Flughafen BERDer Neustart als Farce
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 Wowereits Alptraum könnte Realität werden

Es gab und gibt reichlich Kritik an den Planungsarbeiten der pgbbi-Leute, es gab und gibt viele Fragen, warum die Zeitpläne nicht funktionierten und so vieles nicht reibungslos lief. Aber es gibt kaum einen Experten, der die Kündigung nicht für einen schweren Fehler hält – außer den Verantwortlichen des Flughafens, die die Planer als einen Sündenbock präsentierten. Doch dies forderte einen hohen Preis, denn es war der Rauswurf der Chefplaner, der die Baustelle in diesen geradezu unwirklichen Dornröschenschlaf versetzte. Und bis jetzt ist es der FBB nicht gelungen, die Flughafenbaustelle wiederzubeleben.

Währenddessen verstreicht jeden Tag wertvolle Zeit, und Zeit bedeutet auf einer Baustelle vor allem Geld. Experten schätzen, dass jeder Monat der Stille etwa 15 Millionen Euro kosten kann. Zudem gibt es unter den Unternehmen solche, die das Chaos ausnutzen. Insider geben zu, dass in einer solchen Situation Rechnungen nur schwer substanziell geprüft werden können. Ein Unternehmer will der FBB angeblich 250000 Euro in Rechnung stellen, weil seine Arbeiter zum Rauchen nach draußen gehen mussten. Andere nutzen das Erpressungspotenzial, das ihnen die Verspätung des Eröffnungstermins gibt: Sie können hoffen, dass es wieder eng wird mit dem Termin und sie von Beschleunigungszahlungen profitieren können. Austauschen kann sie jetzt niemand mehr. Eldorado in Brandenburg.

Die Anteilseigner des Flughafens werden kräftig zur Kasse gebeten werden, dabei geht es um Hunderte von Millionen Euro, die allein für Berlin anfallen könnten. Für eine Pleitestadt, wohlgemerkt, die zum Beispiel nicht in der Lage ist, den Bezirken mehr als 1,97 Euro pro Kind und Mittagessen in der Schule zu erstatten. Deren Finanzsenator eine Touristensteuer einführen will, um 40 Millionen im Jahr einzunehmen. Und deren Bezirksbürgermeister dringend benötigtes Personal abbauen und Rathäuser verkaufen müssen.

Solche Vergleiche könnten in den nächsten Monaten zum Albtraum für Klaus Wowereit werden. Da stehen Tausende von Euro, die für eine Kita ausreichen würden, schier unvorstellbaren Summen gegenüber, um die es jetzt geht. Insider schätzen, dass derzeit alleine die Firmen, die am Terminal mitgebaut haben, auf offenen Rechnungen in Höhe einer Viertelmilliarde Euro sitzen. In der Airport City, einem dem Terminal vorgelagerten Areal mit Parkhäusern, Hotel und Bürogebäuden, sollen sich die offenen Forderungen der Firmen auf etwa 60 Millionen Euro belaufen. Es wird immer schwieriger, noch zu durchschauen, welche Rechnungen unbezahlt, aber eingeplant sind – und welche Posten niemand kommen sah.

»Viele Unternehmen denken bereits darüber nach, Sicherheiten für ihre offenen Forderungen zu verlangen«, sagt der Bauanwalt Ralf Leinemann, der etliche Firmen am BER vertritt. »Wird eine solche Sicherheit rechtmäßig verlangt, aber vom Bauherren nicht gestellt, können die Firmen jegliche Restleistung verweigern, bis die Sicherheit geleistet oder etwa eine Bankbürgschaft vorgelegt wird. Bürgschaft aber bedeutet neuer Verhandlungsbedarf der Flughafengesellschaft mit ihren Banken.« Es ist klar, was das heißen würde: Noch mehr nicht eingeplante Kosten, möglicherweise noch schlechtere Finanzierungsbedingungen. »Ich habe das Gefühl, dass Zahlungen verschleppt werden«, sagt ein FBB-Beschäftigter. Wie liquide ist die FBB eigentlich noch? Offiziell lautet die Antwort: Die Spekulationen sind Blödsinn, die Finanzierung steht. Das bedeutet nichts anderes als: Der Steuerzahler wird schon zahlen – und das Chaos geht weiter.

Viele Unternehmen stöhnen, weil man immer noch nicht wisse, wer auf Bauherrenseite denn nun der richtige Ansprechpartner sei. Nicht wenige Verträge, die neu verhandelt werden müssten, weil sie am 3. Juni ausliefen, bleiben liegen. Verlässliche Ausführungs- und Terminpläne, an denen sich die Unternehmen orientieren könnten, fehlen oft. Eine Folge: Die Firmen stellen reihenweise sogenannte Behinderungsanzeigen. Das ist ein formaler Akt, der dem Bauherren signalisieren soll: Wir würden ja, können aber nicht. Weil ein Plan fehlt. Weil es keinen Termin gibt. Weil eine andere Firma uns behindert. Weil wir niemanden erreichen können. Von diesem Zeitpunkt an kassiert das Unternehmen allein für Anwesenheit und Bereitschaft. »Je länger diese Scheiße dauert, desto länger haben Leute wie ich einen Job«, sagt einer, der auf der Baustelle nicht zu den einfachen Handwerkern zählt.

Die Kündigung der Generalplaner von der pgbbi erfolgte fristlos und »aus wichtigem Grund«, wie es in dem Kündigungsschreiben vom 23. Mai heißt. Die pgbbi habe ihre Pflichten »in gravierender Weise verletzt«. Auf ganzer Linie sollen die Planer versagt haben, tobt die FBB: »Mangelhafte Terminsteuerung der Planung«, »gravierende Planungsmängel«, »schleppende Nachbesserung«, dazu unrealistische Terminvorgaben. Mit einer Feststellungsklage will der Flughafen nun erreichen, dass die Planungsgemeinschaft den Schaden ersetzt, der durch Planungsmängel entstanden sei; es geht um geschätzte 30 Millionen Euro.

Auch für die verschobene Juni-Eröffnung macht die FBB die Planer mitverantwortlich. Die pgbbi weist die Vorwürfe zurück, für Meinhard von Gerkan, die Architektenlegende, die in Berlin den Flughafen Tegel und den neuen Hauptbahnhof entworfen hat, geht es nicht zuletzt um den guten Ruf. Die Planer arbeiten daher an einer Klageerwiderung. Darin werden sie der FBB wiederum vorwerfen, unrechtmäßig Geld einbehalten zu haben. Klageerwiderung, Schadenersatzforderungen – der Flughafen ist ein Fall für die Juristen geworden. Und Insider wundern sich, warum eigentlich nur die pgbbi zum Sündenbock auserkoren wurde, aber die Projektsteuerer von der Firma WSP/CBP, also jene Truppe, die das Großprojekt steuern und überwachen sollte, weiterhin für den Flughafen arbeitet.

Den Bossen der Flughafengesellschaft dämmerte wohl auch rasch, wie sehr sie auf die pgbbi-Planer angewiesen sind. Also stellten sie kurzerhand reihenweise neue Mitarbeiter ein, die bisher für pgbbi gearbeitet hatten – jene Leute, denen man zuvor die Schuld gegeben hatte. Der ZEIT liegt eine Liste von 213 Personen vor, die Stand »Ende Juni 2012« im Bereich »Planung und Bauüberwachung« am Fluggastterminal arbeiteten. Von diesen waren mehr als 60 Prozent zuvor vertraglich an die pgbbi gebunden gewesen. »Wir bekamen nach der Kündigung der pgbbi die Ansage von oben, deren Leute einzustellen«, bestätigt ein Insider. »Das lief chaotisch, die wurden manchmal doppelt kontaktiert.«

Natürlich, so der Gewährsmann, ließen sich nicht wenige der Umworbenen diesen Notruf vergolden. Auf der Baustelle ist in einzelnen Fällen von doppelt oder sogar dreimal so hohen Tagessätzen die Rede. Zuschläge von 150 bis 300 Euro pro Arbeitstag seien jedenfalls keine Seltenheit, und das bei einem durchschnittlichen Tagessatz von etwa 500 Euro. Die ZEIT hat die Flughafengesellschaft mit einem umfangreichen Fragenkatalog zu all diesen Vorwürfen konfrontiert; doch der Sprecher ließ die Fragen ausdrücklich unbeantwortet.

Leserkommentare
  1. weil die Banker und Politiker immer alles richtig machen kann man ja nun über Architekten und Ingenieure herzihen.
    Dennoch stehen leeren Versprechen und Finanzblasen, selten reale Werte gegenüber, hier allerdings, egal was passiert kommt ein wunderbares Stück Infrastruktur und eine Pforte zur Welt für Berlin und Deutschland heraus - wenn es nach mir ginge gerne auch doppelt und dreifach so teuer.

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    gleich mit Klarnamen posten!

    Die hier angesammelte Inkompetenz sollte reichen, um ganze Kontinente ins Unglück zu stürzen. Sagenhaft, wieviel Geld dort verbrannt wird.

    Hoffentlich wird dieser Herr Amann dort zum Rundumschlag ansetzen, sonst fällt die Einweihung mit dem nächsten Millenium zusammen.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mk

  2. bundesdeutschen Steuerzahler doch bestimmt gerne den Berlinern noch eine halbe Milliarde für ihr seelenloses Stadtschloss hinterher...

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    die diesen ganzen Mist zu verantworten haben, das sind gewissenlose, kriminelle und korrupte Politiker, die die Verantwortung tragen.

    Ich würde mir sehr wünschen, das nicht immer von "den Berlinern", also den Bürgern dieser Stadt, die Rede wäre.

    • edgar
    • 07. September 2012 9:17 Uhr
    2 Leserempfehlungen
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    passiert gar nichts, schon bei der Vergabe war die Staatsanwaltschaft tätig und die Firmen die da wiedermal involviert waren, haben ja schon ein Liste die kleinere Firmen ein Leben lang in D von öffentlichen Vergaben ausgeschlossen würden.

    Auch stellt sich die Frage welche Qualifikation Herr Schwarz und Herr Körtgen haben oder hatten um dort tätig zu werden.

    Der FLughafen zeigt eines der Hauptprobleme D in dieser Zeit auf, Korruption bzw. Nepotismus, Gender und Vitmain B als Hauptvoraussetzungen bei Stellenbesetzungen kann auf die Dauer nicht gut gehen.

    Kann man eigentlich eine Strafanzeige gegen die Verantwortlichen wegen Veruntreuung des Vermögens deutscher Steuerzahler stellen oder müsste nicht die Staatsanwaltschaft selbstständig aktiv werden bei einem Anfangsverdacht?

    • CM
    • 07. September 2012 9:20 Uhr

    An ehemaligen Militärstandorten in der Bundesrepublik werden seit Jahren mit Erfolg sogenannte Konversionsprojekte durchgeführt - Kasernen werden zu Appartments, Panzerhallen werden abgerissen und das Gelände begrünt.

    Dieses Beispiel sollte in Berlin Schule machen.

    Mein Vorschlag: Wiederaufforstung. Das kommt bedeutend billiger als den Wahnsinn mit noch mehr Steuern weiterzuführen.

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    Mitteln von Lnad & Bund werden u.a. den Liegenschaften benachbarte Grundstücke, welche zuvor praktisch wertlos waren, auf Kosten des Steuerzahler plötzlich extrem wertgesteigert!

    Und raten Sie mal wem solche Grundstücke i.d.R. gehören?
    Tapferen Parteisoldaten oder parteiverbundenen Stiftungen u.ä. Körperschaften....

    MfG KM

  3. gleich mit Klarnamen posten!

    Die hier angesammelte Inkompetenz sollte reichen, um ganze Kontinente ins Unglück zu stürzen. Sagenhaft, wieviel Geld dort verbrannt wird.

    Hoffentlich wird dieser Herr Amann dort zum Rundumschlag ansetzen, sonst fällt die Einweihung mit dem nächsten Millenium zusammen.

    Antwort auf ""teurer und teurer""
    • zartosh
    • 07. September 2012 9:31 Uhr

    Haben diese Generalplaner schon mal so ein Projekt erfolgreich abgewickelt ? Wer hat die Referenzen geprüft ?
    Im Normalfall sollte es so laufen, dass irgendein Architekt mit seinem mehr oder weniger kühnen Entwurf den Wettbewerb gewinnt, die Regierung/der Senat kaufen den Entwurf und setzten dann richtige Ingenieure an die Genehmigungs- und Ausführungsplanung und wenn die steht, wird gebaut. Da allerdings heute blauäugige Architekten und unwissende BWLer meinen in die Planung eingreifen zu können klappt nichts mehr, die Politik setzt dann Termine nach Haushalts- und Wahlkampflage, es wird gebaut bevor alles durchgeplant ist und das Chaos ist perfekt. Schönes Beispiel ist die Elbphilharmonie Hamburg.
    Wir bauen nicht mehr in der Steinzeit, heute sind bis zu 80% Technik und vielleicht 20% klassischer Rohbau, da braucht es viele viele gut ausgebildete und schon in der Planung vernetzte Fachingenieure und keine Gestaltungsarchitekten.

    • Chali
    • 07. September 2012 9:32 Uhr

    für alles verantwortlich gemacht werden.

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    Nämlich die 68-er, die sind immer Schuld.

  4. Ob Stuttgart 21 das noch übertreffen kann?

    Eine Leserempfehlung
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    Das wird exakt das gleiche finanzielle Massengrab wie BER - wenn auch aus anderen Gründen. Beim BER, der ja überirdisch liegt, sind es ja offensichtlich vor allem Planungs- und Ablauffehler der Politiker bzw. des Managements. In Stuttgart hingegen ist noch längst nicht klar, was bei Probebohrungen und dgl. zutage tritt, man weiß bis heute rein nichts, was einen da erwartet. Und da Sicherheit ja über alles geht, wird da vermutlich auch 110%ig gearbeitet, mit dem Effekt, daß die Summen, die heute zu diesem Projekt zur Debatte stehen, spätestens bei Baubeginn Makulatur sind. Wenn dabei - wie beim BER - unterm Strich etwa das Doppelte steht, ist man bei S21 vermutlich noch gut bedient.

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