1. Deutschland wird im Zuge der Euro-Krise wieder öfter mit der NS-Vergangenheit konfrontiert. Was bedeutet das?

Die NS-Vergangenheit hat sich in Deutschland als die Standardkulisse etabliert, vor der sich das Geschehen in der Gegenwart abspielt. Das bedeutet nicht unbedingt, dass wir uns historisch verorten oder moralisch auf Kurs halten. Meist geht es bei den Analogiebildungen zur NS-Vergangenheit nur um die Steigerung von Aufmerksamkeit, die Emotionalisierung von Kontroversen und den Erhitzungsgrad von Skandalen. Auch das Bedrohungsbewusstsein in Krisen kann man auf diese Weise beliebig steigern. So unfehlbar diese Diskurseffekte sind, so wenig lässt sich aus dieser Analogie lernen.

2. Die Generation der Täter stirbt allmählich aus. Müssen die Jungen noch immer Verantwortung für deren Taten übernehmen?

Die Vorstellung, dass sich die historische Last der Deutschen mit dem Generationswechsel biologisch erledigt, ist sehr naiv. Ein Blick auf die postkolonialen Staaten zeigt, dass heute nicht mehr das Vergessen der Täter, sondern die Anerkennung der Opfer und ihrer »historischen Wunden« das globale Bewusstsein bestimmt. Nicht die Jungen müssen die Verantwortung für die Täter übernehmen, sondern zunächst einmal der Staat, in dem sie leben. Was sie mit dieser Verantwortung anfangen, ist in der Demokratie jedem selbst überlassen.

3. Die Erinnerung an die Vergangenheit, genauer: der Wille zur Erinnerung, bestimmte die deutsche Politik spätestens seit Ende der sechziger Jahre. Was bedeutet es, wenn das nachlässt? Was bestimmt dann die Identität der Deutschen in Europa, nun, da Europa in der Krise ist?

Europa befindet sich nicht nur in einer Finanzkrise, sondern auch in einer ideologischen Krise. Das Projekt Europa ist gegenwärtig durch eine fortschreitende Renationalisierung gefährdet. Wenn sich jeder wieder selbst der Nächste ist, nehmen ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl rapide ab. Wir müssen hier zwischen der Finanzkrise und einer Wertkrise unterscheiden. Die Werte, auf die Europa gegründet ist, schließen die Menschenrechte, den Schutz von Minderheiten und nicht zuletzt die Abkehr von einem selbstherrlichen und aggressiven Typ des Nationalstaats ein. Wenn die sinkende wirtschaftliche Prosperität dazu führt, dass auch diese Werte über Bord geworfen werden, steuern wir auf die wirkliche Krise Europas zu.

4. Was bedeutet Verantwortung für Israel konkret?

Der Geschichtsverlauf nach 1945 hat zu der unfasslichen Ungerechtigkeit geführt, dass die Deutschen als Nachfahren der Täter des Holocaust im sicheren und politisch stabilen Umfeld Europas mit offenen Grenzen und engem wirtschaftlichem und kulturellem Austausch leben, während die Nachfahren der Opfer des europäischen Judenmords in einem ihnen fremden Umfeld leben, das durch politische Polarisierung, Terroranschläge und zunehmende Eskalation der Konflikte mit den palästinensischen und anderen islamischen Nachbarn geprägt ist. Die zur Staatsdoktrin erhobene Opferidentifikation, verbunden mit einer religiösen Politik der Landnahme, hat diesen ehemals laizistischen Staat auf einen bedrohlichen Konfrontationskurs mit seiner Umgebung geschickt.

Verantwortung für Israel bedeutet eine aus der Empathie erwachsene Sorge um den Fortbestand dieses Landes in seiner Umwelt und die Verhinderung eines »zweiten Holocaust«, was nicht durch weitere Eskalation, sondern nur durch eine kommunikative Politik der Deeskalation zu erreichen ist. Diese Politik der Deeskalation, die viele Kritiker im Lande längst betreiben, sollte von Deutschland unterstützt werden. Denn je besser sich Israel in seine Umwelt einfügt, desto sicherer ist seine Zukunft.

Aleida Assmann lehrt an der Uni Konstanz