Computererziehung"Hellwach und wie betäubt"

Was soll man als Eltern seinen Kindern erlauben, wo zieht man Grenzen? Erfahrungsbericht eines leidgeprüften Vaters von 

Am Ende haben wir uns gegenseitig angeschrien. Dabei kennen wir uns seit Langem, vier Elternpaare, die seit Jahren gemeinsam in den Skiurlaub fahren. Auf dem Treffen wollten wir die letzten organisatorischen Fragen klären. Über Zimmerverteilung, Einkaufsliste und Kochplan war man sich schnell einig. Vorfreude und Wein hoben die Laune. Bis jemand die Kinder-und-Computer-Frage stellte und ich vorschlug: »Am besten, wir lassen alle elektronischen Geräte zu Hause.«

Es war, als hätte ich eine Stinkbombe auf den Tisch geworfen. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus der harmonischen Runde besonnener Bildungsbürger der Schauplatz eines grimmigen Kulturkampfes. Während mir vorgeworfen wurde, ein »weltfremder Dogmatiker« zu sein, der einer Bevormundungspädagogik des 19. Jahrhunderts frönt, sah sich die Gegenseite als erziehungsunfähige Konsumidioten diffamiert, die ihre Kinder nicht einmal eine Woche lang vor den »Gefahren der medialen Verdummung« schützten. Erst eine Rednerliste samt Schiedsrichter führte die Debatte in zivile Bahnen.

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Computer bedeuten Streit. Holt man sich auch nur ein spielfähiges Gerät ins Haus, bekommt man endlose Debatten gratis dazu. Denn selbst die einfachsten Nutzungsregeln sind auslegbar. Eine halbe Stunde sind 30 Minuten, sollte man meinen. So lange darf mein zehnjähriger Sohn dreimal die Woche an meinem Handy spielen. Die Fragen freilich, wann so eine halbe Stunde beginnt und wann sie endet, sind keineswegs eindeutig zu beantworten. Was passiert etwa mit den Minuten, die man zwischendurch auf der Toilette verbringt? Und lässt sich die Computerzeit nicht mit der Fernsehzeit verrechnen? Andere Familien haben eine Medienzeit eingeführt. Doch das beendet keinesfalls das diplomatische Tauziehen. Denn ob die Kindernachrichten von KiKa (»Das ist ja wie Schule«) oder die Sportschau (»Die willst ja eigentlich du sehen«) tatsächlich so richtig Fernsehen sind, gilt es auszuhandeln.

Solche Diskussionen sind nervig, weil sie niemals aufhören und die Stimmung verpesten. Und sie sind emotional anstrengend. Verbieten bringt Eltern nämlich gar nicht so viel Spaß, wie Kinder glauben. Also lieber lockerlassen? Zur Sorge ist ja eigentlich kein Anlass. Seine Freunde trifft mein Sohn schließlich noch immer in der Schule oder auf dem Fußballplatz und nicht bei Facebook. Statt in einer virtuellen Welt Monster mit der Maschinenpistole zu massakrieren, jagt er durch einen echten Park mit einer (übrigens nicht kleineren) Wasserpistole.

Anders als die Mehrheit der Berliner Fünftklässler besitzt er weder einen eigenen Computer noch eine Spielkonsole oder einen Fernseher. Wenn er zu Hause an den Familiencomputer darf, dann spielt er meist Fifa 12 und führt seinen Lieblingsverein Werder Bremen von einem Sieg zum nächsten. Sogar gegen Barcelona gewinnt er! Ganz still sitzt er vor dem Bildschirm, hoch konzentriert – und, ja, glücklich.

Woher dann dieses bohrende Unbehagen, wenn ich meinen Sohn vor dem Bildschirm sehe? Ist es väterliche Eifersucht? Wenn er die Wahl hat zwischen einem Familienausflug mit Fahrrad und zwei Stunden vor dem Computer, ist seine Entscheidung klar. Kein gemeinsames Monopoly kann jene Verzückung auf sein Gesicht zaubern, die er vor dem Bildschirm zeigt. Computer stehlen Familien, was kostbar ist: Zusammengehörigkeit und Zeit. Und ein wenig stehlen sie uns auch unsere Kinder, so wie wir sie kennen (wollen).

Leserkommentare
    • Slyphia
    • 02. November 2012 21:11 Uhr

    Wenn man den Fokus wirklich nur auf die gemeinsame Zeit legt, stimmt das auf alle Fälle, Medien sind Zeitfressmaschinen und nehmen die Stunden da weg, wo sie für Beziehungen gebraucht würde.

    Das lässt sich auch bei Paarbeziehungen feststellen, wenn ein Teil spielt, der andere nicht. Wie viele Vorwürfe und Streits habe ich schon in meinem Umfeld mitbekommen, weil er, anstatt die Zeit mit ihr zu verbringen, lieber in die viruelle Welt abgetaucht ist, um sich zu entspannen...(Manche spiele arten aber an sich schon fast in Arbeit aus, was ich nur am Rande erwähnen will)

    Wenn beide spielen, da spreche ich aus eigener ERfahrung kann man sich aus den Augen verlieren, passt man nicht auf, besonders wenn ein Kind dazukommt und man die Tageszeit mit dem Sprössling verbringt und die Abenstunden dann, jeder an einem anderen, PC versitzt, den kleinen Perlenschurartigen Glücksgefühlen der virtuellen Welt fröhnt, statt die Beziehung zu pflegen...

    Gemeinsames Spielen allerdings, kann da helfen und da sehe ich auch potenial für uns als Familie, wenns nicht ausartet, die Zunkunft heißt Multiplayer, da haben wir dann doch wieder etwas mehr Familienzeit, wenn auch in einem anderen und nicht dem realen Raum...

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