Energiekommissar Günther Oettinger © Johannes Simon/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Oettinger, viele Beobachter erwarten für diesen Herbst eine Art Endspiel in der Euro-Krise. Sie auch?

Günther Oettinger: Zum einen brauchen wir bis zum Jahresende eine grundsätzliche Weichenstellung, wie Europa bis zum Jahr 2020 aussehen soll. Gibt es einen Auftrag für eine grundsätzliche Neuordnung, und wenn ja, an wen? Das wird bis Dezember entschieden werden. Außerdem wird sich im Oktober entscheiden, wohin der Weg Griechenlands führt.

ZEIT: Und wohin führt er?

Oettinger: Wir tun unser Bestes, damit Griechenland in der Euro-Zone bleibt. Außerdem werden wir bis Jahresende wissen, ob es dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti gelingt, seine Reformpolitik fortzusetzen.

ZEIT: Also doch ein Endspiel?

Oettinger: Bis Jahresende werden wir wissen, wie tiefgreifend die Krise ist und wie nachhaltig sie Europa verändern wird.

ZEIT: Und wie stellen Sie sich die EU 2020 vor?

Oettinger: Die Kommission muss zu einer echten Regierung weiterentwickelt werden, das Europäische Parlament muss gestärkt und der Europäische Rat eine vollwertige Zweite Kammer werden. Für einige große Fragen braucht die EU vollständige Kompetenzen. Das gilt für die Außen- und Verteidigungspolitik und für die Infrastruktur. Die Währungsunion muss durch eine gemeinsame Wirtschafts-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik ergänzt werden. Auch die Energiepolitik muss europäisiert werden. Umgekehrt brauchen wir eine Art Negativkatalog, in dem festgelegt wird, bei welchen Themen die EU die Mitgliedsstaaten in Ruhe lässt.

Ich schließe nicht aus, dass sich im Laufe des Jahrzehnts für Angela Merkel die Frage nach einer hauptberuflichen Tätigkeit in Brüssel stellt

ZEIT: Wenn alle großen Fragen auf europäischer Ebene entschieden werden, müsste die Bundeskanzlerin eigentlich nach Brüssel umziehen.

Oettinger: Es wird der Zeitpunkt kommen, wo der nächste Karriereschritt eines Regierungschefs eines großen Mitgliedslandes Brüssel ist.

ZEIT: Angela Merkel als Rats- oder Kommissionspräsidentin – ist das wirklich vorstellbar?

Oettinger: Erst einmal hat sich die Kanzlerin entschieden, dass sie Kanzlerin bleiben möchte. Aber ich schließe nicht aus, dass sich im Laufe des Jahrzehnts für sie die Frage nach einer hauptberuflichen Tätigkeit in Brüssel stellt.

ZEIT: Viele Bürger empfinden die Politik, die in Brüssel gemacht wird, als abgehoben. Verstehen Sie die Vorbehalte gegen »die da in Brüssel«?

Oettinger: Ich glaube, das ist etwas ganz Normales. Wenn Sie in Oberschwaben die Menschen nach »denen da oben« fragen, dann ist für die Stuttgart oder Berlin genauso weit weg wie Brüssel.

ZEIT: Woran liegt es dann, dass viele Bürger den Eindruck haben, in Brüssel werde ständig über ihren Kopf hinweg entschieden?

Oettinger: Für viele Bürger sind schon nationale Entscheidungen schwer nachzuvollziehen. Auf europäischer Ebene kommt noch mal eine Dimension hinzu. Außerdem sind die politischen Abläufe anders, sogar die Begriffe. Ob »Kommissar« oder »Kabinett« – damit ist in Brüssel etwas anderes gemeint als in Berlin.

ZEIT: Wissen die Bürger zu wenig über die EU?

Oettinger: Die Krise hat viele Nachteile, aber sie bringt einen Vorteil mit sich: Die Strukturen Europas werden bekannter. Das müssen wir fortsetzen. Außerdem glaube ich, dass die deutsche Politik in Brüssel größere Präsenz zeigen müsste.

ZEIT: An wen denken Sie?

Oettinger: Vor allem an die Regierungsmitglieder, wobei ich Angela Merkel und Wolfgang Schäuble ausdrücklich ausnehme. Ich würde mir wünschen, dass die deutschen Minister mehr Arbeitstage in Brüssel verbringen würden. Auch die deutschen Zeitungen täten gut daran, ihre Berichterstattung aus Brüssel zu verstärken.