Das Lied vom Untergang ist ein Walzer. Munter kommt es dahergetänzelt, als sei es von seinem eigenen Tempo begeistert und habe darüber alles andere vergessen, den Refrain, die Steigerungen, die guten Manieren. Hereinspaziert, hereinspaziert, scheint dieses erstaunliche Stück Musik uns sagen zu wollen, um dann eine knappe Viertelstunde lang nichts anderes auf die Beine zu stellen als einen gemütlichen, einlullenden Dreivierteltakt. Wäre da nicht der Gesang, man könnte sich in einen Westernsaloon versetzt fühlen, oder in eine mexikanische Cantina, Minuten bevor das Licht ausgeht. Doch natürlich täuscht das.

In Wahrheit nämlich befinden wir uns an Bord der Titanic, kurz bevor sie den Eisberg rammt. Und ach, da kommen sie schon hereingestürzt, die Fluten, die Mann und Maus unter sich begraben. Erschüttert werden wir Zeuge, wie Passagiere mit letzten Gedanken an die Lieben daheim von Bord springen, Bischöfe vom Glauben abfallen und andere in der Not zum Buch der Bücher finden, während das Orchester noch immer zum Tanz aufspielt. Bis der Erzähler, ein offenbar weit gereister Mann, mit knochentrockener Stimme, nein, nicht zu einer Moral, aber zu einer Conclusio ansetzt: »Things had run their course«. Die größte Katastrophe der christlichen Seefahrt als Moritat und Menetekel. So etwas bringt nur Dylan .

Der Märchenonkel war gestern, jetzt spricht der Apokalyptiker

Tempest hat er sein jüngstes Album genannt, was ausnahmsweise einmal keine Rätsel aufgibt angesichts des Sturms an Bildern, den er bereits im Titelsong entfacht. Dahin die Altersmilde der Vorgänger, des hingeworfenen Modern Times und des für seine Verhältnisse fast schon jovialen Together Through Life . Klar, die Band – Dylans Tourband um die Gitarristen Stu Kimball und Charlie Sexton – versteht sich noch immer aufs Entertainment, alle Tricks und Finten des altehrwürdigen Metiers inbegriffen, schließlich ist man schon eine halbe Ewigkeit zusammen unterwegs. Doch der Firnis der Zivilisation bleibt dünn, und gerade wenn wir uns in Sicherheit wiegen, bricht es plötzlich hervor, das Wundersame und das Grausame, das seinen Weg über die Lieder in die Welt findet. Dylan , der Märchenonkel, war gestern. Jetzt spricht wieder der Apokalyptiker.

Es sind die Ab- und Irrwege eines aus dem Ruder gelaufenen Säkulums, die hier in zehn Tafeln unters Volk gebracht werden, manchmal aufs Wesentliche reduziert, manchmal wortreich ausgeschmückt, doch immer mit der Miene des geborenen Storytellers feilgeboten. Gerade noch war man auf 1.000 Tonnen Stahl im Eismeer unterwegs, da geht es auch schon hinauf nach Scarlet Town, einer Stadt der Geister, wo Liebe und Tod Geschwister sind, wir kehren bei Mächtigen ein und bei Bettlern und landen am Ende in den Abendstunden jenes Tages, an dem ein Mann namens John Lennon durch die Kugel seines Mörders niedergestreckt wird. Dass Dylan es dabei mit den historischen Fakten nicht so genau nimmt, Räume und Zeiten durcheinanderwirbelt, verdankt sich seiner heroischen Auffassung des Songs: Wahr ist ihm nur, was aus berufenem Mund Wort wird.

Der Weltgeist spricht in Liedern, Dylan aber ist sein Prophet. Wer ihm zuhört, stößt auch dieses Mal wieder auf allerhand versteckte Botschaften und Querverweise, die er von seinen Streifzügen durch mythisches Gelände mitgebracht hat. Scarlet Town ist eine Variation auf den Folksong Barbara Allen, den Dylan als junger Mann gesungen hat, der Duquesne Whistle ist der vorerst letzte Beitrag zu einer langen Genealogie der Güterzugsongs, und in Roll On John, seiner Hommage an Lennon , schafft er es sogar, eine Beatles-Zeile unterzubringen: »I read the news today, oh boy...« »Originell« im gängigen Sinn ist das nicht: Wie alle späten Dylan-Alben ist auch Tempest Ab- und Umschrift, nur noch roher, noch archaischer, noch wuchtiger. Eine Ballade wie Tin Angel über sieben Minuten auf einem einzigen Mollakkord zu halten, ohne dabei zu langweilen, das kann nur ein Meister. Es ist, als sähe man Picasso dabei zu, wie er ein Strichmännchen malt.

Vieles klingt, als habe man es anderswo schon gehört. Macht nichts

Mit so schnöden Kriterien wie Originalität allerdings lässt sich seiner Kunst ohnehin nicht beikommen. Die Erfindungen sind alle schon gemacht, die Grenzen überschritten, nicht zuletzt von ihm selbst, was bleibt, ist die Zwiesprache mit dem Erbe. Noch einmal bereist Dylan die Traditionen, die ihn hervorgebracht haben, und dass das meiste, was er von dort mitbringt, so klingt, als habe man es anderswo schon einmal gehört, stört kein bisschen. Bestechend an einem Mann wie ihm ist heute die Souveränität, mit der er im Haus der Lieder ein und aus geht, hier ein Türchen aufmacht, dort eine Fluchtlinie eröffnet, ein paar lose herumliegende Fäden weiterspinnt, um immer just in dem Moment, in dem wir die Sache durchschaut zu haben glauben, doch noch einmal einen Haken zu schlagen.

Er ist eben noch immer gern unterwegs, dieser wortgewaltigste Zeuge des alten Amerika . Die Presidential Medal of Freedom hat er sich neulich nur unter sichtlichem Widerwillen um den faltigen Hals legen lassen, Gerüchten, er denke ans Aufhören, ist er ungewohnt heftig entgegengetreten: Auch im 50. Jahr seiner Karriere zieht er die Bühne dem Ruhestand vor. Wenn Tempest diesen Freitag erscheint, wird er Big Flats und Bethel in der Nähe von Woodstock hinter sich gelassen haben, um am Abend in Holyoke aufzutreten, der letzten Station vor Uncasville. Dass diese traurigen Käffer einen Abend lang Dylan beherbergen, mag Zufall sein. Dass ihre Namen wie Poesie in den Ohren klingen, verdanken wir ihm.