Ein Luftbild von einem See in der Nähe von Manaus (Archivbild) © dpa

Türkische Erholungsdreiecke

Wie wichtig Umweltpolitik in der Türkei genommen wird, kann man am Schicksal der dortigen Grünen-Partei ablesen. Bei der Wahl 2011 war das Interesse an den Zielen der Grünen so klein, dass sie sich entschieden, erst gar nicht anzutreten. Die anderen Parteien haben andere Präferenzen.

Die AKP-Regierung setzt auf bedingungslose Entwicklung. Dem Ziel, es mit einer Türkei von 100 Millionen Menschen bis 2023 unter die zehn größten Wirtschaftsnationen der Welt zu schaffen, darf nichts entgegenstehen. Dafür wird vor allem gebaut. Die Bauwirtschaft trägt neben Industriegütern und Nahrungsmitteln, Konsum und Tourismus das Wirtschaftswachstum der Türkei.

Dabei kommt die Umwelt vielerorts unter den Betondeckel. Seit Jahrzehnten gehören immer neue Staudämme und Wasserkraftwerke zu den größten Feinden der reichen Natur. In allen Teilen Anatoliens sind grandiose Schluchten, verwunschene Dörfer und sogar antike griechische Städte von den Wassermassen ertränkt worden. In Ostanatolien tobt der Kampf um einen Damm, dem die historische Stadt Hasankeyf zum Opfer fallen soll. Für den Ministerpräsident Tayyip Erdoğan ist klar, dass das Alte der glänzenden Zukunft weichen muss.

In Istanbul, der größten Stadt des Landes, ist die Zerstörung von Grünflächen und Naturschutzgebieten besonders augenscheinlich. Die letzten grünen Flecken an den hohen Ufern des Bosporus sollen verschwinden. Erdoğan plant eine dritte Brücke über den Bosporus, für die Teile des einzigen größeren Waldgebietes abgeholzt werden müssen. Von der Meerenge führen Autobahnen durch Erholungsgebiete. Überdies soll am Schwarzen Meer auch noch ein Flughafen gebaut werden. Bald müssen die Bewohner der Metropole Stunden fahren, um sich im Wald erholen zu können.

Und damit die Konjunktur nicht einbricht, will Premier Erdoğan weiterbauen. Die Bürgermeister seiner Partei in der Provinz präsentieren neue Pläne: Ein zweites Ankara soll emporwachsen, ein zweites Gaziantep gebaut werden. Neue Städte sollen in Anatolien hochgezogen werden – alles in der Hoffnung auf weiteres Bevölkerungswachstum.

Doch wo erholt sich der Mensch, wenn er von Asphalt, Stein und Hochhäusern einmal die Nase voll hat? Auch dafür haben die Umweltplaner der Regierung eine Lösung. In Istanbul lässt sie sich an vielen Stellen beobachten. Wo Autobahn auf Autobahn stößt und vielleicht noch eine Brücke darübergeht, bildet sich häufig ein Dreieck. Diese ausgewiesenen Umweltschutzzonen lässt die Regierung aufwendig bepflanzen, mit grünem Rasen, Tulpen, Rosen. Ein Schild der Stadtverwaltung klärt auf: »Für Sie angelegt, Ihr Bürgermeister«. Eine kleine Parkbank lädt zum Verweilen ein, manchmal ist sogar noch ein Springbrunnen dabei. Schön soll es aussehen, wenn der eilige Istanbuler im Auto vorbeidüst. Lauschig soll es für den Ausflügler sein, wenn er seinen Wagen oder sein Moped auf der Standspur parkt, den Grill rausholt und mit der Familie auf dem Rasendreieck ein Picknick macht, inmitten der tosenden Stadt. Michael Thumann