NaturwissenschaftlerEng verzahnt

Hochschule oder Industrie? Für junge Nachwuchswissenschaftler ist das künftig keine Entweder-oder-Frage mehr. von Constantin Wissmann

Axel Brennicke ist mit Leib und Seele Molekularbotaniker an der Universität Ulm, doch empfehlen kann er eine Karriere wie seine nur bedingt. "Wer in die öffentliche Forschung geht, sollte sich wirklich ausschließlich für Wissenschaft interessieren. Man sollte sich nicht fragen, ob man mal seine Kinder ernähren kann, und die Sicherheit des Jobs sollte auch keine Rolle spielen", sagt der Autor des Buches Wollen Sie wirklich Wissenschaftler werden? ... dann los!. Brennicke kann es gut verstehen, wenn junge Naturwissenschaftler lieber den lukrativeren Weg in die Industrie einschlagen, wo gut ausgebildete Kräfte oft begehrt sind. Allerdings führte das lange in eine Sackgasse: Wer sich einmal für die Wirtschaft entschieden hatte, fand nur schwer in die Wissenschaft zurück. Universität und Unternehmen waren wie zwei Parallelwelten, die nebeneinander um sich selbst kreisten.

Doch mittlerweile scheinen sie sich immer weiter aufeinander zuzubewegen. Unternehmen interessieren sich stärker für die Grundlagenforschung, Forschungseinrichtungen möchten ihre Erkenntnisse an den Markt bringen. Wie diese Verschmelzung funktioniert, lässt sich in Aachen beobachten. Zwei Kolosse aus Wissenschaft und Industrie haben sich dort zusammengetan: die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH), deutsche Eliteuniversität, und E.on, Deutschlands größter Energieerzeuger.

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150 Leistungselektroniker, Netzspezialisten, Maschinenbauer, Geophysiker und Wirtschaftswissenschaftler suchen hier nach Antworten auf die großen Fragen der Zukunft. Können Häuser selbst Energie erzeugen? Kann man Kohle sauber verbrennen? Wie lässt sich Erdwärme nutzen? Klassische Fälle für die Grundlagenforschung – und damit für eine Universität wie die RWTH. Doch spätestens seit der Energiewende hängt an solchen Fragen auch die Zukunft eines Konzerns wie E.on. Deswegen finanziert das Unternehmen der Hochschule seit 2006 über eine Public-Private-Partnership ein spezialisiertes Forschungszentrum mit 40 Millionen Euro, verteilt über zehn Jahre. Die Hochschule verpflichtet sich im Gegenzug, weitere Drittmittel für Projekte einzuwerben. Das Ganze nennt sich E.on Energy Research Center.

Ganz neu ist die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Forschung nicht: Unternehmen haben schon früher begonnen, Hochschulen Geld (sogenannte Drittmittel) für bestimmte Forschungsvorhaben zu geben oder ganze Lehrstühle (sogenannte Stiftungsprofessuren) zu finanzieren. Neu ist hingegen die langfristige, enge Zusammenarbeit, ohne dass konkrete Projekte vereinbart werden. Das Aachener Modell, das Niedersächsische Forschungszentrum Fahrzeugtechnik der TU Braunschweig, das zum Teil auf dem Campus von Volkswagen angesiedelt ist, und die T-Labs in Berlin, eine Kooperation der Telekom mit der TU Berlin, sind prominente Beispiele dieser Zusammenarbeit. Die Ziele sind bei allen Kooperationen ähnliche: anwendungsnahe Grundlagenforschung – die der Forschung und den Unternehmen zugute kommt.

Unternehmen suchen Partner

Die Gleichung ist einfach: Die Hochschulen bekommen von den Unternehmen Geld für ihre Forschung – und die Unternehmen die Ergebnisse, die sie für die Entwicklung neuer Produkte benötigen. Andrea Frank leitet den Programmbereich Dialog und Forschung beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, in dem sich rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen zur Förderung der Wissenschaft zusammengetan haben. "Die Hochschulen sind auf Drittmittel angewiesen, auch auf private", sagt sie. Und auch Unternehmen seien in ihrer Grundlagenforschung zunehmend auf externe Partner angewiesen und suchten stärker die Kooperation. Der Bayer Konzern hat um Beispiel seine interne Grundlagenforschung im Pharmabereich weitgehend zurückgefahren und sucht zusammen mit öffentlichen Einrichtungen nach neuen Ideen.

Dabei beteuern die beteiligten Partner, dass es ihnen nicht bloß ums Geld gehe. Gerade für eine Großorganisation wie E.on sei es wichtig, auch einmal die ausgetretenen Pfade zu verlassen, findet Klaus-Dieter Maubach, Mitglied des E.on-Vorstands und im Beirat des Research Centers. "Wir müssen uns öffnen, unsere Positionen ständig hinterfragen. Aus uns selbst heraus geschieht das nicht in dem Maße, in dem das notwendig ist in einer sich ständig ändernden Welt. Und genau da muss Universität ansetzen", sagt er.

Aber auch die Universitäten würden von der Nähe zu den Firmen profitieren – davon ist jedenfalls Rik De Doncker überzeugt, der Direktor des E.on Energy Research Centers: "Spitzenergebnisse in Fachpublikationen zu veröffentlichen kann uns doch nicht genug sein. Wir wollen unsere Forschungsergebnisse auch in neue Produkte umgesetzt sehen."

Andrea Frank vom Stifterverband betont, dass die Hochschulen in öffentlich-privaten Kooperationen ihre Forschungsinteressen fest im Blick haben müssten. Denn wenn ein Unternehmen ins Haus komme, bestehe automatisch ein Grundkonflikt: Forscher möchten ihre Erkenntnisse veröffentlichen und damit in der wissenschaftlichen Gemeinschaft glänzen; Unternehmen möchten Geld verdienen, also die neuen Erkenntnisse zunächst für die eigene Produktentwicklung nutzen. Ratsam sei es, sagt Frank, diese Interessengegensätze zu Beginn der Kooperation offen anzusprechen und vertraglich so festzulegen, dass Fragen des geistigen Eigentums für beide Seiten zufriedenstellend geregelt sind. "Und wenn dies nicht gelingt, dann sollte eine Universität auch den Mut haben, auf die Kooperation zu verzichten."

Für junge Naturwissenschaftler ergibt sich daraus eine größere Nähe zur Industrie. Nach Ansicht von Dietrich Nelle vom Bundesministerium für Forschung und Entwicklung kann das ein Vorteil für die weitere Karriere sein. "Die Verzahnung nimmt immer mehr zu, und diese Flexibilität erleichtert die Karrierechancen", sagt er. In beide Richtungen bleibe der Weg zurück künftig immer öfter offen. Diesen Trend will die Politik nun noch verstärken. Im Mai hat die Regierung den Entwurf für ein "Wissenschaftsfreiheitsgesetz" verabschiedet, das vor allem in außeruniversitären Einrichtungen wie der Max-Planck- oder der Fraunhofer-Gesellschaft Regularien abbauen soll.

Molekularbotaniker Brennicke freut sich über die Entwicklung: "Nur ganz wenige meiner Studenten werden einen Platz in der universitären Forschung finden. Doch um in einem Unternehmen klarzukommen, müssen sie auch unternehmerischer denken. Je früher sie diese Welt kennenlernen, umso besser."

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Leserkommentare
  1. 1. Neu ?

    Was ist hier eigentlich neu, im Vergleich z.B. zur der Zusammenarbeit von Axel Brennickes grossem Vorläufer Paul Ehrlich mit Hoechst?

  2. "Forscher möchten ihre Erkenntnisse veröffentlichen und damit in der wissenschaftlichen Gemeinschaft glänzen"
    Das klingt ganz nach Veröffentlichung als Primärziel der Wissenschaft. Da brauch man sich nicht wundern, wenn Pseudowissenschaft betrieben wird, wenn die Veröffentlichungsquote stimmt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hoplon
    • 07. Oktober 2012 9:46 Uhr

    "Das klingt ganz nach Veröffentlichung als Primärziel der Wissenschaft. Da brauch man sich nicht wundern, wenn Pseudowissenschaft betrieben wird, wenn die Veröffentlichungsquote stimmt."

    Selbstverständlich geht es um Veröffentlichungen. Ohne Veröffentlichungen kann man keine neuen Gelder einwerben,
    das Labor wird zuksezessive kleiner, die Chancen zu publizieren sinken, es wird noch kleiner und irgendwann kann man auch den Doktoranden nicht mehr bezahlen, der auf einer halben Stelle sitzt. Also ist es für ein Institut existenziell zu publizieren. Es mag sein, das man in der Vergangenheit dann publiziert hatte, wenn etwas substanzielles im Raum stand. Heute wird publiziert um überhaupt im wissenschaftlichen Betrieb einigermaßen um die Runden zu kommen. So kommt es, das die meisten rausgebrachten Paper nicht einmal zitiert werden...

    Entweder es interessiert niemanden, oder die Qualität lässt zu wünschen übrig.

    • Chrh
    • 07. Oktober 2012 0:11 Uhr

    > Der Bayer Konzern hat um Beispiel seine interne
    > Grundlagenforschung im Pharmabereich weitgehend
    > zurückgefahren und sucht zusammen mit öffentlichen
    > Einrichtungen nach neuen Ideen.

    Sehr schoen, dann kann man endlich ein paar junge Menschen auf halben Stellen verbrauchen, spart eine Menge Kosten fuer die Produktentwicklung und streicht den Gewinn ein. Und der Wissenschaftler freut sich, denn er kann mit Fachpublikationen glaenzen.

    • ManRai
    • 07. Oktober 2012 2:06 Uhr

    Hier wird ganz deutlich wie die Industrie ohne Grundlagen Forschung versagt, gerade haben sich 10 der Groessten Pharambetriebe zusammengeschlossen um "neue" Wege zu gehen. Im Prinzip heist das ganz einfach "keine Ideen mehr". Deshalb suchen auch viele Betriebe Kontakte zu Universitaeten, Forschungsinstituten, kleinen Biotech Betrieben, hier kann man billig Ergebnisse abgreifen und wenn nichts Neues gefunden wird, hat weder Personal noch viel Geld verbraucht. Fuer ein generelles Umdenken fehlen scheinbar die Gehirne in diesen Betrieben, alte Vorstellungen werden weiter verfolgt. Die Zahlen von Neuzulassungen von Medikamenten sprechen eine deutliche Sprache des Versagens, oder sind wir mit der Biologie am Ende, gibt es vielleicht keine verfolgbaren Ansatzpunkte mehr?????

  3. So etwas ist natürlich gut und schön für die Unternehmen, aber die Grundlagenforschung wird kaputt gehen wenn solche Modelle in der Hochschullandschaft dominierend werden.

    Unternehmen sind daran interessiert das vorhandene Wissen umzusetzen, nicht neues zu schaffen. Aber was passiert wenn das vorhandene Wissen verarbeitet wurde? Diese "anwendungsorientierten" Kooperationen werden keine Grundlagenforschung betreiben können, ganz allein deshalb weil für die Genehmigung von Projekten das Einverständnis irgendwelcher Controller von der Konzernseite notwendig sein wird die eine Return on Investment innerhalb von 24 Monaten (manchmal sogar 18) erwarten.

    Hätte man um 1860 so einer Einrichtung Geld gegeben um die Nachrichtenübertragung zu verbessern, dann hätten die wohl eine neue Brieftaubenrasse züchten lassen. Einem verrückten Schotten namens Maxwell Geld geben? Keine Anwendungsrelevanz. Heute basiert die gesamte Elektrotechnik darauf.

    • Hoplon
    • 07. Oktober 2012 9:46 Uhr

    "Das klingt ganz nach Veröffentlichung als Primärziel der Wissenschaft. Da brauch man sich nicht wundern, wenn Pseudowissenschaft betrieben wird, wenn die Veröffentlichungsquote stimmt."

    Selbstverständlich geht es um Veröffentlichungen. Ohne Veröffentlichungen kann man keine neuen Gelder einwerben,
    das Labor wird zuksezessive kleiner, die Chancen zu publizieren sinken, es wird noch kleiner und irgendwann kann man auch den Doktoranden nicht mehr bezahlen, der auf einer halben Stelle sitzt. Also ist es für ein Institut existenziell zu publizieren. Es mag sein, das man in der Vergangenheit dann publiziert hatte, wenn etwas substanzielles im Raum stand. Heute wird publiziert um überhaupt im wissenschaftlichen Betrieb einigermaßen um die Runden zu kommen. So kommt es, das die meisten rausgebrachten Paper nicht einmal zitiert werden...

    Entweder es interessiert niemanden, oder die Qualität lässt zu wünschen übrig.

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