Dieser jüdische Junge aus Prag hat es zu Weltruhm gebracht – obwohl eigentlich Auslöschung sein Schicksal hätte werden sollen. Stattdessen werden seine Bücher in viele Sprachen übersetzt, überall bewundert man ihn für seine Kunst; er ist zum verehrten Klassiker geworden. Sein Werk lehrt, in die Abgründe der Existenz zu schauen. Seine Sprache vermittelt eine Intensität des Schreckens über jenes ausweglose Verhängnis, in das das Individuum geraten kann – eine die Leser nie mehr loslassende Erfahrung. Zu Hause bei ihm sprach man selbstverständlich Deutsch; dem jüdischen Glauben allerdings steht der agnostische Sohn schon früh eher fern.

So könnte ein Porträt Franz Kafkas beginnen – gemeint ist aber der Historiker Saul Friedländer . Der bedeutende Erforscher des Holocaust ähnelt dem großen Schriftsteller in gar nicht so wenigen Facetten seiner Herkunft. Sein Vater hatte zudem wie Kafka Rechtswissenschaften an der Karlsuniversität studiert und wurde wie jener Angestellter einer Versicherungsgesellschaft. Der Sohn Saul wurde Jahrzehnte später bekannt durch seine zweibändige epochale Gesamtgeschichte der Judenvernichtung Das Dritte Reich und die Juden ; 2007 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels . In seiner bewegenden Dankesrede erinnerte er damals an das Schicksal seiner Eltern: Sie emigrierten 1939 aus Prag nach Frankreich, wo sie später, nach der deutschen Besetzung, den Jungen taufen ließen und in einem katholischen Internat versteckten. Dort überlebte er als Paul-Henri Ferland – sie selbst wurden deportiert und 1942 in Auschwitz umgebracht, ebenso übrigens drei Schwestern von Kafka. Als 45-jähriger Wissenschaftler veröffentlichte Friedländer bereits Wenn die Erinnerung kommt, eine berührende Introspektion dieser grausamen, kaum vorstellbaren Kindheit und Jugend.

Nun also hat Saul Friedländer, der am 11. Oktober 80 Jahre alt wird, ein Buch über Franz Kafka geschrieben. Dass hier ein jüdischer Junge aus Prag über den anderen schreibt, der ein halbes Jahrhundert vor ihm 1883 geboren wurde, ist bereits ein staunenswerter Glücksfall, vom vergangenen Jahrhundert wahrlich nicht vorgesehen. Aber warum schreibt ausgerechnet ein Historiker über jenen Schriftsteller, den viele für den wichtigsten Autor jenes Jahrhunderts halten und den Generationen von Germanisten durchinterpretiert haben? Als wir uns vor anderthalb Jahren darüber unterhielten, bekannte Friedländer, dass er immer schon über ihn schreiben wollte: »Die Liebe zu Kafka ist für mich eine lebenslange Leidenschaft.« Er sei zwar kein Literaturwissenschaftler, hoffe aber, Neues über Kafka sagen zu können. Sein Buch ist ein langer Essay geworden, der einige für Friedländer zentrale Aspekte in Leben und Werk Franz Kafkas ausleuchtet – und damit für Aufsehen sorgen dürfte.

Denn das Neue taucht recht früh auf, unvermittelt auf Seite 24. Zuvor hat uns der Autor auf die komplizierte sexuelle Gemengelage bei Kafka hingewiesen und dabei homoerotische Neigungen erwähnt sowie jenes dramatische Zitat, das sich in einem Brief Kafkas vom August 1920 an seine Freundin Milena Jesenská findet: »Schmutzig bin ich, Milena, endlos schmutzig, darum mache ich ein solches Geschrei mit der Reinheit. Niemand singt so rein, als die welche in der tiefsten Hölle sind.« Was Kafka genau meinte, weiß auch Friedländer nicht, Homosexualität jedenfalls wohl kaum. Aber nun fällt plötzlich eine irritierende Frage, die Skandalöses verheißt: »Vielleicht bezieht er sich verhüllt darauf, dass er sich sexuell zu Jugendlichen, ja zu Kindern hingezogen fühlte?« Franz Kafka, der Felice Bauer, Milena Jesenská und Dora Diamant liebte und ihnen berühmte Briefe schrieb – dieser Franz Kafka soll pädophile Gefühle gehabt haben? Da denkt der Leser an Stefan George, dessen Wiederentdeckung vor einigen Jahren oft auf dessen sexuelle Präferenzen für kleinere und größere Jungen fokussiert war. Man denkt natürlich an die seit Jahrzehnten bis in jeden Seelenwinkel und Hotelaufenthalt ausgekundschaftete, unausgelebte Neigung Thomas Manns zum männlichen Geschlecht. Vor allem denkt man in Deutschland auch an die Odenwaldschule und deren pädophilen Direktor Gerold Becker. Entdecken wir mit Friedländer nunmehr auch Franz Kafkas bislang tief verborgenes Geheimnis?

Friedländer stellt seine Frage nicht leichtfertig. Aber er betont eindeutig, dass Kafkas Schuldgefühle mit »Phantasien, mit vorgestellten sexuellen Möglichkeiten« (Kursivierung im Original) zu tun hätten und keineswegs mit »konkreten Initiativen«. Damit sind wir beim Anliegen Friedländers: Er will Kafka als Dichter der Scham und Schuld verstehen, mit einem Werk, das sich daraus speist – »wesentlich ist, welche Auswirkungen sich daraus auf Kafkas Schriften ergeben«. Wichtig ist dabei zunächst anderes: Im Kapitel Der Sohn geht es um das bekanntlich zeitlebens gespannte Verhältnis von Franz zu seinem Vater Hermann, dem Ladenbesitzer am Altstädter Ring; ödipale Konflikte werden vor allem in jenen Geschichten Kafkas ausgetragen, die er ursprünglich in einem Band mit dem Titel Die Söhne veröffentlichen wollte. Im Urteil, übrigens vor hundert Jahren in einer einzigen rauschhaften Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 niedergeschrieben, treibt der gebrechliche Vater den Sohn in den Selbstmord; in der Verwandlung wirft Vater Samsa den todbringenden Apfel nach dem zum Käfer mutierten Sohn Gregor. Ausführlich stellt Friedländer zudem Kafkas rumorende jüdische Identität dar: Er spürte das Pariadasein, wofür schon Hannah Arendt aus Kafkas Roman Das Schloß die Worte der Wirtin Gardena zum Landvermesser K. zitierte: »Sie sind nicht aus dem Schloß, Sie sind nicht aus dem Dorfe, Sie sind nichts.«