Berühmte Werke haben ihre Wächter. Viel Geld geben Museen für Security und elektronische Schutzgehilfen aus – denn was etwas wert ist, muss gesichert sein. Auch die Kunst im Kieler Skulpturenpark Seekamp hat ihren Wächter: Es ist die Kunst selbst. Die Wächterin, so heißt die Skulptur, die der Besucher als Erstes sieht, wenn er, aus einer alten Lindenallee kommend, um die Ecke biegt und sich der Eingangsplatz des Skulpturenparks vor ihm öffnet. Drei Meter hoch erhebt sie sich aus einer ovalen Rasenfläche, eine Granitstele aus vier Teilen. Der Kopf: ein Viereck mit abgerundeten Ecken, wie ein vierblättriges Kleeblatt geformt. Die Brust: wie eine Muschel geriffelt. Die Bauchrundung: glatt poliert. Die Beine: klotzig, mit einer kleinen Stufe, auf die sich der Besucher setzen kann.

Diese abstrakt geformte Wächterin hat die Oberaufsicht über elf andere Großskulpturen, allesamt gestaltet und angeordnet von Hans Kock, einem der bekanntesten deutschen Nachkriegsbildhauer, der das Nonfigurative als einer der ersten deutschen Künstler in den öffentlichen Raum hinaustrug. Kock wurde 1920 in Kiel geboren und starb dort 2007. Er studierte in Braunschweig Architektur, entschied sich danach für die Bildhauerei und war mit seinen Werken auf der Documenta III und bei Weltausstellungen in Montreal und Osaka vertreten. Sein größtes Projekt aber war der Skulpturenpark Seekamp, den er auf dem Anwesen gestaltete, das der Familie seiner Frau Anna gehörte und auf dem er 1986 gemeinsam mit der Stadt Kiel die Hans Kock Stiftung gründete.

Dort, am Rande der Stadt, mitten im Grünen, kann man den Künstler, der einst zu den Heroen seiner Zeit zählte und heute fast in Vergessenheit geraten ist, neu entdecken. Den weiten Raum einer große Lichtung, umrandet von hohen Erlen, Eschen, Eichen und Buchen, nutzt er, um seine Kunst in ein Wechselverhältnis zur Natur zu setzen.

Wer Die Wächterin passiert, wandert auf einem alten Kopfsteinpflasterweg am Gutshaus, einem roten Backsteingebäude, vorbei und geht eine Anhöhe empor, von der die Lichtung zu überblicken ist. Auf der linken Seite vereinnahmt Kock fünf Mauerreste der alten Scheune für seine Kunst, er hat dort zwei Betonreliefs eingelassen. Einzelne geometrische Figuren sind herausgetrennt und an anderer Stelle neu aufgesetzt. Die harten Formen bekommen etwas Spielerisches, der scheinbar undurchdringliche Beton wird zum abstrakten Bild. Aus den Versatzstücken formen sich Beine, Körper und der kreisrunde Kopf des Gauklers. Die beiden Reliefs liegen schräg versetzt hintereinander und sind in ihrer Ausformung komplett identisch – nur dass sie auf der Mittelachse gespiegelt sind.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Auf der rechten Seite läuft der Besucher über eine große abschüssige Wiese von Skulptur zu Skulptur. Ein Pfad ist nicht vorgegeben, eine Schafherde grast zwischen den Stelen, an keiner der Skulpturen findet sich ein Informationstäfelchen. Alles Störende zwischen Kunst und Natur, alles Pädagogische oder Distanzbringende soll vermieden werden.

Nahe am Kopfsteinpflasterweg blicken sich zwei Frauenskulpturen aus der Ferne an. Überraschend anders sehen sie aus, nicht abstrakt wie die meisten Werke, sondern auf realistische Weise figürlich. Beide haben sie lange Haare, sind nackt und heben den linken Fuß, als wollten sie aufeinander zugehen. Unter den im Wind wogenden Bäumen stehen weitere Granitstelen, der Wächterin ähnlich, erst am äußeren Rand der Wiese bricht das uniforme Bild auf. Dort steht eine Rose, aus deren Blüte geometrische Figuren quellen, Bälle, Pyramiden, Quader. Und dahinter guckt ein Pferdekopf aus den Gräsern: Es ist ein Abbild des in den fünfziger Jahren bekannten Olympia-Springpferdes Meteor , den Kopf stolz nach hinten geworfen, die Ohren steif abstehend.

Hans Kocks Kunst fügt sich in die Natur ein, die Natur umgarnt sie mit ihren Spinnweben und dem Moos, aber einnehmen kann sie die Kunst nicht. Steil ragt sie aus der Natur empor, robust und widerstandsfähig. Sie verwandelt den Raum, fast scheint es, als werde aus ihm künstlerische Natur. Denn die Elemente halten den Raum in Spannung, und die abstrakte, harte Kunst gewinnt so eine ganz unvermutete Selbstverständlichkeit in der weichen, hügeligen Natur.