Händler an der Börse in New York © dpa

Tausende Analysten helfen bei der Suche nach Antworten, die Charttechnik kümmert sich darum, Ökonomen geben Rat: Die Frage, wie sich Aktienkurse, die Renditen von Anleihen oder die Preise von Rohstoffen, Gold und Silber entwickeln, beschäftigt jeden Anleger. Mitunter werden selbst die obskursten Zeichen – Mondphasen, Sonnenflecken, Sternenkonstellationen – bemüht, um die eine, sichere, beste Prognose abzugeben.

Auch Computer werden eingespannt, besser: Sie werden mit den Meinungen der Analysten, mit charttechnischen Signalen und mathematischen Formeln gefüttert, produzieren dann einen Algorithmus, der vermeintlich objektive Vorhersagen ermöglicht und damit den Handel mit Wertpapieren zu einer womöglich sicheren Sache macht. In vielen Maschinenräumen des globalen Finanzsystems haben inzwischen Mathematiker, Physiker und Softwareschreiber das Sagen. Ihre Berechnungen bestimmen darüber, welche Aktie gekauft oder wieder verkauft wird.

Von dieser technischen Aufrüstung profitierten bisher überwiegend die großen Investmenthäuser; Kleinanlegern blieb nur, von Computerprogrammen gelenkte »Quant-Fonds« zu kaufen. Das soll sich ändern, verspricht der junge Quantenphysiker Tassilo Keilmann aus München. Er will dem Privatanleger die Möglichkeit bieten, es Banken und Großinvestoren gleichzutun und das Potenzial moderner Computeranalysen zu nutzen. Keilmann ist dabei nur einer von vielen – aber wer mit ihm spricht, lernt eine Menge darüber, welche Mechanismen die Börsen heute antreiben. Und welch kleine Rolle Fundamentaldaten und Langfristdenken dort noch spielen.

Keilmanns Start-up-Firma heißt AktienPrognose und betreibt eine Website gleichen Namens. Zusammen mit drei Kollegen hat Keilmann ein Prognosemodell entwickelt, das er vollmundig als »Demokratisierung von Hedgefonds« bezeichnet – und als Möglichkeit, dem »kollektiven Versagen von Experten und Banken« bei der Einschätzung der Wirtschafts- und Börsenentwicklung künftig zu entgehen und als Anleger »von steigenden wie fallenden Märkten zu profitieren«.

Für einen Laien wird es schwer, wenn er sich an einer Erklärung der quantenphysikalischen Grundlagen seines Modells versucht. Kurz gefasst geht es darum, dass Keilmann unter anderem die Ergebnisse seiner Promotion am Münchner Max-Planck-Institut für Quantenoptik mit Elementen sogenannter Schwarmintelligenz und einigen Sachverhalten der technischen Aktienanalyse kombiniert und daraus einen Algorithmus formt, der Prognosen etwa über den Dax und seine Aktien erlaubt.

Seit drei Jahren läuft der Probebetrieb, und glaubt man dem Jungunternehmer, ist das Programm ausgesprochen erfolgreich: Für die 359 eingestellten Aktiendepots ergab sich zwischen März und Juli 2012 ein durchschnittliches Plus von 41,5 Prozent. Der Dax dagegen verlor im selben Zeitraum 7,9 Prozent.

Das hört sich gut an. Tatsächlich zeigt auch eine kleine, völlig unwissenschaftliche und nicht repräsentative Überprüfung des Modells an vier aufeinander folgenden Handelstagen, dass die Vorhersagen, was den Dax betrifft, einigermaßen richtig sind – zumindest auf Sicht von 24 Stunden. Auch ein zweiter Test, wiederum im Ein-Tages-Rhythmus und dieses Mal mit der Aktie der Commerzbank, ergibt eine relativ große Treffsicherheit. Etwas anders sieht es dagegen aus, wenn AktienPrognose vier Tage in die Zukunft schauen soll: Da prophezeite der Algorithmus dem Dax beispielsweise für den 15. August den Sprung auf 7.070 Punkte. Immerhin schaffte der Index dann zwei Tage später knapp die Marke 7.000.