Neulich war Herr Wichmann auf der Berlinale . Schöne Frauen, coole Männer, noch coolere Drinks, Glamour. Mit einem Wort: "Schrecklich." Nee, sagt Henryk Wichmann und schüttelt den schmalen Kopf, das habe ihm gar nicht gefallen. Die Menschen: alle so nervös und unter Druck. Das Business: flach wie ein Radweg in der Uckermark . Ein Regisseur: im Grunde ein armes Schwein. Einer, der mit wenig Geld großes Theater zaubern muss, ein Einzelkämpfer – "so ähnlich wie ick ooch". Nur dass es bei ihm halt viel spannender zugehe. "Das ist das Schöne an der Politik", sagt Henryk Wichmann: "Es geht um knallharte Inhalte und reale Probleme."

Die Brandenburger kennen Wichmann als Landtagsabgeordneten des Wahlkreises Uckermark/Oberhavel, die Republik kennt ihn als "Herrn Wichmann von der CDU" , seit der Regisseur Andreas Dresen (Halbe Treppe) vor neun Jahren den gleichnamigen Film drehte und den damals 25-Jährigen aus der ostdeutschen Pampa zum tragikomischen Polithelden erkor. Damals hatte Dresen in der Landesgeschäftsstelle der brandenburgischen CDU angerufen und nach einem Kandidaten für seinen Film gefragt. Casting-Kriterien: Möglichst weit weg von Potsdam sollte er herstammen, und möglichst aussichtslos sollte seine Kandidatur sein. "Da kannste nur Wichmann nehmen", lautete die Auskunft, eine zutreffende Prognose. Irgendwie hat es dann aber doch geklappt mit der Politik. Knapp zehn Jahre später sitzt Wichmann im Potsdamer Landtag in der dritten Reihe, und Andreas Dresen hat wieder angeklopft. Diese Woche startet die Fortsetzung in den Kinos: Herr Wichmann aus der dritten Reihe .

Damals, vor zehn Jahren, habe er ja gar nicht gewusst, wer dieser Dresen sei, erzählt Wichmann im Potsdamer Café Heider, wo er sich beim Tagesgericht stärkt, Gulasch mit Knödel. Als Dresen ihn zum Empfang für seinen Film Halbe Treppe einlud, dämmerte ihm, dass dieser Dresen "wohl schon relativ bekannt" war. Zwei Wochen später rief Dresen an und sagte, er habe nun einen Verleih gefunden. "Ja, und dann ging der ganze Wahnsinn los", sagt Wichmann. Mit dem Wahnsinn hat Wichmann so seine Erfahrung, man könnte sagen: Der Wahnsinn ist sein täglich Brot. Nicht umsonst heißt der Untertitel des Films: Der Schreiadler hat im ganzen Land schon viel verhindert. Es ist ein Zitat von Wichmann. Aber später mehr vom Schreiadler, einem vom Aussterben bedrohten Vogel, der regelmäßig zu Konflikten zwischen Tierschützern und kommunalpolitischem Ehrgeiz führt.

Der Film sei für ihn wie ein Spiegel, sagt Wichmann: Was machste da eigentlich, und wie machstes? Was die Zeit und die Arbeit in den neun Jahren mit ihm gemacht haben, findet er selbst "enorm". Viel weniger ideologisch sei er geworden, viel pragmatischer. Ruhiger ist er nicht geworden. "Treten Sie kürzer", sagt einmal eine alte Dame im Film zu ihm, "Sie sind ja so was von nervös."

Im wahren Leben sind die Wichmannschen Hände unablässig in Bewegung, auf der Leinwand durchquert der Abgeordnete rastlos seinen Wahlkreis. Bevor zehn Minuten des Films vergangen sind, hat Wichmann bestimmt fünfmal "sehr schön" oder "sieht gut aus" gesagt. Politik sei Organisation, hat Wehner einmal gesagt. Wer Wichmann zusieht, wie er durchs Land hastet, kommt zu dem Schluss: Politik ist Kommunikation. Und eine Art niemals endender Stresstest. Wichmann posiert im Film auf einem Panzer und mit einem Streifenhörnchen, er fährt Roller, er weiht Büros ein, manchmal hat man den Eindruck, das Ganze sei eine Art Prüfung, man weiß bloß nicht, für was eigentlich. Nicht immer wird ein Ergebnis erreicht, oft ist der Weg das Ziel. Wichmann besucht Polizeistationen, durchpflügt Kanäle, inspiziert Bahnstationen, stellt fest, "wo der Schuh drückt", kämpft gegen die Gleichgültigkeit der Leute und natürlich mit dem Schreiadler.

Der Schreiadler kann es gut vertragen, wenn Tierschützer sein Nest untersuchen, er hat auch nichts gegen die nahe gelegene Autobahn. Was er nicht verknusen kann, sind Fahrräder, jedenfalls vermuten das die Umweltschützer, weshalb ein Radweg nicht gebaut werden soll, der aber andererseits gut für die Umwelt wäre. Außerdem geht der Schreiadler zu Fuß zur Arbeit, sprich zur Jagd, und kann langes Gras deshalb nicht leiden. Aus Umweltschutzgründen würde man eine Wiese eher nicht mähen (Biotop), der Schreiadler hätte es aber gerne gemäht. Das sind so die Probleme, mit denen Wichmann sich rumschlägt. Verglichen mit der Euro-Krise , sind das kleine Probleme, aber es sind Probleme, die greifbar sind, die man verstehen kann. In Weimar , berichtet Wichmann, habe eine Zuschauerin nach der Vorführung des Films zu ihm gesagt, nun habe sie zum ersten Mal begriffen, was so ein Landesparlament mache. Die Frau sei übrigens aus dem Westen gewesen.