Die Schauspieler Ellen Page und Jesse Eisenberg in "To Rome with Love" © Tobis

DIE ZEIT: Sie waren der Location Scout für Woody Allens neuen Film To Rome with Love . Schon im Titel wirbt der Regisseur für Ihre Heimatstadt. Hat er sie denn gut getroffen?

Francesco Colicigno: Durchaus – im Rahmen seiner Möglichkeiten.

ZEIT: Sind seine Möglichkeiten denn so begrenzt?

Colicigno: Amerikanische Filmemacher zeigen Rom immer etwas romantischer, als die Stadt tatsächlich ist. Aber das lässt sich nicht ändern. Der Blick von außen ist nun mal ein anderer.

ZEIT: Die italienische Kritik hat dem Film einen »touristischen« und klischeebeladenen Blick vorgeworfen.

Colicigno: Was erwarten diese Leute denn? Woody Allen ist ein Ausländer, der hier eine romantische Komödie gedreht hat. Natürlich wird da mit Klischees gearbeitet. Natürlich werden da Sehenswürdigkeiten ins Bild gehoben. Sollte er etwa einen schonungslos realistischen Blick in die Hinterhöfe werfen?

ZEIT: Mit welchen Vorgaben haben Sie die Drehorte für den Film ausgesucht?

Colicigno: Die Idee war, die Stadt von ihrer schönsten Seite zu zeigen. Der Trevi-Brunnen sollte zum Beispiel unbedingt dabei sein, das Kolosseum, die Via Veneto. Aber es ging natürlich auch um geeignete Wohnungen, Hotelzimmer und städtische Treffpunkte für die Protagonisten aus dem Film.

ZEIT: Man sieht sehr viele alte Steine. Nur einmal taucht groß ein Stück zeitgenössische Architektur auf.

Colicigno: Richtig, das Auditorium von Renzo Piano. Dort treffen sich der junge und der alte Architekt im Film für ein Gespräch. Da war es natürlich ratsam, etwas Modernes zu zeigen. Viel Auswahl gibt es in dieser Hinsicht nicht in Rom. Gegen eine Stadt wie Barcelona, in der Woody Allen ja erst vor ein paar Jahren gedreht hat, sehen wir – im wahrsten Sinne des Wortes – sehr alt aus.

ZEIT: To Rome with Love ist ein Vielpersonenfilm, der sich mit der Flatterhaftigkeit von Liebe und Ruhm beschäftigt. Wo finden Sie denn das Zusammenspiel aus Setting und Szene besonders gelungen?

Colicigno: Ich mag den 360-Grad-Schwenk rund um die Piazza del Popolo, als sich die Italienerin vom Lande dort verirrt. Aber noch besser gefällt mir die Szene, in der Roberto Benigni auf der Via Veneto verzweifelt versucht, als Star wiedererkannt zu werden, und dabei sogar die Hosen runterlässt. Die Via Veneto war ja zu Zeiten von Federico Fellinis La Dolce Vita Roms große Glamourmeile.

ZEIT: Sie haben schon häufiger mit Hollywood-Regisseuren gearbeitet – für Eat Pray Love, Nine oder Illuminati . Wiederholen sich die Postkartenmotive?

Colicigno: Klar. Aber das ist kein Vorwurf! Schließlich geht es um globales Entertainment. Da sollen auch Zuschauer, die noch nie in Rom waren, die Stadt sofort wiedererkennen können. Und dafür muss man eben Ikonen wie das Kolosseum oder den Petersdom zeigen.

ZEIT: Apropos: Eine Szene von To Rome with Love spielt im Vatikan, scheint aber nicht wirklich dort gedreht worden zu sein. Jedenfalls gibt es nur eine unscheinbare Innenszene.

Colicigno: Der Vatikan erteilt keine Dreherlaubnis für kommerzielle Projekte. Nicht einmal Illuminati ist im Petersdom gedreht worden. Der Regisseur ließ die Kirche deshalb sehr aufwendig im Computer nachbauen. So viel Geld hatte Woody Allen natürlich nicht zur Verfügung.

ZEIT: Worin unterscheidet sich das echte Rom denn vom Rom Hollywoods?

Colicigno: Das Rom aus Hollywood wirkt auf mich immer ein bisschen zu sauber und zu statisch, nicht wirklich lebendig. Die Regisseure treffen einfach nie den wahren Herzschlag der Stadt. Wenn Filmemacher aus den USA in den USA drehen, spürt man meistens: Das ist ihr Revier, da kennen sie sich aus. Hier bei uns dagegen kommt jeder Amerikaner aus dem Takt. Die Kamerabewegungen, die Schauspieler, der Rhythmus – alles wirkt irgendwie leicht steif und gekünstelt.

ZEIT: Was macht den Herzschlag der Stadt aus?

Colicigno: Römer sind relativ trocken und abgeklärt und gestikulieren zum Beispiel überhaupt nicht so ausladend herum, wie man sich das im Allgemeinen von Italienern vorstellt. Wahrscheinlich hat das historische Gründe. In Rom wurde schon mal ein Weltreich zu Grabe getragen, man hat Jahrhunderte an Dekadenz überlebt und konnte immer sagen: Hier lebt Gottes Stellvertreter auf Erden! Zur typisch römischen Mentalität gehört es, weder die Welt noch die eigenen Angelegenheiten allzu ernst zu nehmen.