Lehrer : Lasst sie in Ruhe!

Die Schulen werden gerade heftig kritisiert. Warum eigentlich? Es gibt doch beachtliche Erfolgsgeschichten.

Gewöhnliche Menschen denken, dass in diesen Tagen nach ausgedehnten Ferien die Schule wieder anfängt. Andere Menschen, Professoren zumal, denken, dass die Schule fast schon am Ende ist. Eine Reihe von Wissenschaftlern, Reformpädagogen, Konzernchefs und Schauspielern wirbt mit einem bedeutungsschweren Aufruf unter dem Slogan »Schule im Aufbruch« für eine »neue Lernkultur« – und unterstellt dabei, die heutigen Schulen produzierten »Einzelkämpfer, angepasste Pflichterfüller und Auswendiglerner«.

Auch von allerhöchster Stelle, also im Fernseher, wird eindrücklich gewarnt. »An unseren Schulen«, so verkündet der Philosoph Richard David Precht in seiner neuen Talkshow, werden die Kinder »von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet«. Der umtriebige Hirnforscher Gerald Hüther, der Precht gegenübersitzt, kritisiert, dass die Schule aus einer vergangenen Zeit stamme, und wagt die kühne Prophezeiung, dass es in sechs Jahren »Schule, so wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird«. Es müsse gelingen, sie so zu transformieren, dass Kinder dort ihre Lust am Lernen und ihre Begeisterungsfähigkeit behielten; sonst werde es unser Land nicht mehr geben. Gott sei Dank, denkt man sich dann, dass die Schüler keine Aufrufe lesen und nachts nicht fernsehen, jedenfalls keine philosophischen Talkshows.

Sicher ist vieles an der Schule und am Schulsystem kritikwürdig, ähnlich wie in Universitäten und Fernsehanstalten. Nur, was soll bloß diese Fundamentalkritik?

Es wurde viel gelernt aus dem »Pisa-Schock« im Jahr 2001

Wenn jetzt nach den Sommerferien wieder neun Millionen Schüler und 800.000 Lehrer zum Lernen und Lehren zusammenkommen, dann trifft sich da kein Schulmuseum, sondern eine in weiten Teilen gut funktionierende Institution, die sehr viel aus dem »Pisa-Schock« im Jahr 2001 gelernt hat. In vielen Bereichen kann die deutsche Schule sogar eine Erfolgsgeschichte vorweisen:

• Rund die Hälfte der Schüler macht heute das Abitur (zum Vergleich: 1950 war es jeder zwanzigste, 1990 jeder dritte), das ist eine gewaltige Steigerung der Bildungschancen – und damit der Berufs- und Lebenschancen – für Millionen. Wer dahinter eine Bildungsinflation vermutet, der versuche sich an den Abituraufgaben seiner Kinder. Unsere besten Abiturienten haben auch kein Problem, etwa an amerikanischen Eliteuniversitäten mitzuhalten.

• Die deutschen Schulen sind seit dem Pisa-Schock gerechter geworden: Deutschland ist nicht mehr Weltmeister der sozialen Ungerechtigkeit in der Schule, sondern liegt nun immerhin im internationalen Mittelfeld.

• Die deutschen Schüler sind besser geworden. Landeten in der ersten Pisa-Studie unsere 15-Jährigen im internationalen Vergleich mit den Leistungen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften unter dem Durchschnitt, so liegen sie heute in der Mathematik und den Naturwissenschaften über dem Durchschnitt, beim Lesen im Mittelfeld. Besonders erfreulich ist: Der Anteil der leistungsschwachen Schüler hat abgenommen.

Auf diese Erfolge können Lehrer, Schüler, Eltern und Politiker stolz sein. Länder wie Schweden, Frankreich, Großbritannien und die USA, die nicht so rege waren, sind im Verhältnis zu Deutschland im Pisa-Vergleich abgefallen.

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Kommentare

109 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Aha...

Sie kennen sich scheinbar aus ... ich erlebe auch viele Schulen, die an sich arbeiten und immer besser werden. Ich denke, genau die sollten wir mit solchen Elfenbeinpädagogikvorschlägen die ganze Zeit bombardieren, um auch ja nicht diejenigen zu Wort und zur Arbeit kommen zu lassen, die die wirklichen Praxisexperten sind - die Lehrer.

Ja, das klingt nach einer durchdachten und nachhaltigen Bildungsstrategie.

Lasst die Lehrer erstmal die Reformen verdauen. Bildungsreformen brauchen, bis sie greifen und sich nicht nach einem oder zwei Jahren sinnvoll zu evaluieren bzw. zu verwerfen, um wieder die nächstbeste Sau durchs Dorf zu treiben.

Finde ich nicht...

Der Autor des Artikels hat recht. Ständige Kritik und Verunsicherung ist wirklich demotiviernd für alle, die am Bildungsystem arbeiten und es weiter verbessern wollen.

Natürlich ist das noch nicht das Ende der Fahnenstange. Der Artikel fordert ja auch nicht auf in Untätigkeit zu verfallen und dem Untergang entgegenzublicken. Im Gegenteil! Es ist alles im Wandel und verbessert und verändert sich stetig.

Man darf nicht immer alles so negativ sehen. Die meiste Schelte kommt immer von denen, die selbst nichts am Schulsystem verändern, sondern nur aufgrund ihrer eigenen negativen Erfahrung pöbeln.

In Deutschland wird immer auf hohem Niveau gemeckert! Und an alle die jetzt meinen, ich schreib an der Realität vorbei, die sollten sich an der eigenen Nase packen und sich fragen, wann sie zuletzt wirklich selbst in der Schule gesessen haben und das achso schlechte System am eigenen Leib erfahren haben.

Sicher kenne ich mich aus...

Hier mal ein Beispiel wie in diesem Staat Augenwischerei betrieben wird:

"Mittleren Schulabschluss in Berlin: Insgesamt sind die Ergebnisse es Mittleren Schulabschlusses (MSA) in den vergangenen Jahren kontinuierlich schlechter geworden. Das geht aus einer Kleinen Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervor. Demnach hatten in diesem Jahr lediglich 87 Prozent der zur Teilnahme verpflichteten Schüler die Prüfungen bestanden. Sieht man sich die einzelnen Schulformen an, zeigt sich, dass an Realschulen, Gesamtschulen und Hauptschulen der Anteil der Schüler, die den Abschluss geschafft haben, in den vergangenen drei Jahren besorgniserregend zurückgegangen ist. Bei den Hauptschulen von 45 Prozent auf gerade mal 37 Prozent im Jahr 2012. An den Realschulen haben zuletzt 78 Prozent die Prüfungen bestanden, vor drei Jahren waren es noch 82 Prozent. Und an den Gesamtschulen sank die Erfolgsquote von 83 Prozent auf 80 Prozent."

In Berlin hat man zudem in den letzten Jahren die Anfoderungen an das Abi immer weiter abgesenkt. Trotzdem sinkt der Abi-Notendurschnitt kontinuierlich. Was nützt mir ein Abi von 3,6?

Aber das ist ja nicht mal das entscheidende. Wir hätten doch längst auch eine höhere Arbeitslosigkeit wenn man die Jugend nicht in einer Art Verschiebebahnhof von der Erwerbsarbeit abhält.......

20 Prozent ohne Abschluss werden gleich auf das Abstellgleis gestellt. Tendenz steigend.....

In die Zustände in einem industrialisierten Land sind einfach nur erbärmlich

Berliner Luft

Sicherlich wird man zugeben müssen, dass Berlin besondere Probleme hat - auch bzgl. der politischen Führung. Dennoch liegen die von Ihnen genannten Zahlen im Trend. Die zahlreichen Privatschulinitiativen ziehen fast ausschließlich Gymnasiasten an. Jeder neunte ist inzwischen dem Staatsschulbetrieb entzogen, was natürlich einen Niveauverlust des "Rests" zur Folge hat.
Und den fragwürdigen Nutzen eines Abis von 3,6 können Sie nicht den Lehrern vorhalten sondern denjenigen, die Haupt-und Realschule in den Dreck geredet haben.

Könnte so sein, dafür aber Ihr Kommentar umso mehr mit ....

... dem Alltag der (typisch?) (deutschen?) Schlechtredner. Sie maulen mit einem kurzen, ziemlich inhaltslosem Kommentar nur rum und tragen nichts zu einer Änderung des von Ihnen beklagtem Zustandes bei.

Ein sehr typisches Verhalten ...

Mein Sohn geht nun in die vierte Klasse. Es ist nicht alles an der Schule gut, aber überwiegend sogar sehr gut.

Nächstes Jahr wird er - wenn nichts gravierendes passiert - mit Empfehlung der Lehrerinnen das Gymnasium besuchen. Wir wurden von diesem Gymnasium eingeladen und haben es uns gemeinsam einen ganzen Tag lang angesehen. Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse aus unserem Ort "betreuten" uns, wir konnten sehr viele Fragen stellen und uns fast alles ansehen.

Es war, ist und wird sein: Phantastisch.

Wahrscheinlich wird es nicht überall so sein, zugegeben. Aber das Fazit des Artikels ist in jedem Fall richtig: Lasst die Schulen endllich mal in Ruhe das tun, wofür sie eigentlich da sind: Kinder zu unterrichten.

Die Schulform ist unwichtig, auch wenn ...

... dass die wenigsten Menschen verstehen (wollen).

Das Problem ist nicht die Schulform, und es ist vollkommen unwichtig, ob ein Gymnasium eine "altgriechische Jungschule" ist oder etwas Anderes. Es kommt auf die Menschen darin an, nichts anderes zählt.

Das wurde - meine ich mal - auch schon in ZeitOnline berichtet.

Und da kann es tatsächlich Verbesserungen geben:

Motivierte LehrerInnen, die auch anständig bezahlt werden. Gut ausgestattete Schulen. Aufwertung der Hauptschulen und des Hauptschulabschlusses oder aber Abschaffung der Hauptschule. Eltern, die sich ihrer Verantwortung stellen. Medien, die nicht permanent an den Schulen herummäkeln.

Das sind nur einige Möglichkeiten zu einer Verbesserung an den Schulen - die sind mir ganz spontan eingefallen.

Zu hohe Bezahlung ist das Problem

Hallo Der kleine Prinz,
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das Problem ist eigentlich nicht die zu niedrige Bezahlung der Lehrer, sondern Lehrer werden zu hoch bezahlt. Das Nettogehalt eines verbeamteten Lehrers der Sekundarstufe II erreicht man in der Industrie erst dann, wenn man übertariflich bezahlt wird, etwa als Abteilungsleiter in einem DAX-Unternehmen. Ich kenne mich aus, weil meine Spitzbübin schon in beiden Stellen gearbeitet hat. Man muss sich vom Gejammer der Lehrer nicht irritieren lassen.
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Durch das hohe Gehalt werden ungeeignete Lehrer in den Beruf gezogen. Aber was noch schlimmer ist: Der Druck für notwendige Veränderungen ist nicht hoch genug, weil immer genug Lehrer bereitstehen, den Job auch unter den herrschenden Bedingungen zu machen (außer in Mathe, aber das wird ja einfach fachfremd unterrichtet).

DAS ist mein Argument

Hallo malereien,
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meine Spitzbübin hat vor 10 Jahren als Sekundarstufe-II-Lehrerin ca. 3100,- Euro netto verdient - nach Abzug der Krankenversicherungskosten. Heute ist sie Mathematikerin in einem DAX-Unternehmen und ist von diesem Nettogehalt noch weit entfernt, auch ihr Chef kriegt weniger.
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Die Frage, ob Lehrer "zu hoch bezahlt" sind, hängt von den Kriterien ab. Auch von der Art der Leistungsmessung. Fest steht nur eines: Ein Lehrer, der nicht gerade Mathematik oder Physik studiert hat, also in der Industrie gesuchte Kenntnisse besitzt, würde außerhalb des Schuldienstes ganz entschieden weniger verdienen. Der Schuldienst ist also attraktiv für ihn, auch wenn er nicht als Lehrer geeignet ist.
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Außerdem ist m.E. eine komplette Umgestaltung des Schuldienstes notwendig, aber der Druck, das durchzusetzen, fehlt, weil die meisten Lehrer an ihren gutbezahlten Posten kleben. DAS ist mein Argument, und nicht die Frage, ob Lehrer "verdienen", was sie verdienen.
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Ich hab lange genug Lehrerzimmergespräche geführt und gehört. Da hört man oft genug ein Gejammer über den Schulstress, und dass man als Lehrer sooo schlecht bezahlt werde. In der Wirtschaft würde man viel mehr kriegen, man mache das hier nur aus Idealismus usw.usf. ...
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Pustekuchen! Warum trifft wohl der Lehrermangel genau Mathe und Physik? Weil diese Lehrer die Einzigen sind, die abhauen können!

@78 Spitzbub: Schule und Gesellschaft

Sie schreiben: "Die Frage, ob Lehrer "zu hoch bezahlt" sind, hängt von den Kriterien ab."

Ich halte Lehrkräfte nicht für überbezahlt. Als Angestellte würde sich das Netto etwa angleichen.

Problematisch scheint mir die Auswirkung der Bezahlung auf die soziologische Zusammensetzung der Lehrerschaft.

Kurz und knapp: Ende der 1960er setzte die bessere Bezahlung für die Lehrerschaft ein.

Davor war "Lehrer" ein Aufsteigerberuf: Vereinfacht: Der jüngere Bauernsohn, der den Hof nicht bekam, wurde Volksschullehrer, der Lehrersohn Studienrat ...

Danach wurde der "Lehrer" ein Absteigerberuf.

Vereinfacht:
Der Sohn/die Tochter des Arztes/Rechtsanwalts wurde Studienrat/-rätin, der Sohn/die Tochter des Studienrats Haupt- oder Grundschullehrer/in.

Es gibt dazu, soweit ich weiß, keine Untersuchungen. Aber die andere soziale Zusammensetzung könnte viele der so genannte Disziplin-Schwierigkeiten in der Schule erklären:

Es sind hauptsächlich Verständigungsprobleme zwischen Menschen aus völlig verschiedenen sozialen Milieus. Der Bauernsohn als Lehrer verstand den 'Code' seiner Schüler und konnte ihn einordnen; das Arzttöchterlein fällt in Ohnmacht, wenn ein Knirps ein "Leck mich ..." abfeuert.

Der Lehrer, der seine Ferien in einem feinen Hotel verbringt, versteht nicht, warum ein HartzIV-Kind den Ausflug schwänzt ...

Dazu: B. Bernstein: sozio-kulturelle Determinanten des Lernens.(1959), in Weinert (Hrsg.): Päd. Psychologie 1972

(http://de.wikipedia.org/w...)

Fehlendes Engagement (1)

Hallo lonetal,
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Zitat: "Als Angestellte würde sich das Netto etwa angleichen."
Ich hab in K78 das Lehrerinnen-Gehalt meiner Spitzbübin mit ihrem Gehalt als Mathematikerin in einem DAX-Unternehmen verglichen. Das Netto gleicht sich (noch) nicht an. Mehr als beteuern kann ich das auch nicht. Es ergibt sich aus unseren Kontoauszügen.
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Zitat: "Ich halte Lehrkräfte nicht für überbezahlt."
Ich habe dazu auch keine Kriterien anzubieten. Das einzige, was ich dazu sage: Außerhalb der Schulen würden die meisten Lehrer ganz erheblich weniger kriegen, deshalb lassen sie alles mit sich machen, und es ändert sich nichts. Sie verstehen mich so, als würde ich den Lehrern ihr hohes Gehalt nicht gönnen, oder ich würde finden, sie leisten dafür zu wenig. Davon spreche ich gar nicht.
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Lehrer mag ein "Absteigerberuf " sein, aber es ist eben auch ein goldener Käfig.
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Zitat: "Der Lehrer, der seine Ferien in einem feinen Hotel verbringt, versteht nicht, warum ein HartzIV-Kind den Ausflug schwänzt ..."
Doch. Lehrer verstehen sowas. Das merkt man, wenn man sie reden hört. Sowas ist nicht das Hauptproblem der Schule.
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(wird fortgesetzt)

Fehlendes Engagement (2)

(Fortsetzung)
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Zitat: "die andere soziale Zusammensetzung könnte viele der so genannte Disziplin-Schwierigkeiten in der Schule erklären:"
Fehlende Disziplin ist DAS Hauptproblem von heute. Aber angenommen, in einer wissenschaftlichen Untersuchung würde geklärt werden, wie die Disziplinschwierigkeiten entstehen. Der Weg von der Erkenntnis zur Umsetzung ist Lichtjahre weit. Von den Lehrern ist da kein Engagement zu erwarten. Die nehmen ja nicht einmal ihre Kollegen in Schutz, wenn es von Schüler- und Elternseite Mobbing gibt. Und das ist eine Folge der guten Bezahlung. Jeder ist froh, dass es ihm selber nicht an den Kragen geht.

@83 Spitzbub: Gehalt und Sozialprestige

Sie schreiben: "Ich hab in K78 das Lehrerinnen-Gehalt meiner Spitzbübin mit ihrem Gehalt als Mathematikerin in einem DAX-Unternehmen verglichen. Das Netto gleicht sich (noch) nicht an."

Bezweifle ich nicht. Ich stimme auch zu, dass Lehrkräften ihr Gehalt im Vergleich zur freien Wirtschaft meist stark unterschätzen.

Sie schreiben: "Sie verstehen mich so, als würde ich den Lehrern ihr hohes Gehalt nicht gönnen, oder ich würde finden, sie leisten dafür zu wenig."

Durchaus nicht. Ich sehe eher die Faktoren Gehalt-Sozialprestige. Noch in den !960ern brauchten Volksshullehrer Nebeneinkünfte, um eine Familie zu ernähren. In einem seinerzeit weit verbreteten Spottlied hieß es:

/Zitat
Und wenn im Dorf mal Hochzeit ist, Hochzeit ist,
denn könnt ihr sehen wie er frisst, wie er frisst.
Was er nicht frisst, das packt er ein,
das arme Dorfschulmeisterlein,
was er nicht frisst, das packt er ein,
das arme Dorfschulmeisterlein.
Zitat

(http://www.heimatgeschich...)

Auf dem Dorf war es üblich, (beliebten) Lehrern nach dem Schlachtfest und anderen Festen etwas zukommen zu lassen.

Das sollte kein Maßstab mehr sein.

@84 Spitzbub: Disziplinprobleme

Fehlende Disziplin ist DAS Hauptproblem von heute. Aber angenommen, in einer wissenschaftlichen Untersuchung würde geklärt werden, wie die Disziplinschwierigkeiten entstehen. Der Weg von der Erkenntnis zur Umsetzung ist Lichtjahre weit. Von den Lehrern ist da kein Engagement zu erwarten."

Seit den Studien von

Lewin, Kurt u.a.:Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen experimentell geschaffenen Gruppenatmosphären und aggressiven Verhaltensmustern,

aus dem Jahr 1939 ff. sind die Zusammenhänge zwischen Unterrichtsstil/Klassen- und Schulklima bekannt und in weiteren Untersuchungen erhärtet worden (Tausch und Tausch: Erziehungspsychologie 1970, seitdem viele Auflagen).

Ich meine, es fehle weder am guten Willen noch am Engagement, sondern am fehlenden Training bei der Anwendung der Erkenntnisse. In der Ausbildung geht man davon aus, wenn die Forschung kennt, könne man sie auch anwenden: Schwimmen aber kann man nicht aus Büchern und auf dem Trockenen lernen, nur im Wasser.

Das halte ich für das Kernproblem. Denn selbst die gutwilligste Lehrkraft erlebt mit der Anwendung wiss. begründeter Kommunikationsmodellen in der Regel nur Misserfolg, weil ihr das Wichtigste fehlt: Gewusst wie. Das führt in der Folge zu einer unter Lehrkräften weit verbreiteten Verachtung von "Theorie".

Disziplin, Leistung (1)

Hallo lonetal,
.
Zitat: "Das führt in der Folge zu einer unter Lehrkräften weit verbreiteten Verachtung von "Theorie"."
Das kann ich bestätigen. Eine leitende Lehrerin in einer Gesamtschule sagte mir mal: "Was Sie bei der Lehrerausbildung gelernt haben, das vergessen Sie hier mal alles schnell. Ein Lehrer wird man, wenn man kleine Geschwister hat, eigene Blagen und einen großen Hund".
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Ich bin allerdings auch selber theoriemüde. Ich fragte bei meiner Lehrerausbildung den Seminarleiter, was ich denn tun könne, wenn ein Schüler partout nicht hören wolle und nicht aufhöre, die Klasse Abfällen zuzumüllen. Er sagte, wenn man Schüler richtig behandele, komme es gar nicht zu sowas.
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Meine damaligen Lehrerkollegen haben alle ihre Ausbildung durchlaufen. Viele haben lange Erfahrung. Ich habe als Quereinstiegs-Lehrer in einer Gesamtschule viel Gelegenheit gehabt, offiziell (hospitierend) und inoffiziell (in den Springstunden an den Türen lauschend) die Qualität des Disziplin-Managements meiner Kollegen zu beobachten. Fast überall gab es Lärm, verzweifelte Lehrer, leere Drohungen. Die Berichte meiner Kollegen über ihren angeblich so harmonischen und stillen Unterricht standen dazu in scharfem Kontrast.
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(wird fortges.)

@89: Frage an "Spitzbub"

User "lonetal" und ich haben uns hier ja über die Gesamtschule eine Diskussion geliefert, in der User "lonetal" mich zum Ideologen abstempeln möchte.

Deshalb wende ich mich an Sie als jemanden, der nach eigener Aussage hinreichend Gesamtschulerfahrung hat:

Wie sehen Sie das: Ist möglicherweise die Leistungs-Heterogenität innerhalb der Lerngruppen eine Ursache für die Disziplinprobleme in der Gesamtschule, von denen Sie berichten?

@89 spitzbub: Machtkampf oder Problemlösung?

Sie schreiben: "Ich fragte ... den Seminarleiter, was ich denn tun könne, wenn ein Schüler...nicht aufhöre, die Klasse Abfällen zuzumüllen. Er sagte, wenn man Schüler richtig behandele, komme es gar nicht zu sowas."

Ich versuche es ganz kurz:

- Sie denken so: L ----> S

oder
so: L <----- S,

also in der Kategorie "Machtkampf" bzw. "Sieg-Niederlage". Damit wird das Problem unlösbar, denn auch Eintrag/Schulverweis "lösen" es ja nicht.

- Es handelt sich aber um eine Beziehung dieser Art:

L <---> S

Die Kommunikationsforschung sagt:

"Handeln oder Nichthandeln ... haben alle Mitteilungscharakter.."
(Watzlawick u.a.: Menschliche Kommunikation 2007 S. 51).

Sie sind Teil des Prozesses und daher mitverantwortlich für dessen Verlauf. Hier hatte ihr Seminarleiter Recht. Dies zu erkennen, wäre der erste Schritt.

- Sie betrachten das Problem nicht als kommunikativen Prozess, dessen Botschaft sie nicht verstehen, sondern negativ als Störung. Damit aber leiten sie den Machtkampf ein, der Sieger und Verlierer zurück lässt. Üblicherweise weckt dies im Verlierer den Wunsch nach Rache - ein Spiel ohne Ende.

- Eine Lösung gelingt, wenn sie die Botschaft verstehen. Sie könnte so lauten:

# Ich hasse Sie, die Schule, den Unterricht ....
# Mir ist langweilig.
# Ich habe Angst ...
# Kümmere dich um mich ...
# ...
Erst wenn sie das Problem verstehen, können sie es lösen.

s. dazu:

Th. Gordon: Lehrer-Schüler-Konferenz: Heyne TB 24/1993 (oder andere Bücher von Gordon)

@95: Also ganz konkret:

Angenommen, Sie wären in der Rolle von "Spitzbub" gewesen. Wie hätten Sie denn -- ganz konkret -- als "Teil des Prozesses" durchaus "mitverantwortlich" gehandelt (oder auch nicht gehandelt)?

Natürlich kann (und soll) man mit den Leuten reden. Sogar lange. Aber was, wenn dabei zurückkommt: "Mathe ist einfach Sch.... . Schule ist einfach Sch.... . Können wir nicht was spielen, irgendwas, was nix mit Mathe zu tun hat".

Nein: Hier hat der Seminarleiter den User "Spitzbub" wirklich einfach im Regen stehen lassen. Wahrscheinlich, weil er auch kein Patentrezept gegen das Unwesen dieser Klasse parat hatte.

Bachblüten und Schamanen in der Lehrerausbildung

Hallo lonetal:
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Wenn man eine Lehrerausbildung macht, dann wird man im Seminar zugemüllt, genauso wie die Klasse in meinem Beispiel. Womit? Mit pseudo-wissenschaftlichen Tafelbildern, die angeblich Modelle von den sozialen Prozessen des Unterrichts darstellen sollen. Wer aus der Uni echte wissenschaftliche Theorien kennt, lacht anfangs darüber, aber bald machen die Dinger Kopfweh. Man lässt es über sich ergehen, weil der Seminarleiter der Boss ist. Es geht zu wie in einer Psycho-Sekte.
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Wer das durchschaut, könnte einwenden, dass ja auch in der Medizin manchmal unwissenschaftliche Methoden eine positive Wirkung haben. Aber wenn die Ausbildung was bringen würde, dann wären meine Schüler aus der 9. Klasse in Mathe nicht anderthalb Jahre zurück gewesen, als ich sie kriegte.
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Das hier entwickelt sich jetzt zu einer echten Diskussion. Das will ich aus böser Erfahrung eigentlich vermeiden. Den Grund sehen Sie, wenn Sie auf mein Profil klicken.

Das ist wie bei einem Banker

Hallo pan_narrans,
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ich sehe das wie Sie: Der Seminarleiter hatte keine Lösungen für konkrete Probleme des Unterrichts. Er hatte nur irgendwelche Tafelbilder, die er sich aus der pädagogischen Literatur zusammengestellt hatte.
.
Das ist wie bei einem Banker, der einen Aktien-Tipp gibt - und wenn der funktioniert, kriegt er eine Beförderung und einen goldenen Bonus. Wenn es daneben geht, ist es das Pech des Bankkunden.

@101 Spitzbub: Scheindiskussion

Sie schriben: "Das hier entwickelt sich jetzt zu einer echten Diskussion. Das will ich aus böser Erfahrung eigentlich vermeiden."

Sie meinen wohl "Scheindiskussion". Eine echte Diskussion als Meinungsaustausch und Austausch von Argumenten führe ich gerne, an Scheindiskussion von fest gezurrten Positionen aus bin ich nicht interessiert.

Also beenden wir das einfach. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und eine gute Zeit.

Stimmt, denn in der Realität leisten viele Lehrer und Schulen angesichts chronischer Unterfinanzierung des deutschen Bildungssystems und dadurch bedingter desolater Rahmenbedingungen weit mehr, als die OECD aus ihrem Zahlenwahn deutet. Finnland, um mal das Musterland heranzuziehen, unterscheidet sich von Deutschland nicht durch Methodenvielfalt und besseren Unterricht (das ist ein typischer Post-PISA-Mythos), sondern durch die fundamental bessere Ausstattung beinahe jeder Schule.

Nein...

... das fehlende Geld ist mit Sicherheit Teil des Problems. Würde meine Frau nicht an einer staatlichen Schule arbeiten, würde ich die finanzielle Situation der Schulen auch nicht kennen. Diese ist so schlecht, dass Lehrer z.B. Unterrichts- und Büromaterial aus eigener Tasche zahlen. Von der Art und weise, wie hier in Bayern mit "sonstigem pädagogischen Personal" (z.B. Vertretungslehrern, Sozialarbeitern etc...) umgegangen wird, braucht man erst gar nicht anfangen. Da bleiben Netto 1300 Euro übrig, und das bei 1.5 Monaten Arbeitslosigkeit jedes Jahr in den Sommerferien.

Auch wenn mit mehr Geld nicht automatisch alles Besser wird, so macht die derzeitige Situation an Schulen doch recht deutlich, dass die politische Wertschätzung von Bildung hierzulande realiter deutlich geringer ist, wie uns durch öffentlichkeitswirksame Äußerungen suggeriert werden soll.

@104 hurt: Lernen und Verantwortung

Sie schreiben: "... das fehlende Geld ist mit Sicherheit Teil des Problems."

Selbstverständlich kann man in einem wohlhabenden Land von der öffentlichen Hand eine ordentliche Bezahlung des Personals und eine ordentliche Ausstattung seiner Schulen fordern.

Aber Geld lernt nicht. Wenn wir das vergessen, handeln wir uns auf jede Menge Probleme ein, die irgendwann unlösbar werden. Denn irgendwann - wir sind nicht mehr weit davon entfernt - heißt es dann: "Ich lerne nur, wenn ..."

Zum Lernen aber braucht es in der Gegenwart eigentlich keine Schule mehr. Es gibt ein Überangebot an Lernangeboten und -möglichkeiten. Allein mit Hilfe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens könnte man sich mit wenigr Aufwand und wenig Kosten auf das Abitur vorbereiten.

Allerdings funktioniert das nicht, warum? Weil wir vergessen haben, dass die Verantwortung für das Lernen und den Lernerfolg ausschließlich beim Schüler liegt- nicht bei den Eltern, nicht bei den Lehrkräften, nicht bei der Schule, nicht bei der Gesellschaft, nicht bei der Politik...

Alle Schulrformen aller Zeiten haben dazu beigetragen, diese Verantwortlichkeiten zu verwischen.

Damit meine ich nicht, die 'Schuld' liege bei den Schülern, wenn das mit dem Lernen nicht klappt. Es geht auch nicht um 'Schuld', sondern um Ursachen. Die Hauptursache liegt in unserem kulturell bedingten falschen Menschenbild zu meinen, ohne "Erziehung" könne es einem Menschenkind nichts werden.

Wenn ich die Stoßrichtung des Artikels richtig verstanden habe

geht es um eine Entdramatisierung und Enthysterisierung der Bildungsdebatte hierzulande. Das wäre in der Tat hilfreich.

Auch den Verweis auf den Wert der dualen Berufsbildung kann ich nur unterstreichen und hinzufügen, daß dieser Weg auch ins akademische Viertel führen kann (Berufsakademien, Fachoberschulen, Immaturenkurs, Meister-Bafög u.a.m.).

Tatsächlich kann man auch als Elternteil schrittweise Verbesserungen des Schulsystems feststellen, wenn man z.B. wie wir mehrere Kinder hat, die die letzten 20 Jahre die Schulen besuchten.

Da kann man nur sagen, daß die Schülerschaft zwar unruhiger und unkonzentrierter geworden ist und sich leichter ablenken lässt
– die Unterrichtsstile sich aber gewandelt haben und inzwischen die Mehrheit der Lehrkräfte damit bestens umgehen kann, d.h. die kids orientieren und auf konzentriertes Lernen einstellen kann.

Geradezu revolutionär ist die Bildungsförderung von Mädchen, die die Jungs inzwischen qualitativ und quantitativ überholen – weshalb eine neue geschlechtergerechte Förderung, die auch die unterprivilegiert Aufwachsenden einbezieht, auf der Tagesordnung steht.

Richtig ist, daß die Zahl der BildungsverliererInnen durch die zunehmende ethnische und sozioökonomische Segregation in den Großstädten zunimmt, weil sog. bildungsferne Elternhäuse in in Problemviertel abgeschoben werden und dieses Milieus dem sozialen und schulischen Lernen alles andere als förderlich sind.

Wir brauchen mehr soziale Integration und Bildung von Anfang an.

Wahrscheinlich sollte es eher heißen

Lehrer sind besser als ihr Ruf. Die Mehrheit der Pädagogen macht sehr engagierte Arbeit und versucht, das im gegebenen Rahmen Mögliche für die Schüler herauszuholen. Nur leider müssen sie das eher gegen den oder wenigstens trotz des bürokratischen Rahmens der Instutution tun, die das eigentliche Problem darstellt. Erst das Gängelband abgehobener und träger Wasserkopfstrukturen macht die Schule zur Baustelle für Experimente, die am Kern (u.a. ihres eigenen Selbsterhalts) nicht rütteln und an der Lebensrealität vorbei agieren. Verschwände über Nacht die komplette Kultus- und Schulverwaltungsbürokratie, kein Schüler würde es überhaupt bemerken. Fehlen gute Lehrer oder fehlt ihnen der Gestaltungsrahmen, individuelle Potentiale zu entwickeln, bemerken das zuerst die betroffenen Schüler und in Folge auch die Gesellschaft. Auch wenn Huethers Optimismus im Hinblick auf Veränderungen voreilig erscheint, ist seine Grundkritik doch im wesentlichen zutreffend. Wenn das Produkt der Schule gebildete und in der modernen Lebenswelt handlungs- und arbeitsfähige Menschen sein sollen, dann muß von diesem Produkt und den dafür nötigen Arbeitsbedingungen her gedacht werden und nicht von den Designabteilungen einer Verwaltung.