Der Schnuller hatte keine Chance. Wie einen Fetzen Papier wirbelt ihn der Sturm über den Rand der Nordkapklippe. 307 Meter weiter unten: der arktische Ozean, ein schäumender Schlund. Oben: mein Sohn Frederik, sechs Monate, und ich, schreckensstarr. Es ist der dritte Schnuller, den wir auf dieser Reise verlieren. Der dritte von vier. Langsam wird die Lage ernst.

Als Familie mit Baby zu verreisen sei klasse, hatten mir Freunde versichert. So ein Trip schweiße ganz toll zusammen, außerdem habe, wer mal auf den Stufen des Tadsch Mahal die Windeln gewechselt habe, auf Partys immer was Verrücktes zu erzählen. Allein mit Baby zu verreisen sei allerdings die Hölle. Keiner, der beim Schleppen des Kleinlasters an Baby-Equipment hilft. Keiner, der den Nachwuchs mal hält, wenn man im Zentrum von Paris dringend aufs Klo muss.

Ich wollte es trotzdem wagen. Nach sechs Monaten zwischen Wickeltisch, Waschmaschine und Fläschchenwärmer sehnte ich mich nach einem Tapetenwechsel: Endlich wieder was sehen von der Welt! Die ewige Müdigkeit vom Fahrtwind wegblasen lassen. Den schmerzenden Rücken auf fremde Matratzen betten. Mein Mann konnte keinen Urlaub nehmen. Also zogen Frederik und ich allein los.

Die Reiseplanung gestaltete sich kurz. Alle Transportmittel meiner Vorelternzeit – Bahn, Flugzeug, Auto, Rad – fielen sofort weg: Zu viel Gepäck, zu wenige Hände beim Einladen, Ausladen, Umsteigen, Hotelwechseln. Um Unterwegssein und Erholung zumindest ansatzweise zu verbinden, musste ich neue Wege beschreiten: Ich, sonst überzeugte Individualreisende, buchte eine Kreuzfahrt.

Als schwimmendes Baby-Basislager sollte uns ein mit Lift, Krankenstation und Klimaanlage ausgestatteter Ozeanriese samt Windel-, Fläschchen- und Stofftierreservoir ganz entspannt in die Ferne schaukeln. Von Hamburg aus zwei Wochen nach Norwegen, Island und Schottland – weil da die Sommertemperaturen im babyfreundlichen Bereich zwischen 15 und 20 Grad pendeln. Auf einem Aida-Clubschiff – weil Frederik dort, anders als auf manchen anderen Kreuzfahrtschiffen, trotz seines zarten Alters mit an Bord durfte.

Und auch weil ich hoffte, inmitten leger gekleideter und quietschfideler Clubschiff-Urlauber mit meiner breibefleckten Garderobe und einem gleichermaßen quietschenden wie fidelen Sohn nicht ganz so aufzufallen wie auf einem gediegenen Luxusdampfer.

An einem milden Samstagnachmittag gehen wir an Bord der Aidamar, des neuesten Mitglieds der Aida-Flotte – zusammen mit rund 2300 anderen Nordlandreisenden: Viele dezent gebräunte, meist eher reife Gesichter sind zu sehen, gedeckte Garderobe, leichtes Handgepäck. Dazwischen bahnt sich ein grellbuntes Etwas seinen Weg: 72 Windeln, 28 Breigläschen, sechs Stofftiere, fünf Fläschchen, vier Schnuller, zwei Kilo Milchpulver und ein protestierender Halbjähriger auf einem schwankenden Kinderwagen, dahinter eine junge Frau mit von der Schulter rutschender Ikea-Tüte und Hektikflecken – mein Sohn Frederik und ich.

Nach so einem Einstand kann man sich die Hoffnung auf Anonymität getrost abschminken. Egal, wann wir uns in den nächsten Tagen aus der Kabine stehlen, egal, auf welchen Schleichwegen wir über die 14 Decks unseres neuen Zuhauses pirschen – stets umringt uns binnen Minuten eine verzückt gurrende Menge. Damen mit Pudellöckchen erkundigen sich nach Schlafverhalten und Verdauung ("Wie verträgt der kleine Mann das Schaukeln?"), sonnengegerbte Herren im Bademantel tätscheln Frederiks schütteren Babyschopf ("Na, du zukünftiger Rentenzahler!"), Paare auf Silberhochzeitsreise schießen Erinnerungsfotos ("Unsere Enkelin sieht genauso aus. Wie heißt denn die Kleine?").

Frederik quietscht, strampelt und genießt sein Celebrity-Dasein. Seine Mutter hingegen, zunächst noch erleichtert über die Freundlichkeit, ist schon am zweiten Tag mit den Nerven am Ende: Wie unterscheidet man bloß ein halbes Dorf fast ausnahmslos in Jack Wolfskin gewandeter Menschen voneinander? Wie stark muss die Windel des Sohnes im Kinderwagen müffeln, bis man einer Mitreisenden mit Rollator den heiß umkämpften Lift wegschnappen darf? Vor allem aber: Wie finde ich auf dieser Reise trotz Baby und Fanpulk die heiß ersehnte Ruhe?

Meine Hoffnung ist Bergen, unsere erste Station. Eine Stadt wie eine zwischen Hügeln ausgekippte Spielzeugkiste. Holzhäuser, Parks, Bullerbü-Familien. Wo runterkommen, wenn nicht hier?

Wir sind nicht die einzigen Gäste. Drei weitere Kreuzfahrtschiffe haben an diesem Morgen angelegt. Ein breiter Strom aus trotz Sonnenschein fest in Funktionskleidung eingeschnürten Briten, Italienern, Deutschen und Niederländern flutet die Treppchen und Häuschen des ehemaligen Hanseviertels Bryggen, brandet über den Fischmarkt und ins Wirrwarr der Altstadtgassen. Umschwänzelt von beflissenen Souvenirhändlern, die Walfischwürste und Elchtassen anpreisen. Mittendrin: wir.

Soll das die erhoffte Erholung sein? In der Schlange vor der Seilbahn zum Fløyenberg, eingepfercht zwischen einem Softeis schleckenden Paar aus Franken und zwei Italienerinnen, die kichernd Norwegermützen anprobieren, beschließe ich umzukehren: Auf dem Schiff ist es jetzt sicher herrlich ruhig.