Der junge Mann kommt ein bisschen zu spät aus der U-Bahn geschlendert, gedankenverloren, er hat den verabredeten Zeitpunkt verpasst, sein Kind und dessen Mutter haben erkennbar gewartet. Missgelaunt also erfolgt die Übergabe des Kindes samt Gepäck fürs Wochenende bei den Großeltern im Grünen, Trennung liegt in der Luft, und schon in diesen ersten Blicken und Gesten des Films wird klar, woran es hier am meisten fehlt: an einer Verlässlichkeit, die den Namen verdient. »Rufst du an, wenn ihr da seid?«, fragt die Frau den Wochenendvater angestrengt sachlich, der nickt, und man weiß sogleich, das hat sie hundert Mal vergeblich gefragt, dieser Marko wird es vergessen. Der kleine Junge Zowie steht einstweilen als Verschiebemasse in der Mitte zwischen den Eltern und trägt sicherheitshalber eine Tigermaske. Zu Recht.

Es ist die alte, die ubiquitäre Geschichte von scheiternden, kämpfenden Elternpaaren und Kindern, die verlässliche Eltern brauchen, und sie ist immer nur eine Variation: Viel später in diesem Film wird derselbe junge Mann Marko, der am U-Bahn-Ausgang seinen Sohn warten ließ, selbst wie ein verlassenes Kind im dunklen nächtlichen Wald nach der eigenen Mutter rufen, die eines helllichten Tags unauffindbar verschwunden ist, und als er nach einem Sturz verletzt auf dem Waldboden liegen bleibt, wird sie ihm in der Schmerz-Fantasie wie ein Traumbild erscheinen: Sie wird ein warmes Feuer anfachen, dem Sohn zu trinken geben, seine Wunde versorgen, seinen Kopf in ihren Schoß betten, eine Urszene des Symbiotischen, und der Dreißigjährige wird den Kindersatz sagen: »Du kannst doch nicht einfach so gehen, Mama.«

Nein, das darf sie nicht, das durfte sie nie, das darf sie auch mit fast sechzig Jahren absurderweise immer noch nicht, und ja, sie tut es dennoch, sie geht, endlich. Was bleibt?


Es gehört einiger Mut dazu, sich mit einem Film unabgelenkt auf den Stoff zu konzentrieren, der am leichtesten und am seichtesten in Trivialität ertrinken kann: die Bedingungen von Verlässlichkeit in Familien. Der Regisseur Hans-Christian Schmid, preisgekrönt für seine Filme Requiem 2006 und Sturm 2009, hat mit seinem diesjährigen Berlinale-Beitrag Was bleibt diese Trivialitätsgefahr nicht gefürchtet. Er hat das Thema am Exempel einer bürgerlichen Verleger-Familie durchgeführt, allesamt ansehnlich liberal-normale, ratlose Wohlstandsbürger, in eine Landschaft vom Typ westdeutscher Taunus gerahmt, und er hat die Geschichte dieser Dreigenerationenfamilie in minimalistischen Szenen abgefilmt.

Die Kamera ist mit strenger Disziplin auf die banalsten Küchensituationen wie auf die überquellenden Bücherschränke gerichtet. Die Kamera sieht hin, wie diese gebildete Familie zerbricht, ohne dass ihr irgendeines der Bücher in ihren Regalen helfen könnte. Die Bücher stehen einfach stumm rum, Dekoware, alle Bildung umsonst. Kein Blatt scheint zwischen Fiktion und Echtheit zu passen, wie eine Haut legt sich der Film um den Zuschauer. Der atemberaubende Lars Eidinger ist Marko, er ist der Sohn, der Vater, der Verlässlichkeit will und die Wahrheit des Scheiterns doch auch für zumutbar hält.

Der Regisseur Hans-Christian Schmid hat sich für die Schlichtheit und Ruhe des Unglücks entschieden. Er verzichtet auf schrille Tränen, kreischende Stimmen und alles Laute, auf alle abgedroschene Offensichtlichkeit. So ist ein ergreifender Film entstanden, der die Frage nach der Wahrheit einer Familie stellt und sie außerdem aushält.