Staatsbesuch 1987Die Anerkennung

Mit seinem Staatsbesuch im September 1987 bei Kanzler Helmut Kohl in Bonn war SED-Chef Erich Honecker endlich am Ziel: Die Bundesrepublik akzeptierte die DDR als gleichberechtigten deutschen Staat.

Der Staatsratvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker (rechts) wird am 7. September 1987 von Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bonner Bundeskanzleramt empfangen.

Der Staatsratvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker (rechts) wird am 7. September 1987 von Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bonner Bundeskanzleramt empfangen.

Eine Premiere war es eigentlich nicht. Bereits 1970 hatte sich Bundeskanzler Willy Brandt mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph in Erfurt getroffen, noch im selben Jahr war Stoph zum Gegenbesuch nach Kassel gekommen, und 1981 hatte es die Begegnung zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker im mecklenburgischen Güstrow gegeben. Auch hatte Honecker schon manchen Westbesuch in Ost-Berlin empfangen: Von Petra Kelly und Hans-Jochen Vogel bis Lothar Späth und Franz Josef Strauß waren alle da gewesen. Doch diese Tage in Bonn vor 25 Jahren – das sollte erstmals ein richtiger Staatsbesuch werden, mit rotem Teppich, Hymne, Fahne und Ehrenformation der Bundeswehr. Es sollte nicht weniger als die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik werden, vor den Augen der Welt.

Lange schon ist der Besuch avisiert, zunächst noch als Gegenbesuch nach Schmidts Visite in Güstrow. Schmidts Nachfolger Helmut Kohl von der CDU hat nichts dagegen. Ganz wie sein großes Vorbild Konrad Adenauer kümmert er sich wenig um das Geschwätz von gestern und setzt die zuvor von der CDU noch als »Verrat an Deutschland« verteufelte Entspannungspolitik der sozialliberalen Regierungen unter Brandt und Schmidt pragmatisch fort.

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Schon am 24. Januar 1983, keine vier Monate im Amt, ruft der neue Kanzler Honecker an. Seine Stärke ist die persönliche Ansprache. »Heimat und Kriegserfahrung« – das sind Themen, die Kohl liebt und die er auch jetzt wieder bemüht. Ihrer beider »Landschaft von zu Hause aus« sei ähnlich, meint der Kanzler. Tatsächlich liegen Kohls Geburtsort Ludwigshafen und Honeckers Heimatstadt Neunkirchen im Saarland gerade mal neunzig Kilometer auseinander. Kohl wiederholt die Einladung Schmidts.

Doch immer kommt etwas dazwischen. Im Frühjahr bereits nimmt sich Kohls Erzrivale Franz Josef Strauß von der CSU den Kanzler zur Brust. Bayerns Ministerpräsident, der sich selbst als weltpolitischer Staatsmann begreift, traut dem Provinzler Kohl keine souveräne Deutschlandpolitik zu. Er sei strikt gegen eine Einladung Honeckers. Kohl erwidert, diese sei schon erfolgt. Der Streit wird wüst und laut, schließlich gehen die beiden Elefanten wutschnaubend auseinander.

Kurz darauf stirbt ein westdeutscher Lkw-Fahrer während eines Verhörs durch DDR-Grenzer. Strauß spricht von »Mord«. Der Besuch wird verschoben.

1984 ein neuer Anlauf. Doch da muss plötzlich die Villa Hammerschmidt, der Amtssitz des Bundespräsidenten, ganz dringend renoviert werden! Man könne in Bonn nicht empfangen und schlage als Ausweichquartier Falkenlust vor, ein allerliebstes Jagdschlösschen, das zum großen Brühler Schloss gehört. Ein DDR-Abgesandter erkundet das Terrain und befindet es, wohl nicht zu Unrecht, als zu abgelegen und unbedeutend.

Aber auch Honecker hat mit Widerständen zu kämpfen. Nicht aus den eigenen Reihen, versteht sich – es ist der große Bruder, der Schwierigkeiten macht. Die Herren im Kreml beäugen jede Annäherung zwischen den beiden Deutschland skeptisch und schätzen Honeckers Eigenmächtigkeiten wenig. Sie sagen kurzerhand njet, und Honecker muss kuschen. Daran ändert sich wenig, als 1985 Michail Gorbatschow die Macht übernimmt. Im April 1986 teilt Honecker dem Führer der Sowjetunion mit, dass er nach Bonn fahren möchte. Dazu sei nun nicht der Zeitpunkt, erwidert dieser kühl.

Die Atmosphäre ist in der Tat gespannt. Der Rüstungswettlauf im Kalten Krieg zwischen Ost und West ist in eine neue Phase getreten. Sowohl die UdSSR als auch die Nato haben in Europa nuklear »nachgerüstet«. Von New York bis Bonn demonstrieren Millionen Menschen gegen die atomare Bedrohung, auch im Osten rührt sich eine mutige Friedensbewegung. Aber ganz langsam nur, vor allem unter dem Druck der zusammenbrechenden Wirtschaft, lenkt der Kreml in der Raketenfrage ein, und auch in Washington kommt man zur Besinnung: Im Herbst 1986 beschwören US-Präsident Ronald Reagan und Kreml-Chef Gorbatschow bei einem Treffen auf Island zum ersten Mal das Ende des Kalten Krieges.

Unterdessen ist im kleinen Doppel-Deutschland etwas Seltsames passiert. 1983, kurz nach dem Tod des Lkw-Fahrers, meldet sich Honeckers V-Mann Alexander Schalck-Golodkowski bei Franz Josef Strauß in München. Er will sondieren. Grund: Die DDR braucht Geld, sofort. Honecker lässt ausrichten, er könne sich zwar auch an Moskau wenden, doch sei ihm der Westen lieber. Strauß fühlt sich geschmeichelt und macht etwas, wovon der SPD-Politiker und Mitarchitekt der Ostpolitik Egon Bahr später sagen sollte, für so etwas seien die Sozis »zu feig« gewesen: Honecker bekommt Geld ohne feste Zusagen. Strauß vermittelt dem Land im Niedergang 1984 einen Kredit des Bundes über umgerechnet eine halbe Milliarde Euro. Er, der größte Kommunistenfresser der deutschen Politik, muss dann seiner tobenden Basis erklären, warum er den Spendieraugust gibt, zugunsten einer schlingernden DDR. Kohls Glück: Strauß ist nun eingebunden in die Bonner Ostpolitik, er kann nicht mehr so leicht querschießen.

Im Januar 1987 wird Kohl wiedergewählt. Jetzt soll es endlich so weit sein. Im Februar taucht in Bonn Horst Sindermann auf, ein bis dahin wenig bekannter netter älterer Herr ohne Macht, aber mit Symbolwirkung: Er ist Präsident der Volkskammer, des Parlaments der DDR. Ihm folgt Günter Mittag, oberster Herr über die DDR-Wirtschaft. Im Sommer 1987 wird Bundespräsident Richard von Weizsäcker als – wie man damals sagte – »Eisbrecher« nach Moskau entsandt. Und schließlich hellt sich, nach dem Gipfeltreffen von Reykjavík, auch die sogenannte Großwetterlage auf: Die Verhandlungen zwischen Amerikanern und Russen über die Mittelstreckenraketen stehen vor dem Abschluss. Der Weg nach Bonn ist frei. Am 15. Juli 1987 wird Honeckers fünftägiger Besuch für den September angekündigt. Im Spiegel gratuliert Saarlands Ministerpräsident Oskar Lafontaine Ende August dem Gast über sieben Seiten zum 75. Geburtstag, in der ZEIT heißt ihn Altkanzler Helmut Schmidt herzlich willkommen.

2.400 Journalisten sind akkreditiert, 1.700 aus dem Ausland. Am Morgen des 7. September trifft Honecker auf dem Flughafen Köln/Bonn ein, Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble empfängt ihn. Protokollarisch handelt es sich um einen »Arbeitsbesuch eines Staatsoberhaupts mit Exekutivgewalt«. Lediglich ein paar Nickeligkeiten – von der Öffentlichkeit kaum bemerkt – muss der DDR-Chef in Kauf nehmen. So verkleinert Bonn die Motorradeskorte auf sieben Maschinen und verkürzt den roten Teppich. Auch tritt vor dem Kanzleramt nur eine reduzierte Ehrenformation an, und es gibt weder Salutschüsse noch den üblichen Geschenketausch. Pikanter ist schon, dass Außenminister Hans-Dietrich Genscher beim Empfang fehlt.

Vor allem auf Flagge und Hymne hat Ost-Berlin größten Wert gelegt, auch wenn Kohl bis zuletzt deswegen hadert – die »Spalterflagge« in Bonn! Schäuble setzt beides durch. Das Spielen der Hymne vor dem Kanzleramt ist für Politbüro-Mitglied Hermann Axen ein »Salut für Karl Marx«, während das Hissen der Flagge dort ein »Salut für Lenin« sei.

Einen großen Empfang für das diplomatische Korps, wie bei Staatsbesuchen eigentlich üblich, gibt es nicht, nur ein festliches Abendessen in der Godesberger Redoute. Gespannt wartet man auf die Tischreden. Nun ist Kohl am Zug. »Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung«, sagt der Kanzler. Honecker antwortet unbewegt, dass die »Unverletzlichkeit der Grenzen eine grundlegende Bedingung für den Frieden ist«. Alles wird vom Ostfernsehen live übertragen – das hat Bonn zuvor durchgesetzt. Was zudem verblüfft: Die DDR-Presse druckt die Reden ungekürzt ab. Das ostdeutsche Bedürfnis, den Staatsbesuch und damit die Feier der DDR-Souveränität auf jedes Komma genau zu dokumentieren, ist so groß, dass man selbst die Zensur außer Kraft setzt.

Honecker logiert, wie es ihm als Staatsgast gebührt, auf Schloss Gymnich, dem Gästehaus der Bundesregierung nordwestlich von Bonn. Dort empfängt er die Granden der westdeutschen Politik. Ganz oben auf der Liste steht freilich ein Mann, der den meisten Bundesbürgern unbekannt sein dürfte: Herbert Mies, Vorsitzender der von Ost-Berlin finanzierten Deutschen Kommunistischen Partei, die bei der Bundestagswahl 1983 0,2 Prozent der Stimmen erhalten hat und bei der Wahl 1987 gar nicht mehr angetreten ist. Es folgen Hans-Jochen Vogel (SPD), Björn Engholm (SPD), Alfred Dregger (CDU), Theo Waigel (CSU), Wolfgang Mischnick (FDP), Waltraud Schoppe (Die Grünen; sie kommt auf dem Motorrad) und Lothar Späth (CDU).

Anschließend geht es durch die Länder. Die Route ist recht südlastig, nach Nordrhein-Westfalen werden Rheinland-Pfalz, das Saarland und Bayern besucht. Im Kölner Haus des Deutschen Industrie- und Handelstags lauert der wahre Klassenfeind, die wichtigsten Industriekapitäne sind da. Nach marxistischer Theorie liegt die Macht ja bei den Kapitalisten, während die Politiker nur als Marionetten herumstrampeln. Später fährt der Tross weiter nach Essen, auf die Villa Hügel, die alte Krupp-Residenz. Es muss den Erzkommunisten um Honecker wie der Gang durch ein Spukschloss vorkommen, als Hausherr Berthold Beitz sie durch die pompösen Säle des Hauses führt. Doch der Stolz überwiegt: Günter Mittag platzt schier, weil, wie er später sagte, die »Bosse [...] strammstehen, wenn das DDR-Staatsoberhaupt kommt«. Auch Egon Krenz schwärmt noch rückblickend von der »Anerkennung« durch die Wirtschaft. Etwas nüchterner bilanziert der DDR-Diplomat Karl Seidel, »strammgestanden« hätten die Vorstände »gewiss nicht«, da die Bundesrepublik »der stärkere Partner im deutsch-deutschen Handel« gewesen sei. Zwischendrin ist noch Zeit für einen kurzen Abstecher nach Wuppertal, der Heimat von Friedrich Engels, wo der unvermeidliche Udo Lindenberg Honecker eine E-Gitarre mit dem sinnigen Aufdruck »Gitarren statt Knarren« überreicht.

Rheinland-Pfalz steht schon wegen Trier auf dem Programm, Karl Marx’ Geburtsort. Beim Empfang durch Ministerpräsident Bernhard Vogel kommt es indes zu einer Panne. 14 Tischreden hat die DDR-Delegation für Honeckers Reise vorbereitet – genau eine zu wenig. Aus irgendeinem Grund ist Trier vergessen worden. Hurtig wird ein magerer Text zusammengestoppelt. Doch ausgerechnet Vogel verliert sich in endlosen Lobpreisungen seines Gastes. Es folgt die karge Antwort Honeckers – »schon fast peinlich«, wie sich Karl Seidel erinnert.

Am 10. September geht es dann endlich in die Heimat, nach Neunkirchen im Saarland, wo Oskar Lafontaine den Gast liebevoll empfängt. Honecker kehrt im Vaterhaus ein, bei seiner Schwester Gertrud, trinkt dort Kaffee, besucht das Grab der Eltern. Die Neunkirchener zeigen sich freundlich, winken, rufen »Erich, Erich!«, ein Männerchor singt. Offenbar gerührt von der Begegnung mit den Orten seiner Kindheit und Jugend, beginnt Honecker von Dingen zu reden, die für die DDR eigentlich tabu sind. Die Grenzen seien nicht so, »wie sie sein sollten«. Es werde der Tag kommen, »an dem die Grenzen uns nicht trennen, sondern vereinen«. Die meisten Anwesenden glauben, nicht richtig gehört zu haben, und selbst mancher Wessi verdrückt ein Tränchen, als er den DDR-Herrscher so auftauen sieht. Ob Honecker damals tatsächlich eine Art Konföderation aus BRD und DDR vorgeschwebt haben mag, wie er es selber noch kurz vor seinem Tod 1994 in seinen Letzten Aufzeichnungen suggerierte?

Die westdeutschen Politiker gehen nicht weiter darauf ein. Ihrerseits bleibt es bei den üblichen Themen: Erleichterungen im Reiseverkehr, Bürgerrechte, Abrüstung. Bereits zuvor in Bonn sind drei kleinere Abkommen unterzeichnet worden, zum Informationsaustausch beim Strahlenschutz, zum Umweltschutz und ein Wissenschaftsabkommen. Ein zäher Streitpunkt bleibt der exakte Verlauf der innerdeutschen Elbgrenze – ob nun in der Strommitte (wie die DDR behauptet) oder am nördlichen Ufer.

Honecker seinerseits schweigt von den eigenen wirtschaftlichen Sorgen. Lange hat die Pipeline »Freundschaft« billiges Öl aus der Sowjetunion in die DDR gepumpt, doch auch im Kreml ringt man inzwischen mit der Staatspleite. Honecker will sein Lieblingsprojekt nicht aufgeben: die »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« – bessere Wohnungen, mehr Konsum. Die fade Warenwelt der DDR soll bunter werden. Das kostet. Wenn die Sowjetunion nicht mehr kann, dann muss eben Bonn ran.

Seit Langem schon lässt sich das Regime jede kleine Erleichterung an der innerdeutschen Grenze von der Bundesrepublik in Devisen bezahlen, und eines der Hauptexportgüter der DDR sind politische Gefangene. So kaufte die Bonner Regierung zwischen 1963 und 1989 insgesamt 33.755 Menschen frei – für einen Warenwert von umgerechnet anderthalb Milliarden Euro (denn man zahlte nicht nur mit Geld, sondern auch in Kupfer, Diamanten und Öl).

Die Bundesrepublik wird immer mehr zum Finanzier der DDR. Ob zinsloser Überziehungskredit, ob Zwangsumtausch, ob Einmalkredite, ob Geld gegen Humanitäres – Ost-Berlin erpresst und droht und wirbt und bettelt.

Auf westdeutscher Seite hat Honecker inzwischen einen gefunden, der da offen mitspielt und ihm bereits einen üppigen Kredit besorgt hat: Franz Josef Strauß. Zwar hat Bayerns Ministerpräsident, berüchtigt für seine bizarren Manöver, noch kurz vor dem Besuch Kohl geraten, Honecker nicht zu empfangen, da an dessen Händen Blut klebe. Jetzt aber kann er es gar nicht abwarten, das Ungeheuer aus Ost-Berlin in Bayerns Hauptstadt zu feiern.

Bereits im Jahr zuvor hat Strauß für sein Land eine »Polizeifahne« entwerfen lassen, die bei Staatsbesuchen gezeigt werden soll. Erstmals flattert sie bei Honeckers Auftritt am 11. September in München. Strauß, begeistert von Bayern, der Fahne und sich selbst, zieht alle Register. Seinerseits begierig, seinem Bayernland die Aura eines souveränen Staats zu verleihen, umschmeichelt er den Ostherrscher. Bonner Vorgaben wischt er vom Tisch. So hat man den Ländern bedeutet, dass die DDR-Hymne nur ein Mal, in Bonn, gespielt werden solle. Selbst Lafontaine hält sich daran.

Doch nicht Strauß! Er lässt sie gleich zwei Mal anstimmen, zu Beginn und am Ende des sechsstündigen Besuchs in München. Bayern habe »als einziges Land der Bundesrepublik« eine Ehrenformation der Polizei, schreibt der Staatschef in seinen Memoiren, »eine phantastische Musikkapelle, die jedem Bundeswehrmusikkorps ebenbürtig« sei. Honecker sei »sehr bewegt« gewesen. Außerdem gewährt Strauß die volle Motorradeskorte: 15 Maschinen. Das Mittagessen wird in Münchens schönstem Saal eingenommen, dem Antiquarium in der Residenz.

Honecker ist begeistert. Im Gespräch mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Klaus von Dohnanyi erinnerte er sich später gerührt an den Münchner Pomp. Sie hätten auch in Hamburg die DDR-Hymne gespielt, versichert Dohnanyi ein wenig säuerlich, wäre Honecker nur gekommen.

Mit den Münchner Festspielen endet der Besuch. Stolz fliegt die DDR-Delegation am 11.September zurück nach Berlin-Schönefeld.

In Westdeutschland bleibt »Honeckers Triumph« (FAZ) nicht ohne Eindruck. Selbst in der CDU überlegt man nun, auf das Gebot der Wiedervereinigung im Parteiprogramm zu verzichten. Ein entsprechender Antrag wird Ende 1987 für den Parteitag im folgenden Jahr vorbereitet. In seinem 2011 erschienenen Buch Polen und Deutsche kommt der ZEIT-Journalist Gunter Hofmann – nach vielen Gesprächen mit den damals Beteiligten – zu dem Schluss, dass auch Helmut Kohl, der spätere »Kanzler der Einheit«, zunächst nichts gegen eine solche »Modernisierung« hatte.

Doch bald schon sah die Welt ganz anders aus, und drei Jahre nach Honeckers Besuch waren die beiden Deutschland vereint. Es gehört zu den kuriosesten Volten der deutschen Geschichte, dass die DDR nach fast vierzigjährigem Ringen just in dem Augenblick von der Bundesrepublik als unabhängiger Staat akzeptiert wurde, in dem sie selber schon Vergangenheit war.

 
Leser-Kommentare
  1. "Nach marxistischer Theorie liegt die Macht ja bei den Kapitalisten, während die Politiker nur als Marionetten herumstrampeln."
    Nur: Was, bitte, ist daran heutzutage noch "Theorie"?

    8 Leser-Empfehlungen
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    Nachdem die Mehrheit des Volkes Kapitalisten sind liegt wohl die Macht beim Volk ;)

    Nachdem die Mehrheit des Volkes Kapitalisten sind liegt wohl die Macht beim Volk ;)

  2. Das Erich Honecker zum Staatsbesuch in Deutschland war, ist sicher eine gute Sache gewesen gemäß der christlichen Tradition " Achte Deine Feinde, lieben musst Du sie nicht". Das dann nach dem Zusammenbruch der DDR der Staatsbesucher in Deutschland vor ein Gericht gestellt wurde, war in einem von den Christdemokraten regierten Land weniger gut. Die christliche Kirche gewährte ihm Kirchenasyl bis zur Verhaftung. Das er dann aufgrund seiner Krebserkrankung freigelassen wurde, war dann doch wieder ein Akt der Nächstenliebe.

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    • R.C.
    • 07.09.2012 um 14:32 Uhr

    Es war der Anfang vom Ende! Warum sollte der Maurerlehrlingsabbrecher ans Grab seiner Eltern straffrei dürfen, während sein von Wachpersonal in Schach gehaltenes Volk dies nur unter Einsatz des Lebens oder für absurde Spitzeldienste durfte. Honecker war sicher kein Stalin und kein Hitler und doch ist er ein Operettendiktator. Da mag man zu Kohl stehen wie man mag - er war neben dem Machtpolitiker ein Europäer, der sein Volk nicht einbetonieren wollte. Und genau an der Stelle fehlt es an Augenhöhe. Es ist schon traurig, wie ein Mythos von DDR und dem sich selbst entlarvenden Spießer-Diktator des Proletariats im Entstehen ist.

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    Der Anfang vom Ende war die Illusion des realexistierenden Kommunismus - dieser wurde mit Zäunen und Schulden in die Länge gezogen.

    • APGKFT
    • 08.09.2012 um 8:13 Uhr

    war nur die "Arschkriecherei" von HK. Man kann das nicht einfach uminterpretieren!

    Bitte achten Se auf eine angemessene, sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/ls

    Der Anfang vom Ende war die Illusion des realexistierenden Kommunismus - dieser wurde mit Zäunen und Schulden in die Länge gezogen.

    • APGKFT
    • 08.09.2012 um 8:13 Uhr

    war nur die "Arschkriecherei" von HK. Man kann das nicht einfach uminterpretieren!

    Bitte achten Se auf eine angemessene, sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/ls

  3. ... Die DDR-Presse druckt die Reden ungekürzt ab."

    Was ist daran verblüffend? Wer das alte DDR-ND kennt, wird sich an viele im Original abgedruckte Reden erinnern. Gorbatschows Reden im ND waren damals eine Offenbarung. Heute werden Politikerstatements leider meist nur zusammengefasst und kommentiert, was mir persönlich die Meinungsbildung erschwert.

    Und es gab so ziemlich zeitgleich noch eine andere Annäherung, von der in den letzten Jahren nur sehr wenig gesprochen wird:
    "Seit 1984 trafen sich jeweils zwischen 7 und 11 Vertreter der Grundwertekommission der SPD und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED zu mehrtägigen Gesprächsrunden. Auf dem vierten Treffen 1986 in Freudenstadt wurde die Sicherheitspolitik thematisiert und die Idee eingebracht, ein gemeinsames Positionspapier zu entwerfen. Am 27. August 1987 wurde das Papier zugleich in der Bundesrepublik und der DDR auf Pressekonferenzen der Öffentlichkeit vorgestellt." ( http://www.fes.de/archiv/... )

    Hier zwei Quellen zum Text, der auch ungekürzt im ND zu lesen war:

    http://library.fes.de/lib...

    http://www.neues-deutschl...

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  4. zeigte sich insbesondere in deren kindlicher Begeisterung für die Zeremonien, die zu Ehren der Gäste aus Ost-Deutschland abgehalten wurden. Die Deutung von Hymne und Flagge als Salute für Marx und Lenin, der Empfang eines völlig unbedeutenden kommunistischen Parteiführers (Herbert Mies), das war nicht staatmännisch, das war Folklore.
    Aber ebenso beschämend: Die Handstände, die von den lokalen Größen Westdeutschlands vollführt wurden. Auch und gerade im Osten wurde sehr wohl wahrgenommen, dass Helmut Kohl die Bauchschmerzen anzusehen waren, Honecker bei sich zu haben; ebenso wurde aber auch wahrgenommen, wie sehr sich die Ministerpräsidenten in Gefallsucht überschlugen.

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  5. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mk

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    der anerkannte Staatschef der DDR gewesen ist und somit rechtlich auch gar nicht hätte in Haft genommen werden dürfen. Selbst, wenn Kohl gewollt hätte, wäre es ihm verwehrt geblieben.
    Schröder oder Merkel hätten ja auch nicht G. W. Bush einfach verhaften lassen können, nur, weil der völlig rechtsstaatswidrig Menschen ohne Verfahren jahrelang in Guantanamo festsetzen und auch foltern ließ.

    Es wäre dann wohl ein deutsch-deutsches Netz von Ketten geworden, in das die Gewinnler am innerdeutschen Handel auf der Westseite auch hätten gelegt werden müssen.

    Der Spiegel, 13/1985: "Die Bemühungen von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, den innerdeutschen Handel anzukurbeln, tragen erste Früchte ... Die Bundesregierung verspricht sich damit eine Zunahme des Handelsvolumens um eine Milliarde Mark." ( http://www.spiegel.de/spi... )

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie hier das Artikelthema. Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke, die Redaktion/mk

    der anerkannte Staatschef der DDR gewesen ist und somit rechtlich auch gar nicht hätte in Haft genommen werden dürfen. Selbst, wenn Kohl gewollt hätte, wäre es ihm verwehrt geblieben.
    Schröder oder Merkel hätten ja auch nicht G. W. Bush einfach verhaften lassen können, nur, weil der völlig rechtsstaatswidrig Menschen ohne Verfahren jahrelang in Guantanamo festsetzen und auch foltern ließ.

    Es wäre dann wohl ein deutsch-deutsches Netz von Ketten geworden, in das die Gewinnler am innerdeutschen Handel auf der Westseite auch hätten gelegt werden müssen.

    Der Spiegel, 13/1985: "Die Bemühungen von Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann, den innerdeutschen Handel anzukurbeln, tragen erste Früchte ... Die Bundesregierung verspricht sich damit eine Zunahme des Handelsvolumens um eine Milliarde Mark." ( http://www.spiegel.de/spi... )

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie hier das Artikelthema. Anmerkungen zur Moderation können Sie an community@zeit.de senden. Danke, die Redaktion/mk

  6. der anerkannte Staatschef der DDR gewesen ist und somit rechtlich auch gar nicht hätte in Haft genommen werden dürfen. Selbst, wenn Kohl gewollt hätte, wäre es ihm verwehrt geblieben.
    Schröder oder Merkel hätten ja auch nicht G. W. Bush einfach verhaften lassen können, nur, weil der völlig rechtsstaatswidrig Menschen ohne Verfahren jahrelang in Guantanamo festsetzen und auch foltern ließ.

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  7. "Der Tag, an dem Honecker und Kohl auf Augenhöhe waren"

    ...und dann das Bild. Honecker ist 1,50m und Helmut Kohl 2,50m groß :DDD

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    Julian87 Augenhöhe ? "Der Tag, an dem Honecker und Kohl auf Augenhöhe waren" ...und dann das Bild. Honecker ist 1,50m und Helmut Kohl 2,50m groß :DDD

    Für mich ver"körperten" Kohl und de Maizière die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse immer am überzeugensten ;)

    Ja, lustig diese Augenhöhe.
    Es war schon irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, wie man den Zwerg da hofiert hat. Der Mann konnte nicht mal "Deutsche Demokratische Republik" ausprechen. Ich lache da heute noch drüber.
    Aber Honnecker hätte wissen müssen, dass man sich auf Kohl nicht verlassen kann. Kaum war die Mauer weg, war nix mehr mit Anerkennung, er wurde angeklagt. Nur schade,dass man Kohl nicht direkt daneben gesetzt hat. Don Kohlione aus Oggersheim und Bruder Lustig aus dem Saarland. Meih- was kann einem da die Hutschnur hoch gehen, wenn man sich erinnert, was die alles angestellt haben. Die Ostdeutschen werden sich sicher bedanken bei beiden, dass sie nun "frei" sind, aber gar nichts mehr haben, zwar reisen könnten- wenn sie es denn könnten- finanziell gesehen und die blühenden Landschaften- tja, da warten die immer noch drauf.
    Ein schlechter Film - mit Fortsetzung. Die Frage ist, warum es bis heute keine Wiedervereinigung gibt, sondern nur einen Beitritt. Eine gemeinsame Verfassung ist nicht da. Oder werden wir ein Bundesstaat der EU? und wir lesen unsern Enkel dann mal die Geschichte vor.
    Es war einmal...

    Julian87 Augenhöhe ? "Der Tag, an dem Honecker und Kohl auf Augenhöhe waren" ...und dann das Bild. Honecker ist 1,50m und Helmut Kohl 2,50m groß :DDD

    Für mich ver"körperten" Kohl und de Maizière die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse immer am überzeugensten ;)

    Ja, lustig diese Augenhöhe.
    Es war schon irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, wie man den Zwerg da hofiert hat. Der Mann konnte nicht mal "Deutsche Demokratische Republik" ausprechen. Ich lache da heute noch drüber.
    Aber Honnecker hätte wissen müssen, dass man sich auf Kohl nicht verlassen kann. Kaum war die Mauer weg, war nix mehr mit Anerkennung, er wurde angeklagt. Nur schade,dass man Kohl nicht direkt daneben gesetzt hat. Don Kohlione aus Oggersheim und Bruder Lustig aus dem Saarland. Meih- was kann einem da die Hutschnur hoch gehen, wenn man sich erinnert, was die alles angestellt haben. Die Ostdeutschen werden sich sicher bedanken bei beiden, dass sie nun "frei" sind, aber gar nichts mehr haben, zwar reisen könnten- wenn sie es denn könnten- finanziell gesehen und die blühenden Landschaften- tja, da warten die immer noch drauf.
    Ein schlechter Film - mit Fortsetzung. Die Frage ist, warum es bis heute keine Wiedervereinigung gibt, sondern nur einen Beitritt. Eine gemeinsame Verfassung ist nicht da. Oder werden wir ein Bundesstaat der EU? und wir lesen unsern Enkel dann mal die Geschichte vor.
    Es war einmal...

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