Flughafen BER : Der Neustart als Farce
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Tristesse auf der Baustelle

Wenn Journalisten oder Politiker in diesem Sommer die Baustelle besichtigten, wurden sie auf aufgehübschten Routen durchs Terminal geführt, um positive Stimmung zu erzeugen, berichtet ein Flughafen-Insider. So ein »Walt-Disney-Pfad«, wie die Touren intern hießen, habe schon mal Tausende Euro kosten können.

Die Wahrheit liegt freilich jenseits des Walt-Disney-Pfades – und sie hat eine Menge mit einem Monster zu tun. Es besteht aus 16000 Brandmeldern, mehr als 1000 Brandschutzklappen, vielen Lautsprechern und kilometerlangen Kanälen und Schächten. Dieses Monster ist die Entrauchungsanlage des Airports, in der Theorie ein Meisterwerk des deutschen Anlagenbaus, in der Praxis: nicht betriebsbereit, weitgehend unerprobt. Und das Problem Nummer eins.

Die Entrauchungsanlage muss sicherstellen, dass im Brandfall die richtigen Klappen und Türen an den richtigen Stellen geschlossen oder geöffnet sind. Es gibt 140 Notfallszenarien, die geprüft werden müssen. In jedem dieser Szenarien brennt es an einem bestimmten Punkt, und die Anlage muss vorschriftsgemäß darauf reagieren. Tut sie aber nicht: Stand vergangene Woche funktionierten nach ZEIT -Informationen von den 140 unverzichtbaren Szenarien ganze 14.

Aus einem Report der Sachverständigenprüfer German Inspect geht hervor, dass mehr als 30 dieser 140 Szenarien vor fünf Wochen noch nicht einmal als prüffähig galten. Die ganze Anlage, schätzt ein Experte, der sie sehr gut kennt, sei derzeit nur zu 15 Prozent einsatzfähig. Allein für die Prüfung aller Szenarien werde der Sachverständige etwa sechs Monate brauchen. Zuvor aber bedürfe es noch zwei bis drei Monaten Bauzeit an der Anlage.

Theoretisch sei es zwar möglich, beides zusammen in einem halben Jahr zu schaffen – durch Aufstockung der Teams, bei einer perfekten Zusammenarbeit. Aber danach sehe es in keiner Weise aus, meint der Kronzeuge. Denn die Stimmung sei schlecht, Entscheidungsträger kaum präsent, jeder plane vor sich hin, und alle warteten, dass irgendetwas passiert. »Vor Ort gibt es wenig Leistungsentwicklung«, bestätigt ein Bauleiter. Und die neue Koordinatoren-Truppe, von der FBB beauftragt, die Technik im Terminal und vor allem die Entrauchungsanlage endlich zum Laufen zu bringen, bewirke nichts Entscheidendes.

Die stattdessen permanent ausgestreckten Zeige- und vermutlich auch Mittelfinger sorgen indes für ein augenscheinlich wenig konstruktives Klima auf der Baustelle. Es ist bezeichnend, was man zu hören bekommt, wenn man durchs Terminal streift. Man hört Sätze wie »Das ist der unfähigste Ingenieur, der mir je begegnet ist« oder »So ein Schnacker!«.

Wer im Detail erfahren möchte, wo es denn hakt, den überfällt die Tristesse. Da sollen Firmen die Kabel anderer Firmen einstöpseln, können sie aber nicht mal finden. Dort sei vergessen worden, läppische Stromkabel zu verlegen. Oder Klappen seien verkehrt herum eingebaut worden. Bevor die Anlage getestet werden kann, müssen alle Gitter auf die richtige Saugleistung eingestellt werden. Mit einem Blech, das dort angeschraubt wird. Bisher sei dies erst bei etwa einem Drittel der Gitter geschehen, berichtet ein Insider. Druck im Kessel? Ein Neustart sieht anders aus.

Und dann sind da noch die Kabeltrassen. Noch so ein Wort, das die Farbe aus den Gesichtern der Flughafenverantwortlichen weichen lässt. An vielen Stellen im Flughafen sind sie massiv überbelegt. Es geht da nicht um ein paar haushaltsübliche Stromkabel, sondern um armdicke, teilweise fast kilometerlange Stränge, die man nicht einfach mal eben so aus der Trasse zieht und woanders versteckt. Es gibt Firmen am BER, deren Aufgabe es gewesen wäre, die Kabelführung im Blick zu haben. Hatten sie offenbar nicht. Unter dem Druck des ursprünglich angepeilten Eröffnungstermins wurden dann hilfsweise mitunter einfach neue, ungeplante Trassen eingezogen. Oder die Kabel wurden unsachgemäß befestigt. Oder es wurden Löcher in Wände gebohrt, in die nicht mehr gebohrt werden durfte, um Kabel durchzuziehen. All das zu reparieren kostet Zeit – und viel Geld.

Im Grunde sind an diesem Flughafen zwei Systeme außer Kontrolle geraten. Das eine ist die Großbaustelle. Probleme, die schon zur Verschiebung der Eröffnung geführt hatten, sind teilweise schlimmer statt besser geworden. Und neuen Schwierigkeiten folgen häufig andere Probleme. Ein fataler Kreislauf, der sich verselbstständigt hat.

Das zweite System ist politischer Natur. In einem Unternehmen gibt es normalerweise einen Vorstand, der von einem Aufsichtsrat kontrolliert wird. In einer Demokratie gibt es normalerweise eine Regierung, die von der Opposition kontrolliert wird. Im Fall des Flughafens greifen diese Regeln nicht. Aufsichtsrat und Geschäftsführung der Flughafengesellschaft sind gemeinsam verantwortlich für das bisherige Desaster, das ist der Aufklärung nicht dienlich. Im Land Berlin regiert die Große Koalition, in Brandenburg ein rot-rote Koalition, im Bund eine schwarz-gelbe. Wer soll da kontrollieren? Die Grünen? Die Piraten? Anders ausgedrückt: Wer soll bitte den finanziellen Wahnsinn am Berliner Flughafen beenden?

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Kommentare

84 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

"teurer und teurer"

weil die Banker und Politiker immer alles richtig machen kann man ja nun über Architekten und Ingenieure herzihen.
Dennoch stehen leeren Versprechen und Finanzblasen, selten reale Werte gegenüber, hier allerdings, egal was passiert kommt ein wunderbares Stück Infrastruktur und eine Pforte zur Welt für Berlin und Deutschland heraus - wenn es nach mir ginge gerne auch doppelt und dreifach so teuer.

Nennt sich Demokratie

Sind es nicht die Berliner Bürger, die diesen rot-roten Senat mit seiner verschwenderischen Geltungssucht zweimal gewählt haben?
Und sind es nicht die Berliner, die ihr Image als Multi-Kulti, Künstler, Hipster, Indie Oase so super toll finden?

Entweder wohnen Sie in der falschen Stadt oder alles was man über Berlin sieht und hört ist verzerrt. Für nichts auf der Welt würde ich freiwillig nach Berlin ziehen.

PS: Wir Süddeutschen schämen uns zumindest

Sie treffen den Punkt

Es sind die Selbstinszeniere, die es mittels Ellenbogen und Rhetorik bis nach oben schaffen, nicht die Patrioten und vielleicht auch Wissenschaftler, die unser Land eigentlich bräuchte.

Das traurige ist, dass keine der etablierten Parteien diese doch offensichtliche Klüngelei, Misswirtschaften und Korruption glaubhaft anprangert und Mechanismen vorschlägt, um dies zu beheben. Wenn man als Politiker selbst über diese Mechanismen ins Amt kam, ist das auch kein Wunder....

Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht mehr, welche Partei man überhaupt noch wählen kann, es wird wohl wieder Pest oder Cholera...

Konversion

An ehemaligen Militärstandorten in der Bundesrepublik werden seit Jahren mit Erfolg sogenannte Konversionsprojekte durchgeführt - Kasernen werden zu Appartments, Panzerhallen werden abgerissen und das Gelände begrünt.

Dieses Beispiel sollte in Berlin Schule machen.

Mein Vorschlag: Wiederaufforstung. Das kommt bedeutend billiger als den Wahnsinn mit noch mehr Steuern weiterzuführen.