Zu Schulbeginn machen Lehrer in Stadtvierteln mit vielen Einwanderern seit einigen Jahren dieselbe merkwürdige Entdeckung: Immer wieder treffen sie auf Erstklässler aus Migrantenfamilien, die große Schwierigkeiten haben, dem Unterricht zu folgen. Selbst einfache Wörter sind den Kindern nicht bekannt. Dabei sind die Kleinen nicht nur fast alle hierzulande geboren, die meisten von ihnen haben vor der Einschulung Tausende Stunden in einer deutschen Kita verbracht.

In Berlin ist das Rätsel aktenkundig. Wie in anderen Bundesländern testen die Kultusbehörden hier alle Vorschüler auf ihre Sprachkenntnisse. 4600 Kinder fielen im vergangenen Jahr durch. Rund die Hälfte von ihnen hatte zwei Jahre einen Kindergarten besucht, 700 sogar drei Jahre.

Trotz spezieller vorschulischer Sprachlernprogramme in fast allen Bundesländern haben sich die Deutschkenntnisse der Schulanfänger nicht entscheidend verbessert. Wie kann das sein? Bemühen sich die Erzieher zu wenig? Oder ist der Optimismus, der sich in der Vorschulpädagogik breitgemacht hat, schlicht überzogen?

Kitas nützen heute vor allem Kindern der deutschstämmigen Mittelschicht

In der öffentlichen Diskussion hat die Kita in kurzer Zeit eine erstaunliche Karriere gemacht. Es gibt kaum ein großes gesellschaftliches Problem – Integration, Gleichberechtigung, Schulmisere –, das sie nicht richten soll. Aus dem bisherigen Spielzimmer der Republik soll eine Bildungsinstitution werden, aus einer Betreuungseinrichtung eine Art Schicksalskorrekturanstalt.

Der Ansatz hat viel für sich. Keine Zeit im Lebenslauf eignet sich besser, die Nachteile der Herkunft auszugleichen, als die Jahre kurz nach der Geburt. Wird mit dem Lernen bis zur Einschulung gewartet, bestehen bereits riesige Bildungsunterschiede zwischen den Kindern. Nur eine aufwendige Unterstützung während der gesamten Schullaufbahn kann dann die Defizite bei Sprache und Wissen verringern. Frühe Förderung hingegen hilft Kindern aus bildungsfernen Familien besonders. Für sie verzinst sich jeder ausgegebene Euro um ein Mehrfaches seines Wertes, hat der Nobelpreisträger für Ökonomie James Heckman schon vor vielen Jahren errechnet.

13 % der Einwandererkinder unter drei Jahren besuchen eine Krippe. Bei den Kindern mit deutschen Eltern sind es 28 %

Trotzdem nützen Kitas und Krippen bis heute vor allem denjenigen, die sie für ihre Bildung am wenigsten benötigen: den Kinder aus der deutschstämmigen Mittelschicht. Die sind dort am stärksten vertreten. Zwar besuchen ein Jahr vor Schulbeginn mittlerweile fast alle Kinder eine Kita. Je jünger die Kinder jedoch sind, desto mehr streben die Besuchsquoten auseinander. Mittlerweile weiß man jedoch: Erst wenn das Spielen und Lernen außerhalb der Familie zwei Jahre übersteigt, macht sich die Förderung überhaupt bemerkbar. Jedes weitere Jahr potenziert den Lerneffekt.

Wie wirksam es ist, wenn Einwandererkinder früh mit der deutschen Sprache umgehen lernen, zeigen viele Vietnamesen. Die Vorzeigemigranten sind nicht nur äußerst ehrgeizig. Sie schicken ihren Nachwuchs oft schon mit einem Jahr in die Krippe, weil sie selbst von früh bis spät im Geschäft stehen. Kommen die Kinder in die Schule, unterscheidet sich ihr Sprachvermögen nicht mehr von dem deutschstämmiger Erstklässler.

Das Glück der Vietnamesen: Sie leben zumeist in Ostdeutschland, wo es vergleichsweise viele Krippen gibt. In Westdeutschland dagegen ist nicht nur die allgemeine Versorgung schlecht. Die wenigen vorhandenen Plätze werden zudem überproportional von »Angehörigen der Bildungselite«, besetzt, wie die Sozialwissenschaftlerinnen Sandra Krapf und Michaela Kreyenfeld vor zwei Jahren in ihrem Buch Bildung als Privileg nachwiesen. Zurzeit gehen 28 Prozent der einheimischen Kinder unter drei in eine Krippe, aber nur 13 Prozent der Einwandererkinder.

Im Fall der ganz Kleinen mag dies an der Einstellung der Migranteneltern liegen. Viele Einwanderergruppen möchten ihre Kinder etwas länger zu Hause lassen als Einheimische. Im Schnitt aber würden sich die Betreuungswünsche zwischen beiden Gruppen nicht unterscheiden, sagt Christian Alt vom Deutschen Jugendinstitut (DJI). Wenn jedoch türkisch- oder arabischstämmige Mütter einen Krippenplatz suchen, erhalten sie oft eine Absage, weil sie nicht arbeiten. Begründung: Sie brauchten den Platz ja nicht dringend. Und selbst berufstätige Migranteneltern ziehen in Konkurrenz zu Deutschen mitunter den Kürzeren, legen Erhebungen des DJI nahe. Christian Alt vermutet eine versteckte Diskriminierung: »Die Einrichtungen können sich schließlich aussuchen, wen sie nehmen.«

Die Krippengarantie soll das Problem beseitigen – theoretisch. Doch längst nicht alle Städte und Gemeinden werden ab August 2013 Eltern, die es wünschen, einen Platz zur Verfügung stellen können. Das zukünftige Muster beschreiben die DJI-Forscherinnen Katrin Hüsken und Birgit Riedel so: »Je höher das Bruttoinlandsprodukt, je florierender der Arbeitsmarkt und je besser qualifiziert die Bevölkerung ist, umso besser ist auch die Versorgung mit Betreuungsplätzen.« Kommunen, in denen Migranten leben, sehen meist anders aus.