Der amerikanische Komponist John Cage, der von 1912 bis 1992 unter uns weilte, wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, eines großen Toten zu gedenken: »Vor ein paar Tagen hat es geregnet. Ich sollte draußen sein, Pilze sammeln. Statt dessen sitze ich hier und muß über Satie schreiben. In einem unbedachten Moment hatte ich es zugesagt. Jetzt terrorisiert mich der Ablieferungstermin. Warum lesen die Leute nicht in Gottes Namen die Bücher, die es über ihn gibt, warum spielen sie nicht seine publizierte Musik?«

Tja, lieber John Cage, das ist eine verdammt gute Frage. Draußen scheint ausnahmsweise einmal die Sonne, und Sie werden jetzt hundert...

Der Stoßseufzer aus dem Jahr 1958 lässt sich immerhin nicht eins zu eins auf ihn und die deutsche Gegenwart übertragen. Cage, der nach dem Krieg immer wieder in der Bundesrepublik war, wird in seinem doppelten Jubiläumsjahr landauf, landab gewürdigt. Die Mathildenhöhe in Darmstadt zeigt eine Großausstellung, Bochum hat mit seinem Opernspektakel Europeras 1 & 2 die Ruhrtriennale eröffnet, Konzerte gibt es in Berlin, Leipzig und München; Halberstadt in Sachsen-Anhalt widmet ihm zum 5. September ein Festival.

Wer all das verpasst, kann sogar irgendwann nach Halberstadt fahren, denn die Langfassung seines Werkes Organ2/ASLSP in der St.-Burchardi-Kirche läuft noch bis zum 4. September 2640.

Und zusätzlich zu den vielen Büchern über Cage erscheinen noch neue. Zwei seien hier vorgestellt. Empty Mind hat der Suhrkamp Verlag eine »Auswahl poetischer Schlüsseltexte« genannt, die Cage selbst geschrieben hat, beziehungsweise – und dann sind wir schon mittendrin – auch nicht »selbst« geschrieben hat, insofern er sein Schreiben zeitweise ähnlichen Bedingungen unterwarf wie sein Komponieren.

Absichtslosigkeit war eine Triebfeder seines Schaffens. Wie kann sich Kunst von Ego und Überlieferung lösen? Seine Antwort suchte er nicht in einer Antihaltung gegen Ich und Tradition, in der das Abgelehnte ja noch als Verneinung spürbar gewesen wäre, sondern im Zufallsprinzip.

Gestalterische Entscheidungen traf er per Münzwurf oder indem er transparentes Papier auf Sternkarten legte, Sterne durchpauste und sie mit Notenlinien versah. Dies geschah nicht mit dem Ziel einer Beliebigkeit bei der Aufführung, denn die resultierenden Werke waren nicht irgendwie zu spielen, sondern genau so.