Binz auf RügenSeebad, öffne dich

Binz auf Rügen ist für seine weißen Villen bekannt. Deren Besitzer zeigen Ende September erstmals ihre Häuser her. von Merten Worthmann

Der Barmann ist untröstlich. Er hat zu viel versprochen. Es wird nichts mit dem Gibson, serviert im Gedenken an die Gräfin Kreis. Die Perlzwiebeln fehlen. Bernd Beyer reicht stattdessen einen Martini, mit Olive anstelle der Zwiebelchen. "Die Zeit der Mangelwirtschaft ist zurück", sagt er zur Entschuldigung, nein, im Scherz. Als Cocktailmixer in der DDR musste er ständig improvisieren. Seit 1993 mixt er – ohne nennenswerte Nachschubsorgen – in der Villa Salve, einem kleinen Hotel an der Strandpromenade von Binz auf Rügen.

Besagte Gräfin Kreis hat die weiße Villa 1899 bauen lassen, als zweigeschossigen, klassizistischen Bau mit Rundbögen über den Fenstern, mit Statuen auf dem Kranzgesims und ruhenden Löwen rechts und links des breiten Aufgangs. Sie lebte selbst darin, beschied sich allerdings mit einem kleinen Teil der Wohnfläche. Den Rest stellte sie zahlenden Gästen zur Verfügung – wohlhabenden Bürgern vor allem, die im jungen Seebad Binz Urlaub machten. Ob die Gräfin diesen Gästen tatsächlich abends einen Gibson anbot, einen Mint Julep oder einen Tom Collins? Bernd Beyer weiß es nicht. Die drei Drinks waren in den Blütejahren des gräflichen Logierbetriebs jedenfalls à la mode. Deshalb kommen sie in Kürze noch einmal neu auf die Karte. Bis dahin sollte das Perlzwiebelproblem gelöst sein.

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Bäderarchitektur war kein Stil, eher eine vielstimmige Marktschreierei

Binz besitzt die schönste Kollektion von weißen Klötzen der sogenannten Bäderarchitektur, entstanden während der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs. Allein entlang der drei Kilometer Strandpromenade stehen rund 50 Stück, fein herausgeputzt mit Türmchen und Erkern, mit Säulen und Zierfriesen, mit aufwendig ornamentierten Balkonen und Veranden. Stilistisch geht es dabei gehörig drunter und drüber: hier Jugendstil, da Renaissance, hier Gotik, da Klassizismus. Bäderarchitektur war kein eigener Stil, eher eine vielstimmige architektonische Marktschreierei. Fast alle Villen am Meer wurden von vornherein als Logierhäuser geplant, als Pensionen mit Fremdenzimmern oder Ferienwohnungen. Die Besitzer machten also Werbung mit ihren Bauten. Je fetter die Fassade war, desto betuchter würde – hoffentlich – die Kundschaft sein.

Die alten steinernen Köder ziehen nach wie vor: Schon seit ein paar Jahren wird der September in Binz als "Monat der Bäderarchitektur" begangen, mit Vorträgen und Ausstellungen. Jetzt gibt es erstmals, am letzten Septemberwochenende, die "offenen Villen" obendrauf. 15 historische Häuser werden aufgesperrt, manche Besitzer zeigen das alte Treppenhaus oder vergilbte Grundrisspläne, bei anderen wird Theater gespielt oder Musik gemacht. In der Villa Salve kann man, aus gegebenem Anlass, eben: Gibson, Mint Julep und Tom Collins trinken. Das ist Bernd Beyers kleine Verbeugung vor jener großen, im Ort nach Kräften beschworenen Zeit, der Binz seine blendende Perlenkette von Ferienprachtbauten verdankt.

Inzwischen wird am Rande der Promenade Himbeermojito als Trendcocktail gepriesen, Sangria hat Rügen erreicht, und in der Strandbar neben der hölzernen Seebrücke, der Bar Brasileiro, gehen Caipirinhas besonders gut. Das promenierende Publikum ist nicht mehr halb so aufgetakelt wie früher, was gar nicht heißen soll, dass Binz keinen Großbürgerbesuch mehr hat. Aber der läuft genauso in halblangen Hosen und Sandalen herum, in grob gewürfelten Freizeithemden und Funktionskleidung wie das übrige Familien- und Rentnervolk und führt deshalb kaum mehr die eigene Klasse vor. Einzig die Villen stehen stramm, bewahren die alten Formen – rein äußerlich jedenfalls, trotz mancher modernen Applikation an Balkon oder Dach. Wer allerdings hineintritt und mit den Besitzern spricht, dem purzeln bald wieder die Zeiten durcheinander. Denn für die aktuellen Hausherren verblasst die erste Gründerzeit leicht vor der zweiten: vor jenen Nachwendejahren, in denen sie das Haus, geschwächt bis auf die Grundmauern, übertragen bekamen und es zunächst einmal mühsam aufzupäppeln hatten. Während sie stolz den Bau von Vorvorgestern zeigen, denken sie vor allem an den Weg vom Gestern ins Heute – an ihr Stück Weg.

Haus Klünder liegt am südöstlichen Arm der Strandpromenade. Hier ging es einst, in den 1880er Jahren, mit dem Bauen los. Wilhelm Klünder, zuvor Landwirt und Inhaber des Dorfkrugs, ließ das erste Hotel mit Meeresblick errichten. Seine Witwe Alwine gab einige Jahre später Haus Klünder in Auftrag, eine dreigeschossige Villa mit rundem Turmtrakt, Zierbalustraden und geräumigen Veranden für die Sommergäste. "Wilhelm Klünder brach mit einem alten Fischertabu", sagt Michael Gronegger, "vorher galt, dass man vom eigenen Zimmer aus das Meer nicht sehen durfte. Man hatte Angst vor dessen Gewalt." Gronegger, ein schmaler Mittsechziger mit kurzem grauem Bart, empfängt in gestreiftem Polohemd, kurzen Jeans und Schlappen. Seit 1995 gehört Haus Klünder ihm und seiner Frau Ingeborg. Nur drei Jahre zuvor war er das erste Mal auf Rügen gewesen, ein Banker aus Bayern, der sich einmal die Heimat seiner greisen Mutter anschauen wollte. Erst nach der Rückkehr aus dem Urlaub sagte ihm die Mutter, noch selbst überrascht: "Das Haus am Meer – wir sollen es zurückbekommen." Gronegger wusste von keinem Haus am Meer. Die Bank seiner Mutter hatte die Greisin, Cousine der längst verstorbenen Klünder-Tochter, auf die Möglichkeit einer unverhofften Rückübertragung hingewiesen. Die Mutter starb am Tag, als dem Antrag stattgegeben wurde. 

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