Bodo KirchhoffDunkles Herz

Bodo Kirchhoff sucht in seinem jüngsten und umfangreichsten Roman so unerschrocken wie beredt nach der Wahrheit der Liebe. von 

Glaubt man den Soziologen, so gehört den Singles die Zukunft. Schon jetzt bilden sie in den Metropolen die Mehrheit. Die gute alte Familie hingegen erscheint vielen Zeitgenossen als überlebte Form, anderen als bedrohte Art, die es von Staats wegen zu schützen gelte. Doch immer noch gibt es Ehepaare, die über Jahrzehnte hinweg aneinander festhalten, sei es aus Liebe, sei es aus Bequemlichkeit, und ein solches Paar bildet den Mittelpunkt des neuen Romans von Bodo Kirchhoff. Die Frau heißt Vila, ist Anfang fünfzig und Moderatorin eines Fernsehmagazins. Der Mann heißt Renz, ist Mitte sechzig und erfolgreicher Autor seichter Vorabendserien. Katrin, die gemeinsame Tochter, geht längst eigene Wege, zum Kummer der Eltern.

Dieses ziemlich durchschnittliche Paar nun gerät in eine Krise. Es ist nicht die erste, aber es könnte die letzte sein. Und Bodo Kirchhoff wendet seine durchaus beträchtlichen Kräfte dafür auf, dem Leser klarzumachen, dass es hier um alles geht: um das Altwerden und das Abschiednehmen, letzten Endes um den Tod – davor aber um das Einzige, was wirklich zählt, die Liebe. In diesem Roman hat sie viele Schattierungen. Sie passiert zwischen Mann und Frau, auch zwischen Mann und Mann, sie ist fiebriges Begehren und simpler Sex, sie zeigt sich in freundlicher Zweisamkeit, bewährt sich an den Klippen des Alltags, wetzt sich daran ab, wird mürbe. Sie kann sich in Hass verkehren, und sie kann, wenn sie über sich hinauswächst, darin gipfeln, der Selbstsucht zu entkommen und Verzicht zu üben. Auf dieses Ziel läuft der verschlungene Parcours des hochambitionierten Romans hinaus, und er legt dabei, um es gleich zu sagen, ein paar Strecken zurück, die mühsam zu lesen sind und widrige Gefühle wecken.

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Die Frage, ob Vila und Renz zusammenbleiben wollen oder können, stellt sich ihnen gleich zu Beginn mit aller Schärfe, denn das Schicksal fügt es, dass sich beide, noch ohne es ganz zu wissen, frisch verliebt haben: Renz in eine Produzentin namens Marlis, die er für eine neue Serie zu gewinnen sucht; Vila in einen befreundeten früheren Studiogast namens Bühl, der eine Biografie über Franz von Assisi schreibt. Das Paar besitzt eine Villa am Gardasee, wo man regelmäßig den Sommer verbringt. Jetzt, da man die Zelte abbricht und der Herbst naht, treffen die beiden letzten Gäste ein: Marlis zu einem Arbeitsgespräch; Bühl, weil er den Winter über Quartier nehmen will, um sein Buch zu schreiben.

Beim gemeinsamen Essen und Trinken (es wird in diesem Buch fortwährend gut gegessen und gut getrunken) entsteht die Idee, einen Zweiteiler über das Leben des Franziskus in Angriff zu nehmen, wobei Renz das Drehbuch, Bühl die Expertise und Marlis die Produktion übernehmen könnte. Mitten hinein jedoch platzt Katrins Nachricht, dass sie schwanger sei, aber entschlossen, das Kind abzutreiben. Vila fliegt unverzüglich nach New York, um die Tochter daran zu hindern, muss erfahren, dass diese unterdessen mit ihrem Geliebten nach Havanna enteilt ist, fliegt hinterher und macht sich auf die Suche nach ihr. Bühl, anstatt das Haus zu hüten, fliegt ebenfalls nach Havanna und verbringt dort leidenschaftliche Stunden mit Vila. Mittlerweile ist Renz nach Assisi gefahren, um den Drehort in Augenschein zu nehmen, und verbringt dort leidenschaftliche Stunden mit Marlis.

Leserkommentare
    • hairy
    • 15. September 2012 12:45 Uhr

    Och bitte, das alte Klischee wieder. Es gibt noch mehr, was wirklich zählt.

    • Allora
    • 15. September 2012 14:06 Uhr

    von denen liest man ALLES, von anderen dagegen GAR NICHTS. Ulrich Greiner gehörte immer schon zu den ERSTEREN!

    • eeee
    • 15. September 2012 15:22 Uhr

    fährt sicher auch BMW-Cabrios.

    • QUIRL
    • 15. September 2012 22:02 Uhr

    Liebe ist ein meist am Anfang sehr wohlschmeckender Cocktail, der uns mit den intensivsten Wohlgefühlen versorgt. Mit jedem Schluck werden wir nüchterner. Manche so, daß sie begreifen, daß Liebe die SCHÖNSTE LÜGE DER WELT ist. Natürlich nicht für die Besoffenen ...

    Man sollte kein Buch schreiben darüber. Vielleicht einen Kommentar, den sowieso niemand liest ...

    • Riks
    • 16. September 2012 13:54 Uhr

    ... der vor allem stilistisch gelungen ist; der den Figuren durch seine SPRACHE Leben verleiht. Schade, dass diesem Umstand in der Literaturkritik eher eine geringe Bedeutung beigemessen wird.

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