Der Weg zum Planeten Waterford führt mitten durch Afrika. Vorbei an einfachen Dörfern mit Dächern aus Wellblech und staubigen Wegen, durch eine karge Wildnis. Auf ausgeblichenem Teer kriecht der weiße Schulbus die Serpentinen hinauf. In der Ferne, auf einem Bergrücken, der Palast des Königs von Swasiland.

Gegenüber aber wohnen die jungen Idealisten. Für sie hat man hier oben auf 1600 Metern eine besondere Schule gebaut. Eines von weltweit zwölf United World Colleges (UWC). 600 Schüler aus 54 Nationen lernen in Waterford Kamhlaba.

Tezzy aus Swasiland wurde von ihrer Lehrerin überredet, sich zu bewerben. Fanele ist hier, weil er einmal »UN-Generalsekretär, der neue Ban Ki Moon« werden will. Lerato kommt aus einer Township in Südafrika, Dimitri aus Frankreich, Jenny aus Norwegen, Sebastian und Leonie aus Deutschland.

Für die einen steht Waterford für den Aufbruch in eine neue Zukunft, für den Abschied von Armut und Perspektivlosigkeit. Für andere ist es das erste richtige Abenteuer ihres Lebens, Tausende Kilometer weit weg von zu Hause. Sie kommen mit 17, 18, 19 Jahren mit großen Idealen, voller Hunger auf das Fremde, mit einer Wut im Bauch über das Unrecht auf dieser Welt. Man hat sie für das zweijährige Oberstufenprogramm ausgewählt, weil sie »begabt und geeignet« sind, nicht weil ihre Eltern viel verdienen. Niemandem soll aufgrund seiner sozialen Herkunft der Besuch eines United World College verweigert werden. Das ist eine der wichtigsten Überzeugungen der UWC-Bewegung.

Eine Schule für alle Hautfarben, Ethnien, Religionen, für mehr Völkerverständigung, Frieden, Toleranz und Gerechtigkeit. Der 17-jährigen Leonie aus Dortmund schien die UWC-Propaganda, die sie im Internet fand, ziemlich dick aufgetragen. »Ich war begeistert von den Idealen und gleichzeitig skeptisch«, sagt sie. »Ich wollte wissen, ob das funktionieren kann, die Welt in Miniatur nachzustellen.« Leonie bewarb sich für ein UWC in Norwegen, bekam dann aber eine Zusage für Swasiland. 9000 Euro zahlen ihre Eltern für die zwei Jahre am United World College. 29.000 würde der Schulplatz in Swasiland eigentlich kosten.

Die Deutsche Stiftung UWC berechnet die Eigenanteile der Eltern nach deren Einkommen. Allerdings erst nachdem die Schüler ausgewählt wurden. So soll verhindert werden, dass Bewerber aufgrund ihrer familiären Herkunft benachteiligt werden, und Eltern sollen nur das zahlen, was sie wirklich aufbringen können. Der Rest wird durch Spendengelder abgedeckt. Trotzdem gibt es aufgeregte Diskussionen unter deutschen Müttern und Vätern darüber, ob die jeweilige Höhe des Elternbeitrages tatsächlich angemessen ist. Lediglich drei von 25 Jugendlichen, die von Deutschland aus jedes Jahr in die Welt geschickt werden, bekommen Vollstipendien.

Das Waterford-College in Swasiland gehört für deutsche Eltern nicht gerade zu den ersten Adressen auf der Landkarte der UWCs. Das Königreich am östlichen Rand von Südafrika, nicht größer als Thüringen, hat die höchste HIV-Rate der Welt. Ein Viertel der Erwachsenen ist mit dem Virus infiziert. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich in zwei Jahrzehnten halbiert und liegt inzwischen bei 31 Jahren. Das Land wird von einem egomanischen König regiert, der die Aids-Gefahr lange ignoriert hat. Eine wirklich offene Aufklärung ist innerhalb der tiefgläubigen, meist christlichen Bevölkerung eine heikle Angelegenheit.

Laurence Nodder kennt die Ängste der Eltern seit 13 Jahren. So lange ist der weiße Südafrikaner bereits Schulleiter in Waterford. Er weiß, dass der Ruf seiner Schule an der Sicherheit hängt, die er hier gewährleisten kann. Kein Sex, keine Drogen, kein Alkohol – das sind die Regeln, die unter den Schülern für ständigen Diskussionsstoff sorgen.

Innerhalb der zwölf United World Colleges hat Waterford den Ruf, die konservativste und strengste Schule zu sein. Für die afrikanischen Jugendlichen ist sie dagegen die liberalste, die sie je besucht haben. Für Nodder, der im Dezember Waterford verlassen wird, um in Freiburg das erste deutsche UWC aufzubauen, war es ein ständiger Balanceakt, den Freiheitsdrang seiner europäischen Schüler nicht zu stark einzuschränken und gleichzeitig die religiösen Befindlichkeiten der afrikanischen Familien nicht zu verletzen.