1972: Die Delegation Israels bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in München © AFP/Getty Images

Der 5. September 1972 ist ein schwarzes Datum der jüngeren Geschichte. Ungehindert dringen palästinensische Terroristen am frühen Morgen ins Münchner Olympiadorf ein und nehmen elf israelische Sportler als Geiseln; die Behörden sind überfordert. Befreiungsversuche werden dilettantisch begonnen und wieder abgebrochen, am späten Abend auf dem Militärflughafen von Fürstenfeldbruck dann das finale, blutige Scheitern. Am Ende sind alle Geiseln tot, außerdem ein Polizist und fünf der acht Terroristen.

DIE ZEIT: Herr Dahlke, von heute aus gesehen, wirkt der Münchner Anschlag vor 40 Jahren wie ein tiefer Einschnitt. Tatsächlich aber wurde er schnell verdrängt. Wie kam das?

Matthias Dahlke: Die deutsche Öffentlichkeit, aber auch viele Spitzenpolitiker haben damals vor allem auf den Linksterrorismus geschaut. Im Sommer 1972 schien dieses Problem mit der Festnahme der Baader-Meinhof-Gruppe erledigt zu sein. Dann kam München. Die Experten, die Mitarbeiter von Interpol und den Geheimdiensten wussten natürlich, in welchem Ausmaß der grenzüberschreitende Terrorismus in Europa schon Fuß gefasst hatte, aber die Öffentlichkeit? Die schenkte dem wenig Beachtung.

ZEIT: Erstaunlich! Es hatte doch schon zuvor zahlreiche Angriffe gegeben: 1969 einen Handgranatenanschlag auf die israelische Botschaft in Bonn, 1970 einen Anschlag auf ein El-Al-Flugzeug in München, im selben Jahr ein Bombenattentat auf eine österreichische Maschine in Frankfurt am Main...?

Dahlke: Man hat diese Attentate eher als eine Art »Ausländerkriminalität« betrachtet. Es herrschte das Gefühl vor: Das geht uns nichts an.

ZEIT: Erst die Geiselnahme von München machte die Terrorgefahr schlagartig bewusst?

Dahlke: Es war ein kurzer Schock. Mehr nicht. Das Ereignis wurde relativ schnell wieder beiseitegeschoben. Die Politik blieb konzeptlos. So ordnete Hans-Dietrich Genscher, damals Bundesinnenminister, umfassenden Personen- und Objektschutz für hohe Politiker an. Zudem ließ er zwei palästinensische Vereine verbieten: die Generalunion palästinensischer Studenten und die Generalunion palästinensischer Arbeiter. Zwar handelte es sich dabei um Gruppen, die offen mit dem gewaltsamen Kampf der Palästinenser sympathisierten, eine direkte Verbindung zu den Attentätern und Drahtziehern von München konnte allerdings nie nachgewiesen werden. Ganz davon abgesehen, dass es zweifelhaft war, ob ein solches Verbot irgendeinen präventiven Effekt haben würde. Der PLO-Mann Abdallah Frangi, inoffizieller Palästinenservertreter in Deutschland, wurde in einer Eilaktion ausgeflogen. Ob er mit den Terroristen des »Schwarzen September« überhaupt in Kontakt stand, wird man nicht mehr rekonstruieren können.

ZEIT: Und die Gründung der GSG9, der Spezialtruppe des Bundesgrenzschutzes?

Dahlke: Das war die einzige wirklich nachhaltige Reaktion auf den Anschlag. Allerdings hatte man schon zuvor erwogen, eine solche Einsatztruppe aufzustellen.

ZEIT: Gerüchten zufolge verfügte der Bundesgrenzschutz bereits im Oktober 1972 über eine geheime Elitetruppe.

Dahlke: Ich kenne diese Gerüchte. Belege dafür sind mir allerdings nicht bekannt.