Weltwirtschaft Der Westen kann gut mithalten

Doch im Wettbewerb mit China müssen Deutschland und die USA ihre Demokratie reformieren.

Ein chinesischer Lastwagenfahrer wartet auf die Abfahrt.

Ein chinesischer Lastwagenfahrer wartet auf die Abfahrt.

Vergessen wir einmal die Euro-Krise. Nur für einige ZEIT-Seiten. Sie geht irgendwann vorüber. Banken, Bürger und ganze Staaten in Europa haben zu viele Schulden aufgenommen, die Rechnung geht in die Billionen, und begleichen kann Europa sie durch Bankrotte, Jahre der Sparsamkeit oder gemeinsame Verschuldung. Irgendeine Mischung wird es werden, und dann ist die Krise vorbei.

Etwas anderes wird dann überhaupt nicht vorbei sein: der globale Wettbewerb zwischen Ländern, Regionen, Wirtschafts- und Staatsmodellen. Er tobt schon viel länger als die Krise und wurde von dieser auch nicht unterbrochen. Im Gegenteil. Während der reiche Westen in den vergangenen fünf Jahren stagnierte, sind die Volkswirtschaften der Schwellenländer in Asien und Südamerika kräftig gewachsen. Man kann sich das vorstellen wie einen Marathon, bei dem die Führenden einen Unfall hatten und sich eine Pause gönnen. Entsprechend stark haben die Herausforderer aufgeholt.

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Wo also stehen wir?

Krise ringsum in Europa, doch Deutschland geht es gut. Der Staat erzielte gerade einen Überschuss, mehr Jobs als jetzt hatten wir noch nie, und unsere Industrie gilt der Welt als Vorbild. In weniger als zehn Jahren hat sich die deutsche Wirtschaft aus dem Tal auf den Gipfel gearbeitet.

Anders die USA. Ihr Defizit steigt schneller als eine Apollo-Rakete, Jobs sind Mangelware, und in der Politik herrscht Mutlosigkeit. Den Amerikanern geht es, von Wall-Street-Bankern und anderen mit Steuergeschenken gesegneten Reichen einmal abgesehen, ausgesprochen schlecht.

Deutschland oben, Amerika unten – so wird es nicht bleiben. Fast unbemerkt vom Rest der Welt entdecken die Vereinigten Staaten gerade neue Stärken. Weil sie mit viel Technologie und wenig Skrupeln neues Gas und Öl aus den Tiefen ihrer Landmasse pressen, profitiert ihre Wirtschaft von besonders günstigen Energiepreisen. Industriekonzerne wie General Electric eröffnen daheim schon neue Fabriken. Und selbst bei den desolaten Staatsfinanzen lässt sich Amerika einiges einfallen – nicht in Washington, da herrscht Stillstand, wohl aber in den Hauptstädten einzelner Bundesstaaten, die fest auf der Schuldenbremse stehen.

Deutschland dagegen lebt vor allem von vergangenen Reformen. Von Gerhard Schröders Agenda 2010. Von hochflexiblen Tarifverträgen. Von gesunkenen Steuersätzen. Aber irgendwann ist der Wachstumsschub vorbei, und neuen Wohlstand muss das Land sich neu verdienen. Doch während Berlin mit der Euro-Krise und den Partnerländern ringt, versäumt Deutschland eine Agenda 2020, die das nächste kleine Wirtschaftswunder entfachen könnte.

Kapitalismus ist eine Achterbahnfahrt, im Wettbewerb zwischen den westlichen Industrienationen sind mal die Angelsachsen mit ihrem von Freiheit und Ungleichheit geprägten System vorn, mal die Deutschen und ihre Nachbarn mit ihrer etwas stabileren sozialen Marktwirtschaft.

Lange hat dieser transatlantische Wettbewerb die Debatte bestimmt, heute ist er zweitrangig.

Nicht Amerika und Europa liefern sich den wahren Systemkampf, sondern der Westen und der Osten. Zwar wird China irgendwann, vielleicht schon bald, seine eigene Krise erleben – fast zehn Prozent Wachstum im Jahr hält auf Dauer keine Volkswirtschaft aus –, aber sein Aufstieg wird dank der hungrigen Arbeiter in den Provinzen und der klugen Wirtschaftspolitik in Peking weitergehen.

Die Konkurrenz der Systeme dürfte sich deshalb zuspitzen. Chinas steigende Löhne bleiben noch lange niedriger als die unseren, die jungen Leute dort sind ehrgeizig und bildungshungrig. Und der chinesische Staat wird wahrscheinlich liberaler, wenn der Reichtum wächst, aber demokratisch wird er nicht.

Kann der Westen in diesem Kampf bestehen? Der Vergleich auf den folgenden Seiten zeigt: Ja, er kann. Er kann vom Aufstieg der Chinesen profitieren und selbst seinen Wohlstand vergrößern. Dafür ist Deutschland tatsächlich ein Vorbild: Derzeit liefern seine Mittelständler von der Schwäbischen Alb bis zum Emsland den Chinesen und anderen aufstrebenden Nationen die Maschinen und Produktionsideen für ihr Wachstum. Sie verkaufen ihnen die Autos für ihre Mobilität, und sie entwerfen die Blaupausen für ihre Gebäude und Stadtplanungen. Sie tun das aus der Ruhe einer Marktwirtschaft heraus, die sozialen Frieden mit Innovation verbindet – und sogar führend ist beim Versuch, grüne Energie zu produzieren.

Gleichwohl: Es geht heiß her im Wettbewerb. Die billigen Chinesen haben ganze Berufsgruppen in Deutschland hinweggefegt. Aber dafür entstanden neue. Das Sozial- und Steuersystem wurde durch die Globalisierung durcheinandergewirbelt, einige haben massiv an Wohlstand gewonnen, viele andere etwas verloren. Aber die Deutschen haben vom Grundsatz her immer noch einen Staat, der die Armen unterstützt und den Reichen dafür etwas wegnimmt.

Leser-Kommentare
  1. Zitat: "Es ist ja bebrüßenswert, wenn sich ein (wahrscheinlich junger) Autor solche tiefschürfenden Gedanken über die Zukunft des gesamten Globus macht."

    Der Autor ist ein Jahr jünger als ich, also nicht mehr allzu jung.

    Gekürzt. Bitte bewahren Sie sich anderen gegenüber einen respektvollen Umgang. Danke, die Redaktion/ds

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    Keineswegs möchte ich alle jungen Journalisten über einen Kamm scheren, es gibt unter ihnen sicherlich den einen oder anderen hinterfragenden Geist.
    Dennoch fällt die zunehmende kritiklose Affirmation der herrschenden Verhältnisse in der bundesdeutschen Presse auf.
    Das Wort von der "Hofberichterstattung" und "Systempresse" hat also durchaus seine Berechtigung.

    Keineswegs möchte ich alle jungen Journalisten über einen Kamm scheren, es gibt unter ihnen sicherlich den einen oder anderen hinterfragenden Geist.
    Dennoch fällt die zunehmende kritiklose Affirmation der herrschenden Verhältnisse in der bundesdeutschen Presse auf.
    Das Wort von der "Hofberichterstattung" und "Systempresse" hat also durchaus seine Berechtigung.

  2. Keineswegs möchte ich alle jungen Journalisten über einen Kamm scheren, es gibt unter ihnen sicherlich den einen oder anderen hinterfragenden Geist.
    Dennoch fällt die zunehmende kritiklose Affirmation der herrschenden Verhältnisse in der bundesdeutschen Presse auf.
    Das Wort von der "Hofberichterstattung" und "Systempresse" hat also durchaus seine Berechtigung.

    4 Leser-Empfehlungen
    • deDude
    • 06.09.2012 um 12:56 Uhr

    "[...]Na und? Glauben Sie im Ernst, dass diese Menschen sich auf ewig diesen Bankhäusern verpflichtet fühlen? Die Loyalität endet mit dem letzten Gehaltscheck."

    Na klar, die tauschen den mehr als gut bezahlten Job in der Führungsriege einer Bank gegen den im Vergleich bescheidenen bezahlten Job als Politiker, alles aus Liebe zum Menschen und nicht etwa um auch noch die letzten Ketten der Finanzbranche abzulegen...

    Ich schere im übrigen auch nicht alle in der Finanzbranche tätigen Menschen über einen Kamm aber wollen Sie mir ernsthaft erzählen das die Oberen eines Finanzdienstleisters nichts von den Machenschaften in ihren Unternehmen wissen?

    In dem Fall müsste es sich dann wohl um vollkommende Inkompetenz handeln, denn soweit ich weiß haben Führungskräfte unter anderem eine Kontrollfunktion die dann wohl elementar verletzt worden ist.

    Konsequenzen? Fehlanzeige!

    Nein danke, an Vorbetern die mir die längst als Märchen erwiesene Geschichte der "Selbstregulierungskräfte der Märkte" erzählen wollen habe ich kein Interesse mehr.

    An denen, die jeden der ihren goldenen Schrein der "freien Märkte" anzweifelt als Kommunisten/Sozialisten brandmarken wollen übrigens ebensowenig.

    Eine Leser-Empfehlung
    • ludna
    • 06.09.2012 um 13:53 Uhr

    ICh habe noch ander Quellen gefunden, bei denen die Staatsquote D für 2009 zwischen 43 und 49 % schwankte, und die der USA bei 43 % lag, für UK über 50 %.

    Offensichtlich scheint es verschiedene Berechnungsmethoden zu geben. Offizielle Quellen (Ministerien, Amt für Statistik) sind natürlich vorzuziehen, aber ob man dann zwischen Ländern vergleichen kann ist fraglich.

    Antwort auf "Staatsquote"
  3. >>Im hier verwendeten Sinne schliesst das Wort "Deutschland" aber die hier lebenden Menschen aus, ja? Es heisst ja auch: Der "neue Wohlstand muss das Land sich neu verdienen" Und die Agenda 2020 wird sicherstellen, dass der "neue Wohlstand", den "das Land" sich neu verdient, den alten Eliten zufliesst? Warum eigentlich? >>

    Warum?
    Des Fortschritts wegen.
    Dazu ein Zitat aus dem ZO-Kommentariat:
    "fortschritt heißt [...] nicht fortschritt zu freiheit und autonomie, sondern lediglich anpassung an sich wandelnde zwänge."

    D.h. schon die Zielrichtung, wo es gesellschaftlich hingesehen soll - wettbewerbsfähiger Part innerhalb eines globalisierten Kapitalismus - ist m.E. völliger Hirnfick und führt nicht in eine wünschenswerte Zukunft, sondern in die Merde. Alternativlos.

    Wie soll das mit der reformierten Demokratie denn aussehen, wenn die Gesellschaft als ganze(!) dann vielleicht die politische Macht hätte (was schon eine ziemlich radikale Reform zur gegenwärtigen Parteienherrschaft wäre), aufgrund der ganzen systemimmanten "Sachzwänge" aber nicht über die Produktionsmittel verfügt, weil diese en Masse einer weltweiten Oligarchenkaste gehört?

    Was soll das bitte mehr werden, als die unter Finanzierungsvorbehalt der herrschenden ökonomischen Klasse stehende Anscheinsdemokratie, die wir jetzt haben?

    Ist es clever, nach Peak Oil immer noch von exponentiellen Wachstum zu träumen; aus einem selbstrefentiellen Irrsinn, ein Dogma, ein heiliges Gesetz zu machen, für alle Zeiten?

    Antwort auf ""Deutschland", ja?"
  4. Vor allem muss unser politisches System endlich marktkonform umgebaut werden. Was haben wir von einer "demokratischen Ideallinie", die linke Politologen und Soziologen begeistert, wenn wir pleite sind?

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    dass wir alle Politik auf die Ökonomie ausrichten? Womöglich auch noch alle anderen Lebensbereiche, soweit sie das nicht schon sind?
    Und was haben wir davon? Mehr Geld? Womöglich ja. Werden wir dadurch glücklicher? Ich bezweifle es stark.

    Es gilt, eben nicht mehr nur ständig auf Marktzwänge zu reagieren (Bsp. Schuldenprobleme o.ä.), sondern endlich an die Wurzeln der Probleme zu gehen - angesichts der Tatsache, dass es auf dieser Erde mehr Schulden als Geld gibt, vielleicht nicht die schlechteste Variante.

    dass wir alle Politik auf die Ökonomie ausrichten? Womöglich auch noch alle anderen Lebensbereiche, soweit sie das nicht schon sind?
    Und was haben wir davon? Mehr Geld? Womöglich ja. Werden wir dadurch glücklicher? Ich bezweifle es stark.

    Es gilt, eben nicht mehr nur ständig auf Marktzwänge zu reagieren (Bsp. Schuldenprobleme o.ä.), sondern endlich an die Wurzeln der Probleme zu gehen - angesichts der Tatsache, dass es auf dieser Erde mehr Schulden als Geld gibt, vielleicht nicht die schlechteste Variante.

  5. Diese ganze neoliberale Ideologie dient doch nur den Reichen. Der Autor hat recht, wenn er von Deutschland und nicht von den Menschen redet. Der einfache Mensch ist der Verlierer. Politiker von vor 20-30 Jahren haben entschieden, das der Fließbandarbeiter von Bottrop sich plötzlich in einem Wettkampf mit einem Fließbandarbeiter aus Shanghai befindet. Es hat keine einzige Partei gegeben, die dagegen war. Die Folge ist, das der Binnenkonsum seit 10 Jahren in Deutschland kontinuirlich sinkt aufgrund von sinkenden Löhnen. Die Menschen in Deutschland und Europa sind genauso die Verlierer, wie in den USA. Den Firmen aber, wie Apple geht es prächtig. Sie gehen dahin, wo die "Sieger" wohnen. Und Sieger muß es ja in einem Wettkampf geben. Sieger sind die, die in diesem Wettkampf die niedrigsten Löhne und die flexibelsten Arbeitszeiten anbieten. Es ist also ein Wettkampf der Armen und nicht der Reichen. Die Reichen haben dieses Spielchen begonnen und profitieren nur.

  6. dass wir nie eine hatten in unserem Land, geschweige denn in GB oder auch so gut wie jedem anderen westlichen Land, das sich "Demokratie" nennt. Dadurch, dass ich eine Ente einen Hund nenne, wird sie noch lange nicht zu einem solchen.

    Demokratie wird es dann leider auch innerhalb dieses Systems niemals geben, denn das würde letztendlich zu dessen Untergang führen - und das kann die herrschende Oligarchie natürlich nicht zulassen.

    Für alle, die sich mit genuin demokratischen Ideen auseinandersetzen (wollen), empfehle ich die u.a. von Noam Chomsky und David Graeber mitgegründete "International Organization for a Participatory Society": www.iopsociety.org

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