Begriffe wie Spätmoderne, Postmoderne, Neomoderne, Zweite Moderne und so weiter charakterisieren weniger die historischen Epochen, auf die sie scheinbar verweisen, als vielmehr die Gefühlslagen einer bestimmten Gesellschaftsschicht, der diese Begriffe entstammen. Bei dieser Schicht handelt sich um die sogenannte kreative Klasse, also um Schriftsteller, Künstler, Musiker, Architekten, Designer. Sie erzeugen Produkte, von denen alle erwarten, dass sie ästhetisch attraktiv sind. Die Kreativen, und davon hängt ihre Existenz ab, müssen ihren eigenen Geschmack in Einklang bringen mit dem Geschmack ihres Publikums.

Nun ist die Moderne ein Codewort für die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Geschmack der kreativen Klasse und dem Geschmack der Mehrheit der Gesellschaft. Diese Kluft entstand allerdings schon im neunzehnten Jahrhundert, als die industrielle Revolution große Massen der Bevölkerung aus ihren angestammten Lebensmilieus herausgerissen und deren historisch geformten Geschmack für nichtig erklärt hat. Die Massen, die ihre alte Lebenswelt verloren hatten, wurden dadurch unhistorisch, das heißt: Sobald sie mit Kunstwerken konfrontiert wurden, dann konnten sie diese – anders als ihre Vorfahren – nicht mit alten Vorbildern vergleichen, sondern allein mit Dingen und Erfahrungen ihres gegenwärtigen Lebens.

Die kreative Klasse, zu der Maler, Schriftsteller oder Komponisten gehörten, war dagegen hauptsächlich in den traditionsbewussten bürgerlichen Milieus und traditionellen Berufen verankert. Sie konnten gar nicht umhin, ihre eigenen Anschauungen, Diskurse und Kunstpraktiken mit denjenigen der Vorfahren zu vergleichen. Wollte die moderne kreative Klasse Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts innovativ und ästhetisch progressiv werden, dann musste sie sich von der Tradition absetzen oder sogar mit ihr brechen – nur so konnte sie als eigenständige Größe vor der kulturellen Vergangenheit bestehen.

Von Anfang an verbarg sich darin eine tiefe Ironie. Gerade derjenige Künstler, der damals seiner Gegenwart, und mehr noch seiner Zukunft, eine neue, noch nicht dagewesene Form geben wollte, blieb dem Historismus radikal verhaftet. So könnte man sagen: Die damals entstehende Moderne war der Effekt des Zusammentreffens der historizistisch denkenden kreativen Klasse mit der unhistorisch fühlenden Masse. Und nur in der ersten Phase der Moderne wurde dieser Konflikt abgemildert durch die traditionsbewussten, gebildeten Milieus in europäischen Großstädten.

Schon damals hat die kreative Klasse allerdings das Verschwinden dieser kulturkonservativen, gebildeten Milieus geahnt und darauf mit einer Mischung aus Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsfantasien reagiert. Sie schwankte zwischen defätistischen Visionen über den Untergang der Kultur und der Beschwörung einer zukünftigen Menschheit, der die kreative Klasse dann ihren modernen Geschmack diktieren würde. Doch verloren beide Haltungen, sowohl die kulturkonservative wie auch die avantgardistische, bereits vor dem Ersten Weltkrieg ihre historische Berechtigung.

Schon in seinem berühmten Aufsatz Avant-Garde und Kitsch (1939) hatte Clement Greenberg das gleichzeitige Scheitern dieser beiden Projekte festgestellt. Die Machthaber sowohl in den faschistischen wie auch in den kommunistisch regierten Staaten hätten den avantgardistischen Geschmack der Geschmacklosigkeit der Massen geopfert. Auch den traditionell gebildeten bürgerlichen Schichten, insbesondere in den Vereinigten Staaten, warf Greenberg Verrat an ihrem Geschmack vor. Wie die Regierungen der kommunistischen und faschistischen Staaten hätten sie ihre ästhetische Distinktion geopfert, um ihre Herrschaft unterm Schleier der universalen Geschmacklosigkeit besser verbergen zu können.

Für Greenberg (1909 bis 1994) bedeutete dies, dass die ernsthafte Kunst ihre Möglichkeit zur gesellschaftlichen Artikulation endgültig verloren hat. Es gab einfach keine Milieus mehr, deren Geschmack dieser Kunst entsprach, abgesehen vom Geschmack der Kunstproduzenten selbst. In diesen Sätzen wird schon die Postmoderne angekündigt, also die Zeit, in der die Kunst nur ironisch oder vielmehr zynisch werden konnte.

Noch früher, nämlich in seinen Pariser Vorlesungen über Hegel (gehalten zwischen 1933 und 1939), hatte der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève die gleiche Diagnose gestellt. Für ihn gibt es ebenfalls keinen Unterschied mehr zwischen Französischer Revolution, Oktoberrevolution und nachfolgenden faschistischen und nationalsozialistischen Revolutionen. In all diesen Fällen, schrieb er, handele es sich um den Übergang zu homogenen Massengesellschaften, in denen weder die Philosophie noch die Kunst einen Platz hätten.

Kojève (1902 bis 1968) hat in seinen Vorlesungen die Figur des "Endes der Geschichte" und den Begriff der posthistoire eingeführt. Dabei hat Kojève behauptet, dass die Menschen, die nach dem Ende der Geschichte leben, kein Wissen über ihren posthistorischen Zustand haben können, weil mit dem Ende der Geschichte auch die Erinnerung an die Geschichte verschwindet. In diesem Sinne kann es auch keine Postmoderne geben, die sich noch an die Moderne erinnert. So wurden sowohl die Moderne wie auch die Postmoderne schon in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts "erledigt".