Martenstein"'Hochachtungsvoll' ist heute hart an der Beleidigungsgrenze"

Harald Martenstein über die Kunst, richtig zu grüßen von 

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Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Ich möchte endlich mal wieder was richtig Liebes schreiben. Einen Text über Liebe... Menschlichkeit... Frieden... Ja: In letzter Zeit bekomme ich fast nur noch Post, die "Mit lieben Grüßen" gezeichnet ist oder nur mit "Liebe Grüße". Unter Mails steht oft die Abkürzung "lg". Unter beschimpfenden Briefen fehlt diese Formel, verständlicherweise. Da bin ich keinem böse.

Ich selber zeichne, wenn ich nett sein will, "Mit herzlichem Gruß". Eine Zeit lang bin ich auf "Gott grüß die Kunst!" abgefahren, was die traditionelle Grußformel der Schriftsetzer ist, aber das ist schon etwas maniriert, und dass ich überhaupt kein Schriftsetzer bin, kommt erschwerend hinzu. "Liebe Grüße" klingt mir zu niedlich, obwohl natürlich auch ein Mann niedlich sein darf, das müssen Sie mir jetzt nicht extra schreiben. Männer dürfen niedlich sein, aber sie dürfen nach sorgfältiger Prüfung der Umstände auch darauf verzichten – okay?

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Wenn man gar nicht mehr weiß, wohin mit all der Liebe, scheint man die Formel "Ganz liebe Grüße" zu wählen, ersatzweise "glg". Menschen, die mir "Sommerliche Grüße" oder "Verregnete Grüße" schicken, geben zu verstehen, dass unsere Liebe noch am Anfang steht und erst wachsen muss. Damit komm ich klar. "Freundliche Grüße" aber sind das, was man heute schreibt, wo man früher ein distanziertes "Hochachtungsvoll" hingesetzt hätte. "Hochachtungsvoll" ist heute hart an der Beleidigungsgrenze. Hochachtung möchten die Leute nicht mehr haben, alle Menschen wollen Liebe.

Es gibt offenbar bei den Grußformeln eine Gefühls-Inflation, es wird seit Jahren immer intimer. Wenn das so weitergeht, steht im Jahre 2040 unter einem Geschäftsbrief an den saumseligen Bierlieferanten: "Ich muss Tag und Nacht an Sie denken, Geliebter", "TNdG", und die Mail an eine Kollegin, in der es um den Tausch des Wochenenddienstes geht, endet korrekterweise mit der Formal "Allein schon der Gedanke an den Geruch deines Haars macht mich rasend, du Tigerin". Nun, da bin ich gerne dabei, falls ich noch lebe.

Im diplomatischen Dienst sind die Grußformeln uralt und immer noch vorgeschrieben. Briefe an Diplomaten haben in der Regel so zu enden: "Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung". Zu den Regeln der deutschen Korrespondenz gibt es sogar eine DIN-Norm, DIN 5008, von 1928, seitdem ein paar Mal modernisiert. Man soll zwischen Brief und Grußformel eine Leerzeile setzen, ganz wichtig. Briefe an Flieger, auch Modellflieger und Fallschirmspringer, dürfen mit "Happy landing" enden, ohne Ausrufungszeichen. Der formvollendete Brief an einen Gehörlosen oder stark Schwerhörigen aber endet nicht mit "Happy hearing", sondern "Mit gebärdenfreundlichen Grüßen".

Es gibt eine Grußformel, die gesetzlich verboten ist, nämlich die "Mit deutschem Gruß" der Nazis, während "Gut Heil" die Grußformel der österreichischen Feuerwehren ist und legal. Am interessantesten erschien mir bei meinen Recherchen die Tatsache, dass unter Rechtsanwälten die Formel "Mit kollegialer Hochachtung" als unhöflich und herabsetzend gilt, während unter Ärzten die "Kollegiale Hochachtung" keinerlei negativen Beigeschmack besitzt, außer vielleicht bei österreichischen Ärzten. Der Gruß der Schmiedegesellen, "Katzenkopf? Stück davon!", scheint hier und da immer noch verwendet zu werden, obwohl das von Tierschützern sicher nicht gern gehört wird. Grüßen ist schwierig, doch ist ein Scheitern des Grüßens dem Nichtgrüßen bei Weitem vorzuziehen – verhält es sich mit der Liebe, der Menschlichkeit und dem Frieden etwa nicht ebenso?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
    • Meykos
    • 30. August 2012 6:58 Uhr

    Ja, Danke.
    Weil sie annahm, diese Grußformel wäre freundlich, jedoch auch weitgehend unverbindlich, unterschrieb eine ehemalige Kollegin all ihre Dienstschreiben mit der Formulierung „Mit herzlichen Grüßen!“

    Vielleicht liege ich ja falsch, aber auf mich wirkten die „herzlichen Grüße“ ein wenig intim und näher, als die obligatorischen „freundlichen Grüße“. Jedenfalls war sie auf ihrer Dienststelle bald sehr beliebt und hat die Karriereleiter letztendlich bis zur obersten Stufe erklommen. Ich bin nicht sicher, aber vielleicht sind Grußformeln manchmal entscheidend - oder vielleicht ja auch nicht.

    SMS ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Meykos
    • 30. August 2012 7:02 Uhr

    Ich wollte auch endlich einmal mit "SMS" Schluss machen. ;-)

    • Meykos
    • 30. August 2012 7:02 Uhr

    Ich wollte auch endlich einmal mit "SMS" Schluss machen. ;-)

    Antwort auf "Herzliche Grüße"
    • oet
    • 30. August 2012 9:29 Uhr

    Schön.
    Ja, tatsächlich, der Durchschnitt von "mariniert" und "manieriert" heisst maniriert.

    4 Leserempfehlungen
  1. "Liebe Grüße" wohin das Auge blickt, inflationär. Ich schicke trotzdem immer nur "Viele Grüße" zurück, bei lieben Grüßen verdorrt mir die Hand. Bin wohl auch nicht niedlich genug.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Auch die E-Mail Anrde "Lieber..." ist mir zu persönlich und wenn ich das verwende dann nur bei Leuten, die ich mag. Der Rest bekommt ein Hallo oder Sehr geehrter usw.

    Viele Grüße
    ...

  2. Lieber Herr Martenstein,

    Sie haben mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen.

    - Eine Bekannte, zu der ich ein eher angespanntes Verhältnis habe, unterzeichnete jede mail mit: "Liebe Grüße". Das irritiert mich, nimmt aber ihren mails die Schärfe. Ich kann sie inzwischen auch etwas besser leiden.

    - Ein Berufskollege schreibt konsequent: "Viele Grüße". Das scheint mir farblos und altbacken - da ich es aber nirgends mehr lese, ist es auch wieder ein bisschen originell.

    - Meine Vorgesetzte schreibt immer: "Herzliche Grüße". Das schmeichelt mir ein wenig und ich bilde mir ein, sie mag mich - obwohl ich sie privat kaum kenne.

    - Ein Mitglied unserer Eigentümergemeinschaft unterhält einen bitterbösen Briefwechsel mit der Hausverwaltung - unterzeichnet aber jede mail "mit freundlichen Grüßen".

    - Eine Freundin sendet mir stets "beste Grüße".

    Ich bin bezüglich einer eigenen Grußformel völlig unentschlosen.

    Tschüs!

    2 Leserempfehlungen
    • auk
    • 30. August 2012 11:43 Uhr

    Nicht erwähnt wird in dem Artikel, dass auch die Anredezeile immer amouröser wird: Aus dem früher ausschließlich üblichen "Sehr geehrte Frau xy" wurde immer öfter "Guten Tag Frau xy" - so weit, so neutral. Neuerdings lese ich aber immer öfter, dass ich für mir völlig fremde Menschen die "Liebe Frau XY" bin.

    • bigbull
    • 30. August 2012 14:38 Uhr

    Katzenkopf,Stück davon, scheint mir die ehrlichste Gruß-
    formel zu sein.
    Alle anderen Worte sind Floskeln der Nebensächlichkeit,
    zuvor tatsächlich mariniert und einige Jahre in der Tief-
    kühltruhe eingelagert.
    In diesem Sinn,Herr Martenstein,wünsche ich ihnen weiter
    alles Gute, vornehm angediegene Gesundheit und weiterhin
    ein tolles und turbulentes Leben.
    Nicht nur für ihre köstlichen Anmerkungen sondern auch
    für ihr persönliches Wohlbefinden werde ich in der Zukunft
    sorgen müssen.
    Gerne tue ich das für Sie.

    Grüße aus dem Frieden der Vollkommenheit.

    • Kometa
    • 30. August 2012 23:50 Uhr

    Für Gesellen: »Katzenkopf? Stück davon!«
    Für Feuilletonisten: "Glatze. Fein gelockt!"

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