IFAWir sind so frei

Was die Internationale Funkausstellung über Technik, Selbstbestimmung und die Menschen erzählt. von 

Die Internationale Funkausstellung ist der Ort der tausend Dinge und in diesen Tagen Sinnbild der modernen Welt, einer digitalisierten Welt. An keinem anderen Ort erlebt der Mensch so nah, greifbar und umfassend, wie tief Internet und digitale Technologien in seinen Alltag eingedrungen sind.

Zu sehen gibt es, was der Mensch vermag – und was er nicht vermag. Nicht mehr. Wo ihn die Technik lenkt. Bedrängt.

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Diesen Eindruck ruft gar nicht das einzelne Gerät hervor, es ist die Summe: Nähmaschinen fordern heute Software-Updates, Bügeleisen haben einen Prozessor, Waschmaschinen ihre eigene App. Stromschalter gibt es mit IP-Adresse, sie sind ans Internet angebunden und über ebendieses zu bedienen, als Fernsteuerung für Heizung oder Jalousie. Was vor einem guten Jahrzehnt nur dem Software-Milliardär Bill Gates vorbehalten war, gibt es inzwischen für jedermann: ein voll vernetztes Haus, das Daten sendet und empfängt, und dahinein gehören natürlich auch Handys, Kameras, Internetradios, Fernseher mit Google TV und sogar solche, die auf Gehirnströme des Menschen reagieren.

Als sich die Internationale Funkausstellung (Ifa) noch vornehmlich ums Fernsehen drehte, diskutierte die Gesellschaft, ob Fernsehen glücklich mache – oder blöd. Das war einmal, und wer sich dem entziehen wollte, zog den Stecker.

Jetzt steht der Ausweg nicht mehr offen. Denn eine Freiheit von der digitalen Technik gibt es nicht. So muss es um die Freiheitsgrade gehen, die der Einzelne im Umgang mit dem Digitalen erreicht, um die Frage, welche Hoheit er über die Technik behält – und damit über seine Welt.

Es ist die alte Auseinandersetzung, die den Menschen seit der Antike begleitet, als Hepahistos, Sohn des Zeus, der Sage nach die Waffen der griechischen Götter schuf. Aber er schuf eben auch die Büchse der Pandora, die, einmal geöffnet, alles Übel in die Welt brachte, und die Menschen verhandeln seither mit jeder epochalen technischen Entwicklung neu, ob es sich dieses Mal um die Büchse der Pandora oder um göttliche Werkzeuge handelt. So auch jetzt.

Der amerikanische Autor und Technikjournalist Kevin Kelly hat dafür in seinem Buch What Technology Wants einen radikalen Perspektivenwechsel empfohlen. Kelly betrachtet digitale Geräte nicht mehr als einzelne Dinge, sondern als Teil eines gigantischen Ganzen. Er nennt es Technium. Für ihn bilden die weltumspannenden Kabel des Internets und die riesigen daran angeschlossenen Datenbanken quasi einen Körper, und Milliarden digitale Kameras sind dessen Augen. Gefüttert wird dieses Technium von zwei Seiten: Kraftwerke liefern den Strom und Internetnutzer ihre Daten. Mensch und Technium leben nach Ansicht von Kelly längst in einer Symbiose, in der beide Seiten noch ein Eigenleben haben, aber voneinander eben nicht frei sind.

Wenn man so will, hat der göttliche Schmied die Menschen dieses Mal auf besondere Weise an sein Werk gekettet, und dieser Schmied des 21. Jahrhunderts ist ganz klar Informatiker. Er ist es, der in den vergangenen zehn Jahren die großen Innovationen hervorgebracht hat und die wertvollsten Unternehmen der Welt führt, das gilt für Apple in Amerika und galt zumindest kurz für SAP in Deutschland.

Softwaregenies verändern die Welt, sind Weltenbauer, wie es in den hundert Jahren davor die Ingenieure waren. Schriebe Max Frisch seinen Roman Homo Faber erst in diesen Tagen, wäre die Hauptfigur Walter Faber garantiert ein Softwareentwickler – und kein Ingenieur für Anlagenbau.

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