Sommerzeit ist Asphaltierzeit: Während viele Schweizer im Meer baden oder in den Bergen wandern, schwitzen Tausende Männer in orangefarbenen Arbeitshosen und mit nackten Oberkörpern auf den Straßen. Ganze Städte befinden sich im Ausnahmezustand, ganze Straßenzüge werden umgepflügt. Bewirtschaftet sein wollen auch die unzähligen Asphaltstreifen, die das Mittelland durchziehen und bis auf entlegene Alpen reichen.

Willkommen im Asphaltland Schweiz! Fast ein Drittel des besiedelten Gebiets besteht heute aus Fahrbahnen und Parkplätzen. Auf einen Quadratkilometer kommen 2.700 Meter Straße: Die Schweiz ist damit Asphalt-Europameisterin.

Und das hat seinen Preis. Bei Straßensanierungen fallen jährlich über zwei Millionen Tonnen an alten Belägen an. So türmt sich ein riesiger Müllberg auf, genauer: ein Berg aus Sondermüll, denn in unseren Straßen stecken Pneus und PVC, Flugaschen und Schlacken aus Kehrrichtverbrennungsanlagen. Und in ihnen schlummert Asbest. Der hochgefährliche Stoff wurde bis 1991 im Straßenbau verwendet.

Den größten Sondermüllposten stellt jedoch der Teer dar: Tausende Tonnen kleben auf der Schweizer Erde. Laut einem Bericht des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (heute Bafu) wurden in der Schweiz von 1926 bis 1991 rund 45 Millionen Tonnen teerhaltiger Beläge hergestellt. Noch heute fallen laut Schätzungen pro Jahr 400.000 Tonnen »Schollen« mit Teer an. Und davon sind rund 50.000 Tonnen derart vergiftet, dass sie nach einer Bundesrichtlinie »grundsätzlich« in einer Reaktordeponie entsorgt werden müssten.

All das bedroht zuerst einmal die Menschen, die damit arbeiten. Teer, der bei der Verkokung von Steinkohle anfällt, hat zum Beispiel einen sehr hohen Gehalt an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, kurz PAK. Sie sind krebserregend und schädigen das Erbgut. Gefährlich für die Gesundheit der Straßenarbeiter sind aber vor allem die giftigen Teerdämpfe. Weiter stellen PAK im Asphalt eine Gefahr für die Umwelt dar: Die Stoffe können durch das Straßenabwasser in den Boden und in Gewässer gelangen. Dort schädigen sie deren Bewohner. Auch Phenole, die im Teer ebenfalls massenhaft enthalten sind, lösen sich im Wasser – und werden so beispielsweise für Fische hochgiftig.

Zwar wurde das »Teeren« der Straßen Anfang der neunziger Jahre eingestellt, doch bis heute verwenden die Straßenbaufirmen oft teerhaltige Produkte. Im Unterschied zu Deutschland und den Niederlanden gibt es bis heute in der Schweiz für Straßenbauprodukte mit Teer keine Einschränkungen. Erst jetzt, nach Jahrzehnten des Laissez-faire, greift der Bund durch: Am 1. Dezember 2012 tritt ein Verbot für die Herstellung von Belägen mit teerhaltigen Bindemitteln sowie für den Verkauf von teerhaltigen Oberflächenbehandlungen und Fugen in Kraft. Allerdings kann das Bafu auf »begründetes Gesuch« Ausnahmen zulassen.

Auch im Straßenabbau sind die Schweizer Spielregeln eher locker. Das Recycling von teerhaltigem Asphalt ist national gar nicht gesetzlich geregelt. Es gibt lediglich eine Bauabfallrichtlinie des Bafu, und dort ist vieles eher vage formuliert. Zum Beispiel wird darauf vertraut, dass Bauunternehmen, Kantone und Gemeinden »Einwirkungen, die schädlich oder lästig werden könnten, frühzeitig begrenzen«. Für eine erste Einschätzung genüge es, die alten Beläge nach Geruch und Farbe auf Teer zu prüfen. Und für die Hersteller von Recyclingasphalt sind »im Normalbetrieb« lediglich »visuelle Kontrollen« vorgeschrieben. Angesichts des riesigen Flickenteppichs aus giftigen Belägen wirken diese Methoden simpel. Die Straße sei kein Hightechlabor, und die Straßenarbeiter seien keine Chemiker, sagt dazu Kaarina Schenk, Leiterin der Sektion Bodennutzung beim Bafu. Auf dem Bau brauche es pragmatische Regelungen.

Wie wenig streng die Teerabfallrichtlinie ist, zeigt sich aber auch in jenen paar Passagen, wo die Sache präziser wird. So wird ein Grenzwert für Recyclingmaterial von 5.000 Milligramm PAK pro Kilo im Bindemittel festgelegt. Oder anders: Asphalt mit bis zu 5000 Milligramm pro Kilo im Bindemittel gilt als teerfrei. Dieser Richtwert ist rund doppelt so hoch wie in der EU. Und über 50-mal so hoch wie in Österreich.