Staatsbesuch 1987Die Anerkennung

Mit seinem Staatsbesuch im September 1987 bei Kanzler Helmut Kohl in Bonn war SED-Chef Erich Honecker endlich am Ziel: Die Bundesrepublik akzeptierte die DDR als gleichberechtigten deutschen Staat.

Der Staatsratvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker (rechts) wird am 7. September 1987 von Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bonner Bundeskanzleramt empfangen.

Der Staatsratvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker (rechts) wird am 7. September 1987 von Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bonner Bundeskanzleramt empfangen.

Eine Premiere war es eigentlich nicht. Bereits 1970 hatte sich Bundeskanzler Willy Brandt mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph in Erfurt getroffen, noch im selben Jahr war Stoph zum Gegenbesuch nach Kassel gekommen, und 1981 hatte es die Begegnung zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker im mecklenburgischen Güstrow gegeben. Auch hatte Honecker schon manchen Westbesuch in Ost-Berlin empfangen: Von Petra Kelly und Hans-Jochen Vogel bis Lothar Späth und Franz Josef Strauß waren alle da gewesen. Doch diese Tage in Bonn vor 25 Jahren – das sollte erstmals ein richtiger Staatsbesuch werden, mit rotem Teppich, Hymne, Fahne und Ehrenformation der Bundeswehr. Es sollte nicht weniger als die Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik werden, vor den Augen der Welt.

Lange schon ist der Besuch avisiert, zunächst noch als Gegenbesuch nach Schmidts Visite in Güstrow. Schmidts Nachfolger Helmut Kohl von der CDU hat nichts dagegen. Ganz wie sein großes Vorbild Konrad Adenauer kümmert er sich wenig um das Geschwätz von gestern und setzt die zuvor von der CDU noch als »Verrat an Deutschland« verteufelte Entspannungspolitik der sozialliberalen Regierungen unter Brandt und Schmidt pragmatisch fort.

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Schon am 24. Januar 1983, keine vier Monate im Amt, ruft der neue Kanzler Honecker an. Seine Stärke ist die persönliche Ansprache. »Heimat und Kriegserfahrung« – das sind Themen, die Kohl liebt und die er auch jetzt wieder bemüht. Ihrer beider »Landschaft von zu Hause aus« sei ähnlich, meint der Kanzler. Tatsächlich liegen Kohls Geburtsort Ludwigshafen und Honeckers Heimatstadt Neunkirchen im Saarland gerade mal neunzig Kilometer auseinander. Kohl wiederholt die Einladung Schmidts.

Doch immer kommt etwas dazwischen. Im Frühjahr bereits nimmt sich Kohls Erzrivale Franz Josef Strauß von der CSU den Kanzler zur Brust. Bayerns Ministerpräsident, der sich selbst als weltpolitischer Staatsmann begreift, traut dem Provinzler Kohl keine souveräne Deutschlandpolitik zu. Er sei strikt gegen eine Einladung Honeckers. Kohl erwidert, diese sei schon erfolgt. Der Streit wird wüst und laut, schließlich gehen die beiden Elefanten wutschnaubend auseinander.

Kurz darauf stirbt ein westdeutscher Lkw-Fahrer während eines Verhörs durch DDR-Grenzer. Strauß spricht von »Mord«. Der Besuch wird verschoben.

1984 ein neuer Anlauf. Doch da muss plötzlich die Villa Hammerschmidt, der Amtssitz des Bundespräsidenten, ganz dringend renoviert werden! Man könne in Bonn nicht empfangen und schlage als Ausweichquartier Falkenlust vor, ein allerliebstes Jagdschlösschen, das zum großen Brühler Schloss gehört. Ein DDR-Abgesandter erkundet das Terrain und befindet es, wohl nicht zu Unrecht, als zu abgelegen und unbedeutend.

Aber auch Honecker hat mit Widerständen zu kämpfen. Nicht aus den eigenen Reihen, versteht sich – es ist der große Bruder, der Schwierigkeiten macht. Die Herren im Kreml beäugen jede Annäherung zwischen den beiden Deutschland skeptisch und schätzen Honeckers Eigenmächtigkeiten wenig. Sie sagen kurzerhand njet, und Honecker muss kuschen. Daran ändert sich wenig, als 1985 Michail Gorbatschow die Macht übernimmt. Im April 1986 teilt Honecker dem Führer der Sowjetunion mit, dass er nach Bonn fahren möchte. Dazu sei nun nicht der Zeitpunkt, erwidert dieser kühl.

Die Atmosphäre ist in der Tat gespannt. Der Rüstungswettlauf im Kalten Krieg zwischen Ost und West ist in eine neue Phase getreten. Sowohl die UdSSR als auch die Nato haben in Europa nuklear »nachgerüstet«. Von New York bis Bonn demonstrieren Millionen Menschen gegen die atomare Bedrohung, auch im Osten rührt sich eine mutige Friedensbewegung. Aber ganz langsam nur, vor allem unter dem Druck der zusammenbrechenden Wirtschaft, lenkt der Kreml in der Raketenfrage ein, und auch in Washington kommt man zur Besinnung: Im Herbst 1986 beschwören US-Präsident Ronald Reagan und Kreml-Chef Gorbatschow bei einem Treffen auf Island zum ersten Mal das Ende des Kalten Krieges.

Leser-Kommentare
  1. ...fand ich den Honecker ja nicht viel schlimmer als wie den Kohl (das liegt wohl daran, daß mir jemand, der ein Nazi-Zuchthaus von innen kennt grundsätzlich sympathischer ist, als wie ein 'begnadeter Spätgeborener'). Machtpolitiker waren sie beide.

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  2. Ja, lustig diese Augenhöhe.
    Es war schon irgendwie ein merkwürdiges Gefühl, wie man den Zwerg da hofiert hat. Der Mann konnte nicht mal "Deutsche Demokratische Republik" ausprechen. Ich lache da heute noch drüber.
    Aber Honnecker hätte wissen müssen, dass man sich auf Kohl nicht verlassen kann. Kaum war die Mauer weg, war nix mehr mit Anerkennung, er wurde angeklagt. Nur schade,dass man Kohl nicht direkt daneben gesetzt hat. Don Kohlione aus Oggersheim und Bruder Lustig aus dem Saarland. Meih- was kann einem da die Hutschnur hoch gehen, wenn man sich erinnert, was die alles angestellt haben. Die Ostdeutschen werden sich sicher bedanken bei beiden, dass sie nun "frei" sind, aber gar nichts mehr haben, zwar reisen könnten- wenn sie es denn könnten- finanziell gesehen und die blühenden Landschaften- tja, da warten die immer noch drauf.
    Ein schlechter Film - mit Fortsetzung. Die Frage ist, warum es bis heute keine Wiedervereinigung gibt, sondern nur einen Beitritt. Eine gemeinsame Verfassung ist nicht da. Oder werden wir ein Bundesstaat der EU? und wir lesen unsern Enkel dann mal die Geschichte vor.
    Es war einmal...

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Augenhöhe ? "
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    Stimmt - es ist Herbst, da blüht nix mehr.

    Ansonsten sieht der Osten nicht nur im Frühjahr blühender aus als so manche Region im Westen Deutschlands.
    Nur Blinde und/oder Ideologen schließen lieber die Augen.

    Friedericke MB: Weg vom Schreibtisch, Augen auf im Osten und die blüheneden Landschaften entdecken. Alles andere beleidigt - die Ostdeutschen ...

    Stimmt - es ist Herbst, da blüht nix mehr.

    Ansonsten sieht der Osten nicht nur im Frühjahr blühender aus als so manche Region im Westen Deutschlands.
    Nur Blinde und/oder Ideologen schließen lieber die Augen.

    Friedericke MB: Weg vom Schreibtisch, Augen auf im Osten und die blüheneden Landschaften entdecken. Alles andere beleidigt - die Ostdeutschen ...

    • APGKFT
    • 08.09.2012 um 8:13 Uhr

    war nur die "Arschkriecherei" von HK. Man kann das nicht einfach uminterpretieren!

    Bitte achten Se auf eine angemessene, sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Augenhöhe?"
  3. Fehler im Artikel:
    Der westdeutsche Teilstaat hat den ostdeutschen nie völkerrechtlich anerkannt. Es gab stets besondere, eben innerdeutsche Beziehungen. Und es gab keine Botschafter, sondern Ständige Vertreter. Warum wohl?
    Es gab 2 Staaten in Deutschland, nicht 2 Deutschlands. Warum wohl?
    CSU-Strauß erreichte mit der Vermittlung eines Milliarden-DM-Kredits den Abbau der Selbstschussanlagen an der Grenze. Warum verschweigt der Autor das? Ein Spendieraugust war Strauß gewiss nicht.
    Schäuble setzte den Besuch des Diktators Honecker in Bonn durch. CDU-Kohl war stets skeptisch, hatte Bauchschmerzen. Man sah es ihm förmlich an. Honecker sagte im vollen Wortlaut: Es werde der Tag kommen, "an dem die Grenzen uns nicht trennen, sondern vereinen, so wie uns die Grenze zwischen der DDR und Polen vereint." Warum verzerrt der Autor den Sinn des Zitats durch Verkürzung?
    Das Wiedervereinigungsgebot wollte maßgeblich Heiner Geißler streichen. Dafür wurde er von Kohl geschasst. So war das damals! Kohl hielt immer an der Wiedervereinigung fest. Es waren die SPD-Granden Brandt und Bahr, die von "Lebenslügen" sprachen und von "politischer Umweltverschmutzung", wenn man die Einheit der Nation in einem Staat postulierte.

    Entweder man ist Historiker oder Journalist. Beides scheint schwer zusammen zu gehen, denn der Historiker sollte Fakten vermitteln, der Journalist darf kommentieren. Die Vermischung von beidem führt zur Unwahrheit. Politische Interessen ergeben Geschichtsklitterei.

  4. Stimmt - es ist Herbst, da blüht nix mehr.

    Ansonsten sieht der Osten nicht nur im Frühjahr blühender aus als so manche Region im Westen Deutschlands.
    Nur Blinde und/oder Ideologen schließen lieber die Augen.

    Friedericke MB: Weg vom Schreibtisch, Augen auf im Osten und die blüheneden Landschaften entdecken. Alles andere beleidigt - die Ostdeutschen ...

    Antwort auf "Augenhöhe"
  5. 22. [...]

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    Antwort auf "Eigentlich..."
  6. 23. [...]

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