Als Kind träumte ich immer von einem ganz normalen Leben. Von einem Alltag, wie ihn alle meine Mitschüler in Schweden hatten. Ich wünschte mir, in einem kleinen Backsteinhaus mit gepflegtem Garten zu wohnen, mit einer Mutter, die eine Schürze trägt und Kuchen backt.

Aber meine Eltern lebten ganz anders als unsere Nachbarn. Sie waren Künstler. Don Cherry, der berühmte Jazz -Musiker, war mein Stiefvater und oft auf Reisen. Meine Mutter, mein Bruder und ich kamen immer mit, jede Italientournee wurde zum Familienurlaub. Don war ein unkonventioneller Mensch. Er spielte überall Trompete. Wenn wir Zug fuhren, holte er garantiert sein Instrument raus und legte los. Mir war das damals unendlich peinlich. Mein Bruder und ich setzten uns möglichst weit weg und taten so, als ob wir nicht dazugehörten. Aber wenn sich jemand über meinen Vater beschwerte, wurde ich wütend. Ich liebte ihn ja.

Weil wir so viel unterwegs waren, träumte ich lange von einem Ort, an dem ich zur Ruhe kommen und Wurzeln schlagen könnte. Seit ich selber Kinder habe, verstehe ich meine Eltern besser. Schon als ich mit 14 die Schule abbrach und allein nach London ging, merkte ich, wie selbstständig mich die vielen Reisen mit meinen Eltern gemacht hatten. Und wenn ich heute eine Weile nicht unterwegs bin, werde ich unruhig.

Für meine Kinder war das nicht immer leicht. Sie fanden es nicht so toll, dass sie wegen meiner Reisen und Umzüge oft die Schule wechseln mussten. Der mobile Lebensstil ist längst auch mein Alltag geworden. Erst wenn es wieder hinaus geht in die weite Welt, geht es mir richtig gut. Dabei bin ich strenger als meine Eltern. Die Schule abzubrechen, das hätte ich meinen Kindern nie erlaubt.

Von meinem sechzehnten Lebensjahr an war ich im Musikgeschäft aktiv. Dass ich in den vergangenen Jahren weniger mit Musik zu tun hatte, ergab sich einfach daraus, dass ich diese Zeit mit meinen Kindern und meiner Familie verbracht habe. Als mein Vater Don starb und mein drittes Kind zur Welt kam, hatte ich erst einmal genug von der Musikindustrie.

Ich wollte nur raus aus der Tretmühle und irgendwann später weitermachen. Das ist jetzt sechzehn Jahre her. In der Zwischenzeit habe ich zwar ab und zu Musik gemacht, aber erst jetzt bin ich wieder richtig dabei. Diese Rückkehr hat für mich tatsächlich etwas Traumhaftes.

Vor einigen Jahren traf ich Bono . Der schaute mich lange an und sagte, dass er all die Musik, die mir durch den Kopf ging, fühlen könne. Und dass ich mit meiner Musik endlich weitermachen solle. Meine neue Platte fühlt sich für mich so an, als hätte sie irgendwo im Universum schon auf mich gewartet. Wir haben auch einen Song von Don Cherry neu aufgenommen, Golden Heart . Nach seinem Tod hatte ich mich nicht mehr in der Lage gefühlt, seine Musik zu hören. Durch diesen Song habe ich zu ihr zurückgefunden. Es war, als ob ich ihn noch einmal träfe, wie eine letzte Unterhaltung mit ihm. Das ging mir während der Aufnahme sehr nahe.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio