Ich möchte endlich mal wieder was richtig Liebes schreiben. Einen Text über Liebe... Menschlichkeit... Frieden... Ja: In letzter Zeit bekomme ich fast nur noch Post, die "Mit lieben Grüßen" gezeichnet ist oder nur mit "Liebe Grüße". Unter Mails steht oft die Abkürzung "lg". Unter beschimpfenden Briefen fehlt diese Formel, verständlicherweise. Da bin ich keinem böse.

Ich selber zeichne, wenn ich nett sein will, "Mit herzlichem Gruß". Eine Zeit lang bin ich auf "Gott grüß die Kunst!" abgefahren, was die traditionelle Grußformel der Schriftsetzer ist, aber das ist schon etwas maniriert, und dass ich überhaupt kein Schriftsetzer bin, kommt erschwerend hinzu. "Liebe Grüße" klingt mir zu niedlich, obwohl natürlich auch ein Mann niedlich sein darf, das müssen Sie mir jetzt nicht extra schreiben. Männer dürfen niedlich sein, aber sie dürfen nach sorgfältiger Prüfung der Umstände auch darauf verzichten – okay?

Wenn man gar nicht mehr weiß, wohin mit all der Liebe, scheint man die Formel "Ganz liebe Grüße" zu wählen, ersatzweise "glg". Menschen, die mir "Sommerliche Grüße" oder "Verregnete Grüße" schicken, geben zu verstehen, dass unsere Liebe noch am Anfang steht und erst wachsen muss. Damit komm ich klar. "Freundliche Grüße" aber sind das, was man heute schreibt, wo man früher ein distanziertes "Hochachtungsvoll" hingesetzt hätte. "Hochachtungsvoll" ist heute hart an der Beleidigungsgrenze. Hochachtung möchten die Leute nicht mehr haben, alle Menschen wollen Liebe.

Es gibt offenbar bei den Grußformeln eine Gefühls-Inflation, es wird seit Jahren immer intimer. Wenn das so weitergeht, steht im Jahre 2040 unter einem Geschäftsbrief an den saumseligen Bierlieferanten: "Ich muss Tag und Nacht an Sie denken, Geliebter", "TNdG", und die Mail an eine Kollegin, in der es um den Tausch des Wochenenddienstes geht, endet korrekterweise mit der Formal "Allein schon der Gedanke an den Geruch deines Haars macht mich rasend, du Tigerin". Nun, da bin ich gerne dabei, falls ich noch lebe.

Im diplomatischen Dienst sind die Grußformeln uralt und immer noch vorgeschrieben. Briefe an Diplomaten haben in der Regel so zu enden: "Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung". Zu den Regeln der deutschen Korrespondenz gibt es sogar eine DIN-Norm, DIN 5008, von 1928, seitdem ein paar Mal modernisiert. Man soll zwischen Brief und Grußformel eine Leerzeile setzen, ganz wichtig. Briefe an Flieger, auch Modellflieger und Fallschirmspringer, dürfen mit "Happy landing" enden, ohne Ausrufungszeichen. Der formvollendete Brief an einen Gehörlosen oder stark Schwerhörigen aber endet nicht mit "Happy hearing", sondern "Mit gebärdenfreundlichen Grüßen".

Es gibt eine Grußformel, die gesetzlich verboten ist, nämlich die "Mit deutschem Gruß" der Nazis, während "Gut Heil" die Grußformel der österreichischen Feuerwehren ist und legal. Am interessantesten erschien mir bei meinen Recherchen die Tatsache, dass unter Rechtsanwälten die Formel "Mit kollegialer Hochachtung" als unhöflich und herabsetzend gilt, während unter Ärzten die "Kollegiale Hochachtung" keinerlei negativen Beigeschmack besitzt, außer vielleicht bei österreichischen Ärzten. Der Gruß der Schmiedegesellen, "Katzenkopf? Stück davon!", scheint hier und da immer noch verwendet zu werden, obwohl das von Tierschützern sicher nicht gern gehört wird. Grüßen ist schwierig, doch ist ein Scheitern des Grüßens dem Nichtgrüßen bei Weitem vorzuziehen – verhält es sich mit der Liebe, der Menschlichkeit und dem Frieden etwa nicht ebenso?

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