Günter NetzerZur Größe geboren

Vor dem Länderspiel am Dienstag: Günter Netzer über das Sieger-Gen der deutschen Kicker und österreichische Defizite auf dem Rasen von 

DIE ZEIT: Spiele gegen die Niederlande oder England sind große Klassiker des deutschen Fußballs. Welchen Stellenwert hat ein Duell mit Österreich?

Günter Netzer: Ich glaube, da liegt die Besonderheit eher auf österreichischer Seite. Das ist allzu natürlich. Man muss das einfach so sehen: David gegen Goliath. Den Österreichern ist da in Córdoba natürlich eine ganz große Nummer gelungen, von der sie lange gezehrt haben – was sie vielleicht ein wenig eingesäuselt hat, dieser Erfolg.

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ZEIT: Es gab ja sonst nicht viel zu feiern.

Netzer: Es ist nicht viel hinterhergekommen, wollte ich damit sagen. Für Österreich war das ein großartiger Erfolg. Infolgedessen hält der natürlich länger an, als wenn eine große Nation einmal gegen einen Rivalen in unmittelbarer Nähe gewinnt. Das sind zwar besondere Spiele, aber gegen Österreich ist die Konkurrenz nicht derartig groß gewesen, dass man die Siege so gefeiert hat.

Günter Netzer

68, debütierte 1965 beim 4:1 gegen Österreich in Stuttgart. Er war Spieler in Mönchengladbach und Madrid, HSV-Manager, dann Kommentator und Sportrechtehändler.

ZEIT: Auf dem Rückflug von der WM 1978 in Córdoba haben die Deutschen sogar gemeinsam im Flugzeug mit den Österreichern angestoßen und herumgeblödelt.

Netzer: In meiner Generation waren alles anständige Kerle, da hat es über das hinaus, was sie auf dem Platz an gesunder Rivalität bewegt hat, nichts gegeben. Die haben miteinander reden können, und wenn es die Gelegenheit gab, haben sie auch mal gemeinsam gefeiert. Die Deutschen werden im Flugzeug weniger Lust dazu gehabt haben. Sie können es sich einfach nicht erlauben, gegen Österreich zu verlieren. Es ist einfach so, dass der anerkannt Größere eine Verpflichtung hat, seinen eigenen Fans und der Nation gegenüber, diese Spiele zu gewinnen.

ZEIT: Ist ein österreichischer Sieg in der WM-Qualifikation am Dienstag möglich?

Netzer: Selbstverständlich. Wenn die Deutschen das nicht ernst genug nehmen oder sich allzu dumm anstellen. Die Österreicher haben mit Marcel Koller einen sehr guten Trainer, ich kenne ihn aus der Schweiz. Er versteht den Fußball und hat sich auch in früheren Zeiten sehr an internationalen Notwendigkeiten orientiert. Vielleicht entsteht da jetzt etwas.

ZEIT: Als Koller nominiert wurde, sind gleich die Córdoba-Helden über ihn hergefallen. Leute wie ihn gebe es in Österreich genug, meinten sie. Herbert Prohaska sagte im ORF, selbst Andreas Ogris könne Teams wie Real Madrid oder Barcelona trainieren. Ein österreichischer Beißreflex?

Netzer: Das weiß ich nicht. Den Prohaska schätze ich eigentlich sehr für seine Analysen, der weiß eigentlich, wovon er spricht. Jedenfalls kennen sie den Marcel Koller da nicht gut genug. Ich wüsste keinen Trainer für Barcelona oder Real Madrid im Augenblick. Das ist eine Kategorie, bei der ich sehr vorsichtig sein würde. Koller ist der richtige Mann für euch, der auch Spieler zur Verfügung hat, die aus einer guter Fußballergeneration stammen.

ZEIT: Derzeit spielen 18 Österreicher in der deutschen Bundesliga.

Netzer: Das muss jetzt zusammengehalten werden und wachsen. Das Entscheidende ist, dass jeder mitzieht und nicht allzu schnell zufrieden ist. In Österreich ist das immer ein ganz großes Problem, dass man zwischenzeitlich schon feiert, wenn noch nichts erreicht ist.

ZEIT: Täte ein Schuss mehr von der Mentalität des großen Ernst Happel gut? Er wollte ja immer alles gewinnen.

Netzer: Ja, der war einzigartig. Das größte Genie als Trainer, das ich je erlebt habe. Er hat alles gehabt: die notwendige Lockerheit, eine Härte, Akzeptanz bei den Spielern. Und er hatte in seiner Zeit beim HSV eine gute Mannschaft. Das hat dazu geführt, dass er so erfolgreich war. Aber das gibt’s so schnell nicht wieder.

ZEIT: Haben Sie ihn in seiner Art als unösterreichisch empfunden?

Netzer: Das würde ich nicht zu hundert Prozent bestätigen. Er war sehr oft sehr österreichisch. Ich bin mit ihm beim Heurigen in Wien gesessen, da kann sich ein Wiener nicht anders benehmen als Ernst Happel.

ZEIT: Happels Trainer bei Rapid, Max Merkel, sagte einmal, die Österreicher würden erst mit 24 Jahren ihre Nationalität erkennen. Mit 18 hielten sie sich für Pelé und mit 20 für Beckenbauer. Gibt es diese Mentalitäten auf dem Platz noch?

Netzer: Das kommt der Wahrheit sehr nahe, obwohl Merkel nicht nur Kluges gesagt hat. Viele Nationen erkennt man aufgrund ihres Verhaltens auf dem Spielfeld. Die Ausdrucksweise und Körpersprache vieler Spieler deuten stark darauf hin, aus welcher Mentalität sie hervorgegangen sind. Das kann man auch über die Österreicher sagen. Aber ich glaube, dass sich da einiges geändert hat und für die neue Generation von Spielern diese Aussage nicht mehr so gilt.

Leserkommentare
  1. Die Resignation äußert sich selbst im österreichischen Postwesen.

    Dort "gibt man einen Brief auf".

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    Nicht weil sie ein Sieger-Gen haben.

    Sondern: weil sie wohl besser trainiert sind und haben.

    Von Resignation allgemein zu schreiben, bloß weil wir Briefe "aufgeben", erscheint mit, verzeihen Sie, ein wenig arg lächerlich.

    Lassen Sie uns doch unsere sprachlichen Eigenheiten. Die haben mit Fussball nix zu tun.

    Nun ja, es scheint Ihnen entgangen zu sein, dass das Abgeben der Post am Schalter zwecks versenden jener auch in D. "aufgeben" heißt. Allerdings eher beim Paket gebräuchlich. Kein Grund, sich über Ösis lustig zu machen.

    • ludna
    • 10. September 2012 11:49 Uhr

    ich kenne die Redewendung auch. Als Deutscher (Ost , vielleichts liegst daran ??)

    • Peterra
    • 10. September 2012 23:15 Uhr

    Mag sein, dass Sie sich dafür halten - ich vermag es nicht zu beurteilen.

    In Österreich GIBT es wenigstens noch Postämter, wo man einen Brief aufgeben kann. In Hallwang z.B. kann man das auch bei der örtlichen Bank machen - das nennt man Servicegedanke: ein Wort, das nicht gerade deutschen Ursprungs ist.

    Österreich ist ein selbständiges Land mit eigener Sprache, eigener Aussprache und nicht selten auch eigener Grammatik. Es gibt keine Notwendigkeit zur Anpassung, oder?

  2. Nicht weil sie ein Sieger-Gen haben.

    Sondern: weil sie wohl besser trainiert sind und haben.

    Von Resignation allgemein zu schreiben, bloß weil wir Briefe "aufgeben", erscheint mit, verzeihen Sie, ein wenig arg lächerlich.

    Lassen Sie uns doch unsere sprachlichen Eigenheiten. Die haben mit Fussball nix zu tun.

    Antwort auf "Zur Größe geboren."
  3. ZItat: ZEIT: Trotzdem reicht es heute für die Deutschen zu keinem großen Titel. Vergisst man bei aller preußischen Gründlichkeit, dass Erfolge nicht planbar sind? EdZ

    Vielleicht liegt es einfach daran, dass man nie zufrieden ist.
    Für mich als ehemaligen Aktiven sind der Vizetitel bei der EM 2008 und dritte Plätze bei den WM 2006 und 2010 große Erfolge, wenn man sich einmal vor Augen hält, dass die deutsche Elf sich gegen die Besten durchsetzte. Man darf ruhig anerkennen, dass sowohl diese Platzierungen Erfolge sind und andere besser waren.

  4. Nun ja, es scheint Ihnen entgangen zu sein, dass das Abgeben der Post am Schalter zwecks versenden jener auch in D. "aufgeben" heißt. Allerdings eher beim Paket gebräuchlich. Kein Grund, sich über Ösis lustig zu machen.

    Antwort auf "Zur Größe geboren."
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    "In Österreich ist das immer ein ganz großes Problem, dass man zwischenzeitlich schon feiert, wenn noch nichts erreicht ist."

    Beweis:

    Man regt sich in Österreich
    auch "zwischenzeitlich" auf,
    wenn noch gar nichs Aufregendes
    gesagt ist.

    "Kein Grund, sich über Ösis lustig zu machen"

    Lustig machen? Nein.

    Wenn einer etwa sagt,
    daß in Österreich Fußball gespielt wird,
    dann sagt er damit nicht,
    daß anderswo nicht auch Fußball gespielt wird.
    Ebenso ist es mit der Tatsache,
    daß man in Österreich einen Brief
    "aufgibt".
    Na und?

    Wem es scheint,
    daß eine Äußerung mit der Erwähnung
    einer in Österreich bekannten Tatsache
    "sich über Ösis lustig" macht,
    dessen Probleme liegen nicht unbedingt
    im Fußball begründet.
    Es hat wohl was
    mit Selbstbewusstsein zu tun.

    Und da sind wir wieder beim Fußball.

    Aber so ist das mit dem Humor
    von machen Leuten aus Österreich.
    Was nicht heißt, daß der Humor anderswo ...

    • ludna
    • 10. September 2012 11:49 Uhr

    ich kenne die Redewendung auch. Als Deutscher (Ost , vielleichts liegst daran ??)

    Antwort auf "Zur Größe geboren."
  5. ...ist für mich aus Sicht eines Deutschen doch sehr befremdlich. Das Verspielte und die Kreativität, die in einigen Redewendungen und Worten liegt, die suche ich in der "deutschen deutschen Sprache" seit Jahren vergeblich...

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    sondern ein deutscher Dialekt, genauso wie Bayerisch. Niederdeutsch ist z.B. eine eigenständige Sprache.

    Schnarch und vielen Dank für das Korrigieren. Das war mir nun gar nicht bewusst. Dabei gebe ich das auch im Lebenslauf immer neben Deutsch als weitere Fremdsprache an...Entschuldigen Sie bitte, wenn ich es am Anfang unverständlich hingeschrieben habe.

    • Zeal
    • 10. September 2012 12:06 Uhr

    Wenn wir schon bei Redewendungen sind, so lassen sowohl Artikel als auch Userkommentar sehr tief auf das Bildungsniveau in D blicken....

    Die mag vielleicht daran liegen, dass man in D lediglich "zur Schule" geht, in Österreich hingegen schafft man es auch "in die Schule".

    :-)

  6. Warum nur sprechen so viele immer vom deutschen Sieger-Gen? Sieht man sich mal unsere Geschichte an, kann es im Grunde keine größeren Verlierer und Idioten geben. Vielleicht haben wir eher so eine Art Explosions-Gen. Die obligatorischen fünf Minuten deutscher Größenwahn gegen Griechenland oder Maradonas Argentinien, danach kommt wie immer die Riesenflaute.

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