KapitalismuskritikLeben in der Kältezone

Als es mit ihrer Kunst bergab ging, erfand die kreative Klasse den Begriff der "Postmoderne". Heute hat die Kultur einen neuen Helden: Den Netzwerker. von Boris Groys

Teilnehmer der Campus Party 2012 in Berlin

Teilnehmer der Campus Party 2012 in Berlin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Begriffe wie Spätmoderne, Postmoderne, Neomoderne, Zweite Moderne und so weiter charakterisieren weniger die historischen Epochen, auf die sie scheinbar verweisen, als vielmehr die Gefühlslagen einer bestimmten Gesellschaftsschicht, der diese Begriffe entstammen. Bei dieser Schicht handelt sich um die sogenannte kreative Klasse, also um Schriftsteller, Künstler, Musiker, Architekten, Designer. Sie erzeugen Produkte, von denen alle erwarten, dass sie ästhetisch attraktiv sind. Die Kreativen, und davon hängt ihre Existenz ab, müssen ihren eigenen Geschmack in Einklang bringen mit dem Geschmack ihres Publikums.

Nun ist die Moderne ein Codewort für die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Geschmack der kreativen Klasse und dem Geschmack der Mehrheit der Gesellschaft. Diese Kluft entstand allerdings schon im neunzehnten Jahrhundert, als die industrielle Revolution große Massen der Bevölkerung aus ihren angestammten Lebensmilieus herausgerissen und deren historisch geformten Geschmack für nichtig erklärt hat. Die Massen, die ihre alte Lebenswelt verloren hatten, wurden dadurch unhistorisch, das heißt: Sobald sie mit Kunstwerken konfrontiert wurden, dann konnten sie diese – anders als ihre Vorfahren – nicht mit alten Vorbildern vergleichen, sondern allein mit Dingen und Erfahrungen ihres gegenwärtigen Lebens.

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Die kreative Klasse, zu der Maler, Schriftsteller oder Komponisten gehörten, war dagegen hauptsächlich in den traditionsbewussten bürgerlichen Milieus und traditionellen Berufen verankert. Sie konnten gar nicht umhin, ihre eigenen Anschauungen, Diskurse und Kunstpraktiken mit denjenigen der Vorfahren zu vergleichen. Wollte die moderne kreative Klasse Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts innovativ und ästhetisch progressiv werden, dann musste sie sich von der Tradition absetzen oder sogar mit ihr brechen – nur so konnte sie als eigenständige Größe vor der kulturellen Vergangenheit bestehen.

Von Anfang an verbarg sich darin eine tiefe Ironie. Gerade derjenige Künstler, der damals seiner Gegenwart, und mehr noch seiner Zukunft, eine neue, noch nicht dagewesene Form geben wollte, blieb dem Historismus radikal verhaftet. So könnte man sagen: Die damals entstehende Moderne war der Effekt des Zusammentreffens der historizistisch denkenden kreativen Klasse mit der unhistorisch fühlenden Masse. Und nur in der ersten Phase der Moderne wurde dieser Konflikt abgemildert durch die traditionsbewussten, gebildeten Milieus in europäischen Großstädten.

Schon damals hat die kreative Klasse allerdings das Verschwinden dieser kulturkonservativen, gebildeten Milieus geahnt und darauf mit einer Mischung aus Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsfantasien reagiert. Sie schwankte zwischen defätistischen Visionen über den Untergang der Kultur und der Beschwörung einer zukünftigen Menschheit, der die kreative Klasse dann ihren modernen Geschmack diktieren würde. Doch verloren beide Haltungen, sowohl die kulturkonservative wie auch die avantgardistische, bereits vor dem Ersten Weltkrieg ihre historische Berechtigung.

Schon in seinem berühmten Aufsatz Avant-Garde und Kitsch (1939) hatte Clement Greenberg das gleichzeitige Scheitern dieser beiden Projekte festgestellt. Die Machthaber sowohl in den faschistischen wie auch in den kommunistisch regierten Staaten hätten den avantgardistischen Geschmack der Geschmacklosigkeit der Massen geopfert. Auch den traditionell gebildeten bürgerlichen Schichten, insbesondere in den Vereinigten Staaten, warf Greenberg Verrat an ihrem Geschmack vor. Wie die Regierungen der kommunistischen und faschistischen Staaten hätten sie ihre ästhetische Distinktion geopfert, um ihre Herrschaft unterm Schleier der universalen Geschmacklosigkeit besser verbergen zu können.

Für Greenberg (1909 bis 1994) bedeutete dies, dass die ernsthafte Kunst ihre Möglichkeit zur gesellschaftlichen Artikulation endgültig verloren hat. Es gab einfach keine Milieus mehr, deren Geschmack dieser Kunst entsprach, abgesehen vom Geschmack der Kunstproduzenten selbst. In diesen Sätzen wird schon die Postmoderne angekündigt, also die Zeit, in der die Kunst nur ironisch oder vielmehr zynisch werden konnte.

Noch früher, nämlich in seinen Pariser Vorlesungen über Hegel (gehalten zwischen 1933 und 1939), hatte der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève die gleiche Diagnose gestellt. Für ihn gibt es ebenfalls keinen Unterschied mehr zwischen Französischer Revolution, Oktoberrevolution und nachfolgenden faschistischen und nationalsozialistischen Revolutionen. In all diesen Fällen, schrieb er, handele es sich um den Übergang zu homogenen Massengesellschaften, in denen weder die Philosophie noch die Kunst einen Platz hätten.

Kojève (1902 bis 1968) hat in seinen Vorlesungen die Figur des "Endes der Geschichte" und den Begriff der posthistoire eingeführt. Dabei hat Kojève behauptet, dass die Menschen, die nach dem Ende der Geschichte leben, kein Wissen über ihren posthistorischen Zustand haben können, weil mit dem Ende der Geschichte auch die Erinnerung an die Geschichte verschwindet. In diesem Sinne kann es auch keine Postmoderne geben, die sich noch an die Moderne erinnert. So wurden sowohl die Moderne wie auch die Postmoderne schon in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts "erledigt".

Leserkommentare
    • hairy
    • 09. September 2012 15:46 Uhr

    Die von Ihnen einfuehrend genannten Begriffe stammen so ziemlich saemtlich nicht von Kuenstlern, sondern von Theoretikern. Und "Kreativprodukte" muessen keineswegs auf den Geschmack des Publikum gebracht werden, solange es eine Differenz gibt zw. Kunst und Design. Und der Normbruch ist schon mehr als 100 Jahre eine "kreative" Strategie. Und die "Postmoderne" war/ist nur wieder eine Normbruchbewegung: in der Architektur gegen die Allgegenwaertigkeit des Bauhausfunktionalismus (samt Ornamentverdammung und Formreduktion), in der Literatur insbes. die Fragmentierung und Ironisierung gegen die rel. geschlossene "hohe" Romanform, in der Malerei zB. die Wiederkehr der realistischen Abbildung gegen Reduktion/Abstraktion.

    Und zu Ihrem arg schnellen Dreh, Herr G., zum Netzwerker: Markt- und Ueberlebensfragen hat es fuer "Kreative" immer gegeben. Und letztlich haben insbes. die starken Werke trotz vielleicht saumaessiger Selbstvermarktung doch ueberlebt. Und so halte man es doch mal wieder mit Goethe: „Bilde, Künstler! Twittere nicht!"

    • reineke
    • 09. September 2012 18:07 Uhr

    die kollektivierung der Phantasie fördert die Sehnsucht nach Lichtgestalten
    wenn die auch oft nur Eintagsfliegen sind ,so schnell wie sie da waren auch wieder verschwanden aus dem WWW
    der Nachwelt werden endlose Zahlenkolonnen und verpixelte Kunst bleiben
    schau ma mal in hundert Jahren

  1. entsprang die 'postmoderne' verabschiedungs- und erledigungsrhetorik noch dem bewusstsein der logischen und praktischen selbstdementierung von fortschritt und aufklärung, so dient sie heute offenbar hauptsächlich der gewissensberuhigung über die eigene unfähigkeit bzw. unlust zum einstieg ins moderne denken.
    man erspart sich kritische erkundungen der objektiven welt, freut sich an der gnade der spätmodernen geburt und fühlt sich ansonsten in seinen "erfahrungen, befürchtungen und vorlieben" vom rest der 'heutigen' irgendwie total verstanden. stöhn..

  2. - Der "Historismus" (der nebenbei bemerkt auch nur primär in der Architektur herrschte, während beispielsweise die Literatur im 19. Jahrhundert ganz andere Felder beackerte. Sie rühren hier alles in einen diffusen Brei, ich kann nur empfehlen, vor dem nächsten Artikel mehr Kunstgeschichte, dafür weniger postmarxistische Soziologie zu rezipieren.) bedeutet keine historisch gedachte Kunst, sondern einen recht beliebigen Eklektizismus, der sich je nach Vorliebe des Bauherren aus Gotik, Barock, Renaissance, etc. bediente. Die moderne Architektur dann versuchte diesem dekorativen Ansatz einen funktionalen gegenüberzustellen. Es ist in diesem Zusammenhang absurd, der "Moderne" (der modernen Architektur) "Historizismus" vorzuwerfen.

    - Ich bin mir nicht ganz sicher, wie sich "historische Berechtigung" definieren, aber im Prinzip kam die Avantgarde, die Moderne, wie wir sie heute verstehen, erst NACH dem 1. Weltkrieg (siehe: Dadaismus, Surrealismus, Bauhaus,...) richtig in Fahrt. Und hielt sich durchaus bis in die 60er Jahre hinein.

    - Die Idee, weshalb alle künstlerischen Erzeugnisse universell vergleichbar wären, weil sie zu digitalen Daten gemacht werden können, muß mir auch noch jemand erklären. Sind wir tatsächlich an dem Punkt, an dem wir sagen "Künstler X erhält unser Stipendium, weil er 4 GB Kunst produziert hat, statt nur 2 GB, wie seine Mitbewerber."? Halten wir Filmemacher für besser als Maler, weil ihre Erzeugnisse größere Datenmengen benötigen?

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