Wir glauben gern, dass wir die Macht erkennen können. An ihren Symbolen zum Beispiel oder daran, wie sie ausgeübt wird. Aber das ist ein Irrtum. Manchmal ist die Macht unsichtbar, manchmal entfaltet sie sich im Verborgenen, dort, wo wir sie nicht vermuten, hinter dem Rücken der Entscheider, jenseits der etablierten Prozeduren.

So wie im Moment, bei der Rettung des Euro. Die Macht, so viel ist sicher, hat sich verlagert, wohin genau, ist schwer zu sagen. Klar ist nur, wo sie nicht mehr ist. Nicht beim Bundestag, der vorwiegend nachvollzieht, was anderswo beschlossen wurde. Nicht bei der Bundesbank, die nur noch eine Zentralbank unter anderen ist. Und wohl nicht einmal mehr beim Bundesverfassungsgericht, das eigentlich als das mächtigste Gericht der Welt gilt.

Alle Institutionen arbeiten noch, alle spielen weiter ihre Rolle, aber zu glauben, sie hätten noch substanziell etwas zu entscheiden, das ist eine Illusion. Die große Illusion dieses Spätsommers. Der Eindruck, irgendwer könnte den Euro-Rettungsplan noch umsteuern oder gar stoppen, trügt. Viel zu viel steht mittlerweile auf dem Spiel, zu viel politisches Kapital wurde investiert, zu viele Milliarden wurden angehäuft, niemand kann mehr Nein sagen. Und niemand wird es tun.

Jens Weidmann nicht, der zuletzt sehr einsame Chef der Bundesbank. Die Griechenland-Troika nicht. Und auch nicht das Verfassungsgericht in Karlsruhe.

Poul Thomsen hat schon viele Krisen erlebt. Der Däne, der für den Internationalen Währungsfonds (IWF) arbeitet, war in Belgrad, als Jugoslawien zerfiel. Er war in Rumänien, als der Ostblock implodierte. Und er war in Moskau, als Russland in die Staatspleite schlitterte. Jetzt ist er für Griechenland zuständig, und nie hatte er einen komplizierteren Fall.

Zusammen mit Fachleuten der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank (EZB) kontrolliert er alle drei Monate, ob Griechenland die Reformauflagen einhält. Die Prüfer wühlen sich durch Statistiken zu Steuereinnahmen und Staatsausgaben, sprechen mit Regierungsbeamten und unabhängigen Ökonomen. Wenn sie mit ihrer Analyse fertig sind, schreiben sie einen Bericht – den Troika-Bericht. Darin steht, ob es sich lohnt, weiter zu helfen. Ende September, spätestens Anfang Oktober soll der Bericht vorliegen.

Keine Entscheidung über Griechenland, bevor die Troika ihr Urteil gefällt hat – diese Parole hat die Kanzlerin ausgegeben. Dabei steht das Ergebnis des Berichts fest, mehr oder weniger jedenfalls: Griechenland hat nicht alle Reformen umgesetzt und braucht mehr Geld. Aber die neue Regierung in Athen gibt sich Mühe und ist guten Willens. Anders gesagt: Die Griechenlandhilfe wird weiterlaufen.