DIE ZEIT : Warum interessiert sich der Geist heute so für Gefühle? Wir leben in Wissensgesellschaften. Ist das kein Widerspruch?

Ute Frevert: Die Gefühle sind heute der letzte dunkle Kontinent, den es zu entdecken gibt. Das gilt für die Sozialwissenschaften wie für die Ökonomie und die Hirnforschung. Fast alle haben dem rationalen Menschen jahrzehntelang den Vorrang gegeben, und nun stellt man wieder einmal fest, wie viel Einfluss die gefühlte Wirklichkeit auf das Handeln hat. Dabei ist man sich nicht mal einig, was ein Gefühl ist, und man weiß kaum, was angeboren ist, was erlernbar und durch welche Anreize.

Eva Illouz: Die Philosophie denkt seit den antiken Stoikern lebhaft darüber nach, was Gefühle sind. Wir haben nur vergessen, dass die Gefühle zur Philosophiegeschichte gehören. Neu ist die Art des Interesses: Wissensgesellschaften tragen ihren Namen, weil man die Menschen durch Wissen zu kontrollieren, zu steuern, zu motivieren versucht. Auch ihre Emotionen, über die man möglichst alles herausfinden will, etwa durch psychologisches Wissen. Es hat mit Macht dazu beigetragen, die Gefühle der Kontrolle zu unterwerfen. Heute erinnert uns die Kognitionspsychologie an das, was die Aufklärung schon wusste: dass der tradierte Gegensatz zwischen Rationalität und Gefühlen gar nicht existiert. António Damásio zeigt, dass wir Gefühle brauchen, um rational zu handeln.

Frevert: Auch das haben wir vergessen: Die vermeintlich so rationalen Philosophen der Aufklärung waren empfindsam und gefühlskundig, ihre Erkenntnisse brauchten die sinnliche Wahrnehmung und erfahrungsgestützte Beobachtungen, und natürlich hatten für sie vernünftige Wesen unbedingt eine Gefühlsbegabung, die nicht zuletzt auch gesellschaftsbildend wirken sollte. Warum dieser Zusammenhang zunehmend aus dem Blick geriet, ist eine interessante wissenschaftshistorische Frage.

Illouz: Entscheidend neu ist in meinen Augen heute die breite Kommerzialisierung des Fühlens. Es charakterisiert die Moderne, dass die Verfertigung der Gefühle untrennbar zur Konsumkultur und zum Kapitalismus gehört. Seit dem frühen 20. Jahrhundert wird das psychologische Wissen über Gefühle in der Werbung gebraucht, um den Verbraucher, den Konsumenten besser ansprechen zu können. Der Markt lässt uns immerfort Dinge kaufen, die unlöslich in Gefühle verstrickt sind. Jedes Deo, jede Musik-CD, jede Hotelbuchung für den Wochenendtrip setzt auf unseren Wunsch nach emotionalem Make-up. Der Konsument gilt vor allem als ein fühlendes Subjekt. Der Konsum beruht auf Gefühlen, ja er erfindet sie sogar.

ZEIT: Bedeuten Gefühle für Sie beide als Wissenschaftlerinnen überhaupt dasselbe?

Illouz: In meinen Augen sind Gefühle stark kondensierte Kultur. Wenn ich an der Bushaltestelle Schlange stehe, und ein Reicherer drängt sich vor, nur weil er reicher ist, werde ich wütend. Auch das Schlangestehen an der Haltestelle ist demokratisch geprägt, alle sind gleich. Aber wie steht es um eine Bank? Dort finden Wohlhabende immer einen kürzeren Weg zu Schaltern für bevorzugte Kunden, und das wird ohne Wut akzeptiert. In jedem noch so banalen Gefühl kommt auch eine Gesellschaft zum Ausdruck und zugleich die Geschichte, die solche Zusammenhänge bestimmt.

Frevert: Für mich sind Gefühle historisch geprägt und prägen ihrerseits die Geschichte, sie gehen weit über das Individuelle hinaus und über die Frage: Wie geht es mir heute? Wie kann man etwa verstehen, dass Menschen, denen man in der Aufklärung die natürliche Gabe des Mitgefühls zusprach, dennoch freiwillig und häufig mit großer Begeisterung öffentlichen Hinrichtungen beiwohnten? Was uns zurzeit noch fehlt, ist genug historisches Gefühlswissen, nicht zuletzt, um unsere heutigen Empfindungen einbetten und relativieren zu können. Wie sonst ließe sich etwa erklären, dass Frauen sich heute in neurowissenschaftlichen Experimenten empathiefähiger zeigen als Männer?