Weltwirtschaft Der Westen kann gut mithalten
Doch im Wettbewerb mit China müssen Deutschland und die USA ihre Demokratie reformieren.
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Ein chinesischer Lastwagenfahrer wartet auf die Abfahrt.
Vergessen wir einmal die Euro-Krise. Nur für einige ZEIT-Seiten. Sie geht irgendwann vorüber. Banken, Bürger und ganze Staaten in Europa haben zu viele Schulden aufgenommen, die Rechnung geht in die Billionen, und begleichen kann Europa sie durch Bankrotte, Jahre der Sparsamkeit oder gemeinsame Verschuldung. Irgendeine Mischung wird es werden, und dann ist die Krise vorbei.
Etwas anderes wird dann überhaupt nicht vorbei sein: der globale Wettbewerb zwischen Ländern, Regionen, Wirtschafts- und Staatsmodellen. Er tobt schon viel länger als die Krise und wurde von dieser auch nicht unterbrochen. Im Gegenteil. Während der reiche Westen in den vergangenen fünf Jahren stagnierte, sind die Volkswirtschaften der Schwellenländer in Asien und Südamerika kräftig gewachsen. Man kann sich das vorstellen wie einen Marathon, bei dem die Führenden einen Unfall hatten und sich eine Pause gönnen. Entsprechend stark haben die Herausforderer aufgeholt.
Wo also stehen wir?
Krise ringsum in Europa, doch Deutschland geht es gut. Der Staat erzielte gerade einen Überschuss, mehr Jobs als jetzt hatten wir noch nie, und unsere Industrie gilt der Welt als Vorbild. In weniger als zehn Jahren hat sich die deutsche Wirtschaft aus dem Tal auf den Gipfel gearbeitet.
Anders die USA. Ihr Defizit steigt schneller als eine Apollo-Rakete, Jobs sind Mangelware, und in der Politik herrscht Mutlosigkeit. Den Amerikanern geht es, von Wall-Street-Bankern und anderen mit Steuergeschenken gesegneten Reichen einmal abgesehen, ausgesprochen schlecht.
Deutschland oben, Amerika unten – so wird es nicht bleiben. Fast unbemerkt vom Rest der Welt entdecken die Vereinigten Staaten gerade neue Stärken. Weil sie mit viel Technologie und wenig Skrupeln neues Gas und Öl aus den Tiefen ihrer Landmasse pressen, profitiert ihre Wirtschaft von besonders günstigen Energiepreisen. Industriekonzerne wie General Electric eröffnen daheim schon neue Fabriken. Und selbst bei den desolaten Staatsfinanzen lässt sich Amerika einiges einfallen – nicht in Washington, da herrscht Stillstand, wohl aber in den Hauptstädten einzelner Bundesstaaten, die fest auf der Schuldenbremse stehen.
Deutschland dagegen lebt vor allem von vergangenen Reformen. Von Gerhard Schröders Agenda 2010. Von hochflexiblen Tarifverträgen. Von gesunkenen Steuersätzen. Aber irgendwann ist der Wachstumsschub vorbei, und neuen Wohlstand muss das Land sich neu verdienen. Doch während Berlin mit der Euro-Krise und den Partnerländern ringt, versäumt Deutschland eine Agenda 2020, die das nächste kleine Wirtschaftswunder entfachen könnte.
Kapitalismus ist eine Achterbahnfahrt, im Wettbewerb zwischen den westlichen Industrienationen sind mal die Angelsachsen mit ihrem von Freiheit und Ungleichheit geprägten System vorn, mal die Deutschen und ihre Nachbarn mit ihrer etwas stabileren sozialen Marktwirtschaft.
Lange hat dieser transatlantische Wettbewerb die Debatte bestimmt, heute ist er zweitrangig.
Nicht Amerika und Europa liefern sich den wahren Systemkampf, sondern der Westen und der Osten. Zwar wird China irgendwann, vielleicht schon bald, seine eigene Krise erleben – fast zehn Prozent Wachstum im Jahr hält auf Dauer keine Volkswirtschaft aus –, aber sein Aufstieg wird dank der hungrigen Arbeiter in den Provinzen und der klugen Wirtschaftspolitik in Peking weitergehen.
Die Konkurrenz der Systeme dürfte sich deshalb zuspitzen. Chinas steigende Löhne bleiben noch lange niedriger als die unseren, die jungen Leute dort sind ehrgeizig und bildungshungrig. Und der chinesische Staat wird wahrscheinlich liberaler, wenn der Reichtum wächst, aber demokratisch wird er nicht.
Kann der Westen in diesem Kampf bestehen? Der Vergleich auf den folgenden Seiten zeigt: Ja, er kann. Er kann vom Aufstieg der Chinesen profitieren und selbst seinen Wohlstand vergrößern. Dafür ist Deutschland tatsächlich ein Vorbild: Derzeit liefern seine Mittelständler von der Schwäbischen Alb bis zum Emsland den Chinesen und anderen aufstrebenden Nationen die Maschinen und Produktionsideen für ihr Wachstum. Sie verkaufen ihnen die Autos für ihre Mobilität, und sie entwerfen die Blaupausen für ihre Gebäude und Stadtplanungen. Sie tun das aus der Ruhe einer Marktwirtschaft heraus, die sozialen Frieden mit Innovation verbindet – und sogar führend ist beim Versuch, grüne Energie zu produzieren.
Gleichwohl: Es geht heiß her im Wettbewerb. Die billigen Chinesen haben ganze Berufsgruppen in Deutschland hinweggefegt. Aber dafür entstanden neue. Das Sozial- und Steuersystem wurde durch die Globalisierung durcheinandergewirbelt, einige haben massiv an Wohlstand gewonnen, viele andere etwas verloren. Aber die Deutschen haben vom Grundsatz her immer noch einen Staat, der die Armen unterstützt und den Reichen dafür etwas wegnimmt.
Die westliche Wirtschaft muss veränderungsbereit sein, wenn sie zu den Gewinnern zählen will. Das ist die eine Lehre aus dem Wettbewerb der Systeme. Doch die Gesellschaften bestehen aus mehr als nur aus Wirtschaft, wie gerade die Gegner der allumfassenden Ökonomisierung beständig betonen. Da liegt die andere, die weiter reichende Lehre, die oft mit Kopfschütteln abgetan wird: Auch die Demokratie muss bereit sein, sich zu wandeln.
Die Gegner der Ökonomisierung haben recht, Wirtschaft ist beileibe nicht alles. Bloß begehen gerade sie oft den Fehler, so zu tun, als sei außerhalb der Wirtschaft alles in Ordnung – als sei es allein Sache der Ökonomie, den Kampf zu gewinnen und unseren Wohlstand in Freiheit zu verteidigen. Doch reden wir über Systemwettbewerb, dann muss neben der Wirtschaft auch die Demokratie bestehen.
Meistens gilt sie als sakrosankt, und das ist ein Problem. Zwar fußt sie tatsächlich auf Prinzipien, die nicht angetastet werden dürfen. Aber ihre einzelnen Regeln darf man sehr wohl diskutieren. Man muss es wohl sogar, wenn immer weniger Menschen wählen gehen und die Klage über den Mangel an Talenten in der Politik nicht nachlassen will. Wie wird die demokratische Idee heute umgesetzt, und passt das noch zu den Bürgern und ihren veränderten Lebensbedingungen? Solche Fragen sind wichtig angesichts eines Systemwettbewerbs mit Ländern, für die Meinungsfreiheit und Teilhabe an der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung kein hohes Gut sind, sondern höchstens Mittel zum Zweck. Und wie auch immer die Antworten ausfallen: Nicht bloß die Wirtschaft, auch die Demokratie muss ihre Ziele möglichst wirkungsvoll verfolgen – und darf die Energie ihrer Bürger nicht vergeuden.
Zur modernen Antwort des Westens würde angesichts der Globalisierung sicher eine funktionierende und wahrhaft demokratische Europäische Union gehören. Die Nationalstaaten sind ebenso gefragt. Es kann ja wohl nicht angehen, dass die Bürger immer schneller und findiger werden müssen – dass sie also in der eigenen Nachbarschaft neue soziale Netze flechten und in NGOs grenzübergreifend gegen globale Probleme kämpfen, während ihre gewählten Abgeordneten einfach in ihren Routinen weiter verfahren wie bisher.
Bei den Deutschen wächst kontinuierlich die Bereitschaft, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die Hand zu nehmen. Es kann also gut sein, dass die Demokratie sich stärker öffnen muss – dass sie Wege finden muss, den Erfindungsreichtum ihrer Bürger zu nutzen. Mehr direkte Abstimmungen sind ein Weg dorthin, aber beileibe nicht der einzige.
Ob nun über Onlinemedien oder per Abstimmungszettel, ob in Town-Hall-Meetings mit führenden Politikern oder in Bürgerparlamenten – die Demokratie hat ein erhebliches Potenzial zur Wandlung. Sie kann schlagkräftiger werden, findiger, schneller, ohne auch nur ein Jota ihrer Prinzipien zu verraten. Dieses Ziel darf nur nicht verwechselt werden mit dem Traum von manchen Wirtschaftsführern, hier müsste man auch über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden können wie in China. Wenn dort ein neuer Großflughafen geplant wird, räumt man schnell und geräuschlos die Häuser, heißt das dann oft neidisch.
Es kann nicht darum gehen, der Wirtschaft immer Vorfahrt zu gewähren. Demokratie zu erneuern heißt, sie zu stärken, nicht sie zu schwächen.
Es wird also Zeit, den Wettbewerb der Systeme ganzheitlich zu betrachten und nicht bloß als Sache der Wirtschaft. Wir dürfen uns nicht verschanzen hinter der in Wahrheit bangen Idee, mit unserer Demokratie sei schon alles perfekt. Wer nicht bloß den Wohlstand, sondern auch das Prinzip der bürgerlichen Freiheit und Selbstbestimmung stärken will, muss die Regeln überprüfen. Um im Konkurrenzkampf dieses Jahrhunderts zu bestehen, brauchen wir die bestmögliche Variante.
- Datum 06.09.2012 - 07:17 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.8.2012 Nr. 36
- Kommentare 37
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Da wette ich aber den Jahresgehalt eines Bankers, nein, den Gehalt eines ganzen Jahrzehnts eines Bankers dagegen.
China wird wenn die Krise kommt davon regelrecht ueberrollt werden, schlimmstenfalls zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.
Trotz aller demokratischen Deffizite im Westen, ist unser System flexibel genug fuer alle und kann auch schwere Krisen ueberstehen.
Dikaturen koennen bei Definition nicht flexible sein.
Von China kann man lernen das dem Kapitalismus die Regierungsform eigentlich egal ist, nicht aber den Menschen die darin leben oder leiden.
Wenn in China der Wachstum einbricht aber immer noch Millionen von Menschen jedes Jahr(!) in die Staedte ziehen kommt es irgendwann zum grossen Knall, weil die Diktatur in Peking flexibel mit der Wirtschaft sein kann aber nicht mit seinen Menschen.
Schon ein AUtounfall genuegt um in Peking fuer Probleme zu sorgen. Wieviel mehr Schwierigkeiten wird man haben wenn die Arbeitslosigkeit ansteigt.
Und das wird kommen denn so funktioniert Kapitalismus nun mal und nur Demokratie hilft schlimmeres zu verhindern.
...ich musste beim Lesen noch mal ganz nach oben scrollen, ob ich wirklich bei der "Zeit-Online" bin (Die Online-Auftritte der großen Blätter nähern sich optisch ja immer mehr an)
Dieser Artikel passt vom Duktus her eher zu "Wissen macht Ah!" oder der Sendung mit der Maus ("Man kann sich das vorstellen wie einen Marathon, bei dem die Führenden einen Unfall hatten und sich eine Pause gönnen. Entsprechend stark haben die Herausforderer aufgeholt.), inhaltlich orientiert er sich stark an dem, was auch auf einem Flugblatt der INSM stünde.(Vielleicht erklärt das auch den Duktus)
Jedenfalls flach genug, um beim Niveau-Limbo die Latte nicht zu reißen...
...ist nicht flach :-)
...ist nicht flach :-)
"Deutschland dagegen lebt vor allem von vergangenen Reformen. Von Gerhard Schröders Agenda 2010. Von hochflexiblen Tarifverträgen. Von gesunkenen Steuersätzen. Aber irgendwann ist der Wachstumsschub vorbei, und neuen Wohlstand muss das Land sich neu verdienen. Doch während Berlin mit der Euro-Krise und den Partnerländern ringt, versäumt Deutschland eine Agenda 2020, die das nächste kleine Wirtschaftswunder entfachen könnte"
Im hier verwendeten Sinne schliesst das Wort "Deutschland" aber die hier lebenden Menschen aus, ja? Es heisst ja auch: Der "neue Wohlstand muss das Land sich neu verdienen" Und die Agenda 2020 wird sicherstellen, dass der "neue Wohlstand", den "das Land" sich neu verdient, den alten Eliten zufliesst?
Warum eigentlich?
stimme ich Ihnen da zu! -
zitiere ich den Satz, der mir genauso unangenehm auffällt, wie Schröder und Agenda als Vorbild anzusehen:
"Bei den Deutschen wächst kontinuierlich die Bereitschaft, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die Hand zu nehmen."
Wenn in Deutschland etwas kontinuierlich wächst, ist es nicht die Bereitschaft für sich selbt zu sorgen - sondern das Volumen der Sozialtransfers auf Langzeitniveau.
Das zeugt nicht davon, dass die Bereitschaft der Deutschan an sich steigt, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die (eigene) Hand zu nehmen - sondern vielmehr die Bereitschaft, Mittel und Wege zu finden, seinen "Besitzstand" am erarbeiteten Kuchen nicht nur zu halten, sondern zu mehren.
Das ist das Gegenteil dessen, was der Autor da positiv behauptet. Es wird den Bürgern vorgeführt, ohne Eigenarbeit geht es besser (Familie mit 3 oder mehr Kindern bekommt mehr Sozialleistung als ein normaler Arbeiter draußen mit nach Hause bringt - und der zahlt die Zeche mit). Wenn man jetzt mit dem Leitwort "nicht auf unsere Kosten" sich für den Beibehalt der Sozial- Besitzstände auf die Straße begibt, zeigt sich zwar engagiert - aber er leistet keinen Beitrag zur Zeche. Und er zeigt auch nicht gerade den Entusiasmus der laut den Worten des Autors dahinter stehen soll: Erfindungsreichtum für Innovationen. Die fordert man gefälligst von denen, die anschaffen, damit das Sozialrad sich weiter nach oben bewegt.
>>Im hier verwendeten Sinne schliesst das Wort "Deutschland" aber die hier lebenden Menschen aus, ja? Es heisst ja auch: Der "neue Wohlstand muss das Land sich neu verdienen" Und die Agenda 2020 wird sicherstellen, dass der "neue Wohlstand", den "das Land" sich neu verdient, den alten Eliten zufliesst? Warum eigentlich? >>
Warum?
Des Fortschritts wegen.
Dazu ein Zitat aus dem ZO-Kommentariat:
"fortschritt heißt [...] nicht fortschritt zu freiheit und autonomie, sondern lediglich anpassung an sich wandelnde zwänge."
D.h. schon die Zielrichtung, wo es gesellschaftlich hingesehen soll - wettbewerbsfähiger Part innerhalb eines globalisierten Kapitalismus - ist m.E. völliger Hirnfick und führt nicht in eine wünschenswerte Zukunft, sondern in die Merde. Alternativlos.
Wie soll das mit der reformierten Demokratie denn aussehen, wenn die Gesellschaft als ganze(!) dann vielleicht die politische Macht hätte (was schon eine ziemlich radikale Reform zur gegenwärtigen Parteienherrschaft wäre), aufgrund der ganzen systemimmanten "Sachzwänge" aber nicht über die Produktionsmittel verfügt, weil diese en Masse einer weltweiten Oligarchenkaste gehört?
Was soll das bitte mehr werden, als die unter Finanzierungsvorbehalt der herrschenden ökonomischen Klasse stehende Anscheinsdemokratie, die wir jetzt haben?
Ist es clever, nach Peak Oil immer noch von exponentiellen Wachstum zu träumen; aus einem selbstrefentiellen Irrsinn, ein Dogma, ein heiliges Gesetz zu machen, für alle Zeiten?
stimme ich Ihnen da zu! -
zitiere ich den Satz, der mir genauso unangenehm auffällt, wie Schröder und Agenda als Vorbild anzusehen:
"Bei den Deutschen wächst kontinuierlich die Bereitschaft, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die Hand zu nehmen."
Wenn in Deutschland etwas kontinuierlich wächst, ist es nicht die Bereitschaft für sich selbt zu sorgen - sondern das Volumen der Sozialtransfers auf Langzeitniveau.
Das zeugt nicht davon, dass die Bereitschaft der Deutschan an sich steigt, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die (eigene) Hand zu nehmen - sondern vielmehr die Bereitschaft, Mittel und Wege zu finden, seinen "Besitzstand" am erarbeiteten Kuchen nicht nur zu halten, sondern zu mehren.
Das ist das Gegenteil dessen, was der Autor da positiv behauptet. Es wird den Bürgern vorgeführt, ohne Eigenarbeit geht es besser (Familie mit 3 oder mehr Kindern bekommt mehr Sozialleistung als ein normaler Arbeiter draußen mit nach Hause bringt - und der zahlt die Zeche mit). Wenn man jetzt mit dem Leitwort "nicht auf unsere Kosten" sich für den Beibehalt der Sozial- Besitzstände auf die Straße begibt, zeigt sich zwar engagiert - aber er leistet keinen Beitrag zur Zeche. Und er zeigt auch nicht gerade den Entusiasmus der laut den Worten des Autors dahinter stehen soll: Erfindungsreichtum für Innovationen. Die fordert man gefälligst von denen, die anschaffen, damit das Sozialrad sich weiter nach oben bewegt.
>>Im hier verwendeten Sinne schliesst das Wort "Deutschland" aber die hier lebenden Menschen aus, ja? Es heisst ja auch: Der "neue Wohlstand muss das Land sich neu verdienen" Und die Agenda 2020 wird sicherstellen, dass der "neue Wohlstand", den "das Land" sich neu verdient, den alten Eliten zufliesst? Warum eigentlich? >>
Warum?
Des Fortschritts wegen.
Dazu ein Zitat aus dem ZO-Kommentariat:
"fortschritt heißt [...] nicht fortschritt zu freiheit und autonomie, sondern lediglich anpassung an sich wandelnde zwänge."
D.h. schon die Zielrichtung, wo es gesellschaftlich hingesehen soll - wettbewerbsfähiger Part innerhalb eines globalisierten Kapitalismus - ist m.E. völliger Hirnfick und führt nicht in eine wünschenswerte Zukunft, sondern in die Merde. Alternativlos.
Wie soll das mit der reformierten Demokratie denn aussehen, wenn die Gesellschaft als ganze(!) dann vielleicht die politische Macht hätte (was schon eine ziemlich radikale Reform zur gegenwärtigen Parteienherrschaft wäre), aufgrund der ganzen systemimmanten "Sachzwänge" aber nicht über die Produktionsmittel verfügt, weil diese en Masse einer weltweiten Oligarchenkaste gehört?
Was soll das bitte mehr werden, als die unter Finanzierungsvorbehalt der herrschenden ökonomischen Klasse stehende Anscheinsdemokratie, die wir jetzt haben?
Ist es clever, nach Peak Oil immer noch von exponentiellen Wachstum zu träumen; aus einem selbstrefentiellen Irrsinn, ein Dogma, ein heiliges Gesetz zu machen, für alle Zeiten?
Beispiel aus dem Text:
"begleichen kann Europa sie durch Bankrotte..." ja, welche BAnj ist denn wirklich bankrott gegangen ? Bankrott gehen nur die Kleinen und die Privatleute. Übrigens, nach Friedmann und Hayek gehören Freiheit und Kapitalismus zusammen, bei Banken gilt das wohl nicht. Die berufen sich dann lieber auf Karl Marx ?
"Deutschland geht es gut" Wenn man sich schon mit den USA vergleicht, dann wäre derzeit der Vergleich mit dem EURO - Raum angemessener. Und dem geht es super! Und wie lange geht es D mit dieser Währung noch gut?
"Agenda 2020" Hier sieht man welches geistig Kind der Autor ist. In der Welt hat vor wenigen Tagen jemand eine Agenda 2020 gefordert. Und auch die Punkte aufgelistet. Die da wären: weniger Steuern für Reiche, weniger Lohn, weniger Kündigungsschutz, private Rente usw.
Das einzige wo ich zustimme ist eine Reform der Demokratie. Aber im Moment sind wir ja froh, wenn wir mit der Demokratie nicht im Zustand Mitte des 19 Jh. (in D) landen. Wo es einen König/Kaiser gab, mit einem schwachen Parlament, das auch nur von 1/3 der Bevölkerung gewählt werden durfte bzw. die Stimmenanteile nach Besitz/Stand gewichtet wurden.
Auch die Freiheit das Banken pleite gehen dürfen gehört zur Demokratie. Aber in den USA klagen die Hedgefonds auf ein "Recht auf Gewinne".
"Wo es einen König/Kaiser gab, mit einem schwachen Parlament, das auch nur von 1/3 der Bevölkerung gewählt werden durfte bzw. die Stimmenanteile nach Besitz/Stand gewichtet wurden."
In der UNION hat man dazu ja bereits vor längerer Zeit einen Versuchsballon gestartet:
http://www.spiegel.de/pol...
Als man merkte, dass man sich einen Riesenärger auch in den eigenen Reihen einhandeln würde, wurde Gottfried Ludewig schnell zurück gepfiffen und seine befremdlichen Äußerungen als "Einzelmeinung" dargestellt.
"Wo es einen König/Kaiser gab, mit einem schwachen Parlament, das auch nur von 1/3 der Bevölkerung gewählt werden durfte bzw. die Stimmenanteile nach Besitz/Stand gewichtet wurden."
In der UNION hat man dazu ja bereits vor längerer Zeit einen Versuchsballon gestartet:
http://www.spiegel.de/pol...
Als man merkte, dass man sich einen Riesenärger auch in den eigenen Reihen einhandeln würde, wurde Gottfried Ludewig schnell zurück gepfiffen und seine befremdlichen Äußerungen als "Einzelmeinung" dargestellt.
dass dieses System sich nicht selbst trägt. Nötig war, dass in Form öffentlicher Verschuldung der Geldmarkt gestützt wird. Dadurch werden kommende Generationen mit Schulden geboren. Nicht nur der Handlungsfreiraum durch fehlendes Geld wird kleiner, auch die Lasten in Form von Zinszahlungen, nicht zu verschweigen, dass ein Aspekt in unserem System sowieso völlig außer Acht gelassen wird: die begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen.
Es geht darum, wie man unser Überflusssystem gerecht und Nachhaltig verteilen kann.
Darum, wie Energie nachhaltig erzeugt und genutzt werden kann.
Darum, dass Wissen für alle frei zugänglich gemacht wird.
Dass die Bürger wieder selber über die Staatsgeschicke entscheiden, anstatt dass der wirtschaftliche Einfluss über den politischen entscheidet.
All das sieht der Verfasser implizit anders. Er sagt, der Wettkampf ist entscheidend, die Produktivität; das Kapital müsse sich effizient ausbreiten und die Staatan haben sich dem anzupassen, auf Kosten all der Vorteile, die eine freiheitliche, soziale und rechtstaatliche Demokratie ausmachen.
Tut mir leid, aber ich finde diese Ansichten zu höchst verachtenswert.
stimme ich Ihnen da zu! -
zitiere ich den Satz, der mir genauso unangenehm auffällt, wie Schröder und Agenda als Vorbild anzusehen:
"Bei den Deutschen wächst kontinuierlich die Bereitschaft, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die Hand zu nehmen."
Wenn in Deutschland etwas kontinuierlich wächst, ist es nicht die Bereitschaft für sich selbt zu sorgen - sondern das Volumen der Sozialtransfers auf Langzeitniveau.
Das zeugt nicht davon, dass die Bereitschaft der Deutschan an sich steigt, sich zu engagieren und das eigene Bürgerschicksal in die (eigene) Hand zu nehmen - sondern vielmehr die Bereitschaft, Mittel und Wege zu finden, seinen "Besitzstand" am erarbeiteten Kuchen nicht nur zu halten, sondern zu mehren.
Das ist das Gegenteil dessen, was der Autor da positiv behauptet. Es wird den Bürgern vorgeführt, ohne Eigenarbeit geht es besser (Familie mit 3 oder mehr Kindern bekommt mehr Sozialleistung als ein normaler Arbeiter draußen mit nach Hause bringt - und der zahlt die Zeche mit). Wenn man jetzt mit dem Leitwort "nicht auf unsere Kosten" sich für den Beibehalt der Sozial- Besitzstände auf die Straße begibt, zeigt sich zwar engagiert - aber er leistet keinen Beitrag zur Zeche. Und er zeigt auch nicht gerade den Entusiasmus der laut den Worten des Autors dahinter stehen soll: Erfindungsreichtum für Innovationen. Die fordert man gefälligst von denen, die anschaffen, damit das Sozialrad sich weiter nach oben bewegt.
Wenn der Kapitalismnus mal wieder in eine seiner unvermeidlichen Krisen taumelt, lautet die Standard-Antwort:
Mehr davon, wir brauchen mehr... Wie ein Junkie.
Jetzt sollen die Bürger also auf die nächste Zumutung vorbereitet werden: Die Agenda 2020.
Immer weiter im permantenen Wettlauf mit sich selbst, bei dem niemand je wirklich irgendwo ankommt und von dem nur wenige profitieren - hauptsache alle verfügbaren Ressourcen werden ökonomisch verwurstet.
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und menschliche Befindlichkeiten interessieren in der virtuellen Welt der Ökonomen nicht.
Dass wir unseren Planeten übernutzen, dass die Menschen durch den ständig steigenden Wettbewerbsdruck krank werden und sich trotz steigenden BIP längst nicht mehr besser fühlen - interessiert nicht. Denn der ständige sozialdarwinistische Kampf, der absurde "Wettlauf mit sich selbst" (Konrad Lorenz) muss weitergehen. Aber: "Es gibt sinnvolleres im Leben, als ständig dessen Tempo zu erhöhen" (Albert Einstein). Die Menschheit steckt in einer Beschleunigungsfalle - und wenn es um die Mainstream-Ökonomen geht, werden wir bald jeden Tag einmal den Planeten umgraben müssen aus Wettbewerbsgründen.
Aber die Systemfrage darf nicht gestellt werden, weil gewisse "Eliten" noch davon profitieren wollen, solange es irgendwie geht..
"Jeder der glaubt, exponentielles Wachstum könnte unendlich weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter - oder ein Ökonom."
K.E. Boulding, Ökonom
MfG, Ijon Tichy
"Jetzt sollen die Bürger also auf die nächste Zumutung vorbereitet werden: Die Agenda 2020."
Glauben Sie wirklich, wir könnten in Deutschland mit dieser ineffizienten Bürokratie und einem genau so ineffizienten Gesundheitssystem den Herausforderungen des demographischen Wandels stellen?
Die Unternehmen haben mehrheitlich getan, was zu tun ist, denn wir werden die Globalsierung nicht mehr zurückdrehen.
Den staatlichen Institutionen steht das auch noch bevor, oder wir gehen baden mit unserer Staatsquote von mehr als 50%.
"Jeder der glaubt, exponentielles Wachstum könnte unendlich weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter - oder ein Ökonom."
K.E. Boulding, Ökonom
Anzumerken wäre nur noch, dass beide Begriffe schon bald synonym sein werden.
"Jetzt sollen die Bürger also auf die nächste Zumutung vorbereitet werden: Die Agenda 2020."
Glauben Sie wirklich, wir könnten in Deutschland mit dieser ineffizienten Bürokratie und einem genau so ineffizienten Gesundheitssystem den Herausforderungen des demographischen Wandels stellen?
Die Unternehmen haben mehrheitlich getan, was zu tun ist, denn wir werden die Globalsierung nicht mehr zurückdrehen.
Den staatlichen Institutionen steht das auch noch bevor, oder wir gehen baden mit unserer Staatsquote von mehr als 50%.
"Jeder der glaubt, exponentielles Wachstum könnte unendlich weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter - oder ein Ökonom."
K.E. Boulding, Ökonom
Anzumerken wäre nur noch, dass beide Begriffe schon bald synonym sein werden.
...ist nicht flach :-)
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