Die Hände zittern zu sehr, um die Schnürsenkel zu binden, diese albernen Schnürsenkel, sie flattern beim Laufen herum. Ich renne in die Dunkelheit des Treppenhauses, renne die Stufen hinab. Eine weitere Bombe schlägt in ein Gebäude der Nachbarschaft ein, der dritte Abwurf in fünf Minuten. Nicht über die Schuhbänder stolpern, denke ich, um an irgendetwas zu denken. Der Boden bebt von der Wucht der Explosion. Ich erreiche das Erdgeschoss, drücke mich an die Wand. Hier soll der Beton am massivsten sein.

Das Kindergeschrei, das bis eben von der Straße drang, ist verstummt. Eine Ratte trippelt durch das Treppenhaus. Stille. Fliegen setzen sich auf meine Haut. So viele gibt es jetzt von ihnen. Der Müll zieht sie an. Er bedeckt Plätze und Straßenränder. Die Stadt verfault von innen heraus. »Unsere Stadt Aleppo ist jetzt eine Stadt der Fliegen«, sagen hier viele. Aus dem schmalen Lichtschacht hallt das Triebwerksgeräusch eines Kampfflugzeuges. Hoch oben kreist es wie ein Raubvogel über einem Kaninchenbau. Die Menschen, die in dieser Straße wohnen, die ihnen Zuflucht ist und Falle zugleich, sind in ihre Häuser geflohen. Mohammed, der Taxifahrer von gegenüber, dessen Kinder auf dem Balkon eben noch miteinander gestritten hatten, sein Cousin Ahmed, der Schneider im Untergeschoss, und der Friseur vom Eck, sie starren auf die Betondecken über ihren Köpfen oder schließen die Augen. Sie alle lauschen demselben Geräusch. Dem gleichmäßigen Röhren der Maschine.

Der Tod in Aleppo kommt willkürlich wie ein Gottesurteil. Es gibt keinen Schutz vor ihm. Er trifft die Menschen meist wahllos, plötzlich, an den unterschiedlichsten Orten, fast ohne System. In den vergangenen Monaten ist der syrische Bürgerkrieg immer unerbittlicher geworden, mit beinahe allen Mitteln kämpft das Regime von Baschar al-Assad ums Überleben. Den Aufständischen der Freien Syrischen Armee (FSA) gelang es, die Regierungstruppen aus weiten Teilen des Landes zu verdrängen. Mit Panzerfäusten und Maschinengewehren haben sie den Norden Syriens erobert. Sie haben die meisten Grenzübergänge zur Türkei und zum Irak in Besitz genommen. Lange hofften sie darauf, dass sich auch die Einwohner der zweitgrößten Stadt Syriens erheben – vergeblich.

In keiner anderen Metropole des Landes ist die Tragödie des Krieges größer. Aleppo ist eine der letzten Hochburgen des Regimes. Wirtschaftsmotor des Landes, viel Industrie, viel Handwerk, zweieinhalb Millionen Einwohner, so bedeutend wie Mailand oder Madrid oder Marseille für ihre Länder. Als die Städter nicht zu Revolutionären wurden, beschlossen die FSA-Kommandeure, sie dazu zu machen. Im Handstreich nahmen sie im Juli einen Großteil der Stadt ein. Doch seit vier Wochen haben sich die Kämpfe in den Straßen festgefressen. Assad setzt jetzt eine seiner furchtbarsten Waffen ein, die er bisher zurückgehalten hatte: Kampfflugzeuge. In diesen Tagen erlebt Aleppo die schwersten Luftangriffe, die es auf eine Großstadt seit dem Vietnamkrieg gegeben hat.

Als der Himmel ruhig wird und sich der Kondensstreifen des Bombers im Wind verliert, füllt sich die Straße wieder mit Lärm. Kinder kommen aus den Hauseingängen, einzelne erst, dann viele. Eine Gruppe von ihnen läuft zu ihrer Schule am Ende der Gasse, um zu sehen, ob sie getroffen wurde. Frauen mit Kleinkindern an der Hand machen sich auf den Weg zum nahen Gemüsemarkt. Mohammed, der Taxifahrer, tritt ebenfalls wieder auf die Straße, lacht. Er sagt: »Der Pilot muss auftanken!« Er wohnt seit zehn Jahren im Viertel, er kennt jeden hier und hat uns eingeladen, in die Wohnung eines Freundes zu ziehen. »Wir haben aber keinen Strom«, sagt er wie entschuldigend. Er steigt auf eine Leiter an der Fassade und prüft mit einem Leuchtstift, welche Drähte intakt sind und welche tot.

Die Bomben des Kampfjets haben die Männer der Straße bei ihrem Versuch unterbrochen, die Stromleitungen zu reparieren. Maschinengewehrgarben der Helikopter kappten sie vor drei Tagen. Seitdem hat die Straße keinen Strom mehr. Die Menschen leben im Dunkeln, die Sommerhitze staut sich in ihren engen Wohnungen an. Sie schlafen in ihrem eigenen Schweiß. Die Hitze steigt auf bis zu 40 Grad. Die Menschen versuchen, die Stromkabel zu flicken, um sich nicht ganz ohnmächtig zu fühlen. Sie arbeiten, um nicht fortdauernd an die Toten zu denken, die sie von der Straße räumen.

Der Krieg, von dem sie hier bisher nur gehört hatten, der weit weg zu sein schien, in Homs, in Hama, in den Vororten, ist endgültig zu ihnen gekommen. Zu Beginn traf eine Granate den einzigen Baum in der Gasse, sie schlug ihn in zwei Hälften. Eine andere traf einen Gemüsestand an der Querstraße, tötete zwei Menschen. Ein Versehen, glaubten die Anwohner da noch. Doch dann griff ein Kampfjet die Warteschlange vor der Bäckerei an. Mitten in die Menge warf der Pilot seine Bombe. Hunderte Menschen stehen dort jeden Morgen für Brot an. Es ist die einzige Bäckerei, die ihnen im Viertel geblieben ist. »Ich habe heute stundenlang Mehl gesiebt«, erzählt Mohammed. »Wir brauchen es, und es ist noch voller Splitter.« Der Mehllaster hatte zufällig vor der Bäckerei geparkt und einen Großteil der Sprengwirkung abgefangen. Trotzdem starben fünf Menschen. Mohammed, ein Mann mit starken Schultern, breitet die Arme aus, um zu zeigen, wie er die Kinder trug.

»Das erste Kind«, sagt Mohammed, »wurde in die Beine getroffen.« Aus den knopfgroßen Wunden rann dunkles Blut. »Das zweite Kind«, sagt er. Die Gedärme quollen aus seinem Bauch. »Das dritte Kind«, sagt er. Es war an den Händen verletzt, dieses eine überlebte. »Ich konnte nicht auf die Beerdigungen. Ich hatte keine Kraft.« Er steht vor den heruntergelassenen Jalousien eines Ladens. Der Besitzer Ahmed, ein 55-jähriger Schneider, und sein 25-jähriger Sohn sind ebenfalls vor der Bäckerei ums Leben gekommen. Jahrelang hatten sie unter Mohammeds Wohnung ihr Geschäft betrieben.

Ende August werden zehn Bäckereien von der Luftwaffe Assads angegriffen. Bei der schlimmsten Attacke sterben 60 Menschen. Die Warteschlangen werden zu Todeszonen. Systematisch attackieren die Kampfjets auch die Bäckereien des Umlandes. Die Stadt Marea im Norden, die wir auf dem Weg nach Aleppo passierten, hatte Glück: Die erste Fliegerbombe explodierte nicht. Sie war 500 Kilogramm schwer und reichte einem Erwachsenen bis zur Brust. Die Wartenden konnten fliehen, bevor wenige Minuten später eine zweite Bombe fiel – die dann explodierte.

»Assad, oder Syrien wird verbrennen!«, schreiben die Regimetruppen in den Kampfgebieten auf die Häuserwände.