Das sei typisch für Asperger-Autisten, sagt Auticon-Gründer Dirk Müller-Remus, der eng mit Psychologen und Autismus-Verbänden zusammenarbeitet: »Einerseits diese speziellen Fähigkeiten, andererseits große Schwierigkeiten mit den einfachen Dingen.« Aber dass sie deswegen nicht arbeiten können? Der Chef von Auticon schüttelt den Kopf. »Sie brauchen nur ein Arbeitsumfeld, das ihren Bedürfnissen gerecht wird.« Geräuscharme Büros, wo nicht ständig jemand vorbeikommt, regelmäßige Pausen, klare Arbeitsaufträge. Dafür sorgen die zwei Job-Coaches bei Auticon, die die Autisten zu den Kundenunternehmen begleiten. Sie erklären auch den Beschäftigten dort, was die neuen Softwaretester nicht so gern mögen: Körperkontakt, Unterbrechungen oder wenn Möbel nicht am gewohnten Platz stehen.

Auticon verlangt marktübliche Stundensätze für Tester ohne Berufserfahrung – zwischen 45 und 65 Euro. »Was wir machen, ist keine karitative Veranstaltung«, sagt Müller-Remus, »wir sind auch keine Behindertenwerkstatt.« In zwei Jahren soll Auticon profitabel sein. Bis dahin helfen die 500.000 Euro des Social Venture Fund. Der Wagniskapitalgeber aus München investiert in soziale Ideen, die sich selbst tragen können. Jedes Jahr will Müller-Remus ein Dutzend Arbeitsplätze schaffen. Büros in Düsseldorf, München, Frankfurt und Hamburg sollen folgen.

Autismus als Geschäftsmodell? In anderen Ländern funktioniert das bereits. Das dänische Unternehmen Specialisterne hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: eine Million Jobs für Autisten schaffen. Es hat schon Niederlassungen in der Schweiz, Österreich, Schottland, Island, den USA.

In Belgien gibt es die Firma Passwerk, vor vier Jahren gegründet, die heute 35 Autisten beschäftigt und knapp zwei Millionen Euro Umsatz und zehn Prozent Gewinn macht. Die Mitarbeiter von Passwerk pflegen das Handelsregister für das belgische Wirtschaftsministerium oder testen Anwenderprogramme für den Versicherungskonzern Axa.

Beim Telekomkonzern Verizon schützen die Tester die Website gegen Hackerangriffe. Paul Bussé leitet in der Niederlassung nahe Brüssel die Abteilung, in der drei Autisten von Passwerk beschäftigt sind. Der Manager erzählt, wie er manchmal schlicht vergisst, dass er Autisten in seinem Team hat. So normal ist die Zusammenarbeit für ihn geworden.

Es kümmere ihn nicht, sagt Bussé, wer die Software teste. »Was zählt, ist das Ergebnis. Und das ist bei autistischen Testern genauso gut wie bei anderen«, sagt er. Manchmal sogar besser, weil Asperger-Autisten auch in einer Aufgabe aufgehen können, die darin besteht, tausendmal die gleichen Programmzeilen einzugeben. Monotone Arbeit entspricht ihrer Vorliebe für Routine. Bussé erzählt, wie sich die Passwerk-Tester manchmal so in die Arbeit vertiefen, dass sie den Feierabend vergessen. Wie sie hundert Seiten lange Dokumente überfliegen und trotzdem noch winzige Fehler finden. »Sie sehen nicht den Wald, sie sehen die Bäume«, sagt Bussé.

In gewisser Weise sind Asperger-Autisten die perfekten Arbeitnehmer: gewissenhaft, fokussiert, loyal. Wenn Firmen diese Menschen für sich arbeiten lassen, nutzen sie deren Behinderung dann nicht aus? Paul Bussé überrascht die Frage. Der Manager erzählt, wie die Autisten durch die Arbeit aufblühten, wie sie sich plötzlich Dinge zutrauten, die sie früher nicht gewagt hätten: zu einem Musikfestival nach Spanien fahren, mit Mitte 30 bei den Eltern ausziehen. »Die Arbeit gibt ihnen Selbstvertrauen«, sagt Bussé. Und das Gefühl, dazuzugehören. Bei Verizon sitzen die Softwaretester nicht in Einzelzimmern, sondern in einer ruhigen Ecke im Großraumbüro. Sie nehmen an Teamkonferenzen teil, und wenn die Verizon-Leute Spieleabende veranstalten, sind die Tester eingeladen. »Es entstehen Freundschaften«, sagt Bussé.

Ob der Manager etwas von den Autisten gelernt habe? »Klarer zu kommunizieren«, sagt Bussé, »und manchmal auch zu schweigen.« Wie neulich, als Bussé mit einem Tester beim Mittagstisch saß und dieser ihm verkündete, dass er sich nicht mit ihm unterhalten werde. Ihm sei nicht nach Reden. Und so aßen sie wortlos und einträchtig.

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