschaft keine 21jährigen unausgereifte und schlecht ausgebildete Anfänger.
    Ein älterer Kollege, der "nur" Dipl. Informatiker(FH) ist, meinte, dass es nicht einfach war sich in den Betrieb ein zufinden, aber der jetzige Uni-Absolvent kann den ganzen theoretischen Kram, nur bei allem praktischen braucht er die ganze Zeit seine Hilfe. Wir(dualen) hätten einen Vorteil, dass die FIrma uns sogesehen großzieht. Somit Bachelor gerne für eine duale Ausbildung, aber normaler Bachelor ist nichts und der Master nicht viel besser als Diplom...

    • Sirisee
    • 10. September 2012 0:46 Uhr

    ... beim Studium kann man niemandem wünschen. Die schmuddelige unorganisierte Ist-mir-doch-egal-Verantwortungslosigkeit, hier noch ein Schein zu irgendwas und dort noch ein tolles Auslandssemester. Es gab viele, die in diesem Morast zurechtkamen, andere nicht.

    M.E. sollte jeder Hochschuldozent wie in den USA für den Bildungserfolg jedes einzelnen, ihm anvertrauten Studenten verantwortlich sein. Wenn einer zurückbleibt, sollte er verpflichtet werden, ihm kostenlos Nachhilfe zu erteilen.

  3. 6. [...]

    [...]Selten habe ich so oberflächliche Kommentare zur Hochschullandschaft in Deutschland gelesen, wie in letzter Zeit in der ZEIT und in Zusammenhang mit Herrn Hippler. Die ZEIT stört sich offensichtlich daran, daß Herr Hippler endlich einmal wieder deutlich macht, daß große Masse nicht gleich Klasse ist.
    Allein in den letzten drei Monaten sind zwei erschreckende Studien/Umfragen über die sehr mangelhaften Kenntnisse deutscher Schüler erschienen:
    Sprachbeherrschung von Studienanfängern:
    http://www.faz.net/aktuel...
    Und aus der ZEIT: Geschichtskenntnisse erschreckend dürftig:
    http://www.zeit.de/2012/2...
    Und es deutet nichts (!) darauf hin, daß die Mathematikkenntnisse besser wären!
    Dennoch scheinen manche Politiker, Hochschulvertreter und Journalisten anzustreben, daß das Abitur sogar noch einfacher wird, Durchfallen durch Hochschulprüfungen gar nicht mehr möglich ist, FHs auch noch das Promotionsrecht bekommen (wieso?) [...] Sicher ist: so behalten wir unseren Wohlstand nicht!

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mk

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