ZEITmagazin: Frau Ruge, Sie zählen zu den angesehensten Verlegern Deutschlands. Welche Bedeutung hatten Bücher für Sie als Kind?

Elisabeth Ruge: Für mich waren Bücher das Wichtigste. Als Kind war ich aufgrund der Krankheit meiner Mutter oft traurig oder fühlte mich einsam. Lesen war immer das Beste, was ich tun konnte, um mich in eine andere Welt hineinzubegeben.

ZEITmagazin: Woran litt Ihre Mutter?

Ruge: Meine Mutter war manisch-depressiv, die Ärzte diagnostizierten damals Schizophrenie.

ZEITmagazin: Was für ein Mensch war sie?

Ruge: Meine Mutter wurde 1934 geboren. Sie war Teil einer großen Familie. Ihr Vater, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, war am Widerstand beteiligt und ist nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet worden. Meine Großmutter, eine wunderbare Frau – die bis zu ihrem Tod das Zentrum unserer Familie war –, blieb mit sechs Kindern zurück, das kleinste nicht einmal ein Jahr alt. Fünf Schwestern und ein Bruder, alle sehr schön, auf unterschiedliche Weise, alle mit ganz eigenem Charakter und einander eng verbunden, immer. Meine Mutter war eine empfindsame, sehr intelligente Frau, fein in jederlei Sinn, von großer Menschlichkeit. Ärzte haben mir immer wieder gesagt, dass die vielen Psychopharmaka die Persönlichkeit eines Menschen in der Regel allmählich verschwinden lassen. Meine Mutter jedoch leuchtete.

ZEITmagazin: In welchem Alter haben Sie begriffen, dass Ihre Mutter schwer krank ist? 

Ruge: Die Tatsache, dass sie immerzu Stimmen hörte, parallel zu dem, was wir erlebten, habe ich schon als junges Mädchen begriffen. Ich habe sehr früh verstanden, wie übermächtig diese Parallelwelt sein muss für sie und dass unsere Wirklichkeit teilweise verblasst gegenüber dem, was in ihrem Kopf vorgeht. Ich habe sie nie gesund erlebt.