Es ist nur ein kurzer Augenblick, aber er sagt viel aus über die Haltung etablierter Medienmacher gegenüber der jungen Start-up-Szene in Deutschland: eine Diskussionsrunde bei der Medienwoche der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin. Es geht um die Frage, wie das Internet die Fernsehwelt beeinflusst. Dagmar Reim (rbb-Intendantin), Norbert Himmler (ZDF-Programmchef) und Conrad Albert (ProSiebenSat.1) sind sich schnell einig. Die bevorstehenden Veränderungen werden tiefgreifend sein, die Urheberrechtsfrage bei YouTube bleibt schwierig, und die Zuschauer bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sind zu alt. Erst da scheinen sie Marcel Düe zu bemerken, den Gründer der Internetplattform Tweek, der die Ära der Fernsehzeitungen beenden will und der auch auf dem Podium sitzt. Ungelenke Frage an ihn: »Sie sind doch jung, sozusagen ein Digital Native. Was sagen Sie denn nun dazu?« Düe flicht viele englische Wörter in seine Antwort ein, irritierte Blicke; was er sagt, geht irgendwie unter.

Da ist zwar einerseits allerorten von Berlin als Mekka für Start-ups die Rede oder sogar vom neuen Silicon Valley. Aber so richtig zugehört wird den Protagonisten der Zukunft nicht.

Dabei kann sich das lohnen. Zwar können der 31-jährige Düe und seinesgleichen die Zukunft ebenso wenig vorhersagen wie ZDF-Programmchefs oder rbb-Intendantinnen. Aber sie haben einen Trumpf: Sie verstehen die Netzkultur, denn sie sind Teil davon; und sie wissen, wie man auf die Bedürfnisse der Heranwachsenden reagieren kann, denn sie sind selbst noch jung. Ihre Ideen können daher zumindest Denkanstöße für die Zukunft liefern.

Marcel Dües Antwort, die in der Ifa-Runde unterging, lautete: »Nutzer werden immer stärker eine Affinität zu Sendungen entwickeln und immer weniger stark zu einem bestimmten Sender.« Das Fernsehen löst sich von der Glotze, neben durchschnittlich 80 Fernsehsendern stehen dem deutschen Zuschauer heute etwa 1200 Webangebote zur Verfügung. Allein auf YouTube werden in jeder Minute 72 Stunden Bewegtbilder hochgeladen – und angeguckt.

Und überall sprießen Graswurzelsender. Einer der erfolgreichsten in Deutschland ist das Berliner Start-up tape.tv. In den vier Jahren seit seiner Gründung hat der Internet-Musiksender es zu drei Millionen Nutzern gebracht. Conrad Fritzsch, Vollbart, schiefe Kastenbrille, schwarzes Hemd, hat einen Stand auf der Ifa, der aus Ghettoblastern gebastelt wurde. Er besitzt, genau wie Düe, eine ziemlich klare Vorstellung von dem, was Fernsehen (nicht) sein sollte: »Die Glotze anzuschalten, empfand ich irgendwann als Katastrophe. Da kommt nicht das, was ich sehen will«, sagt er, weich berlinernd.

»Das Fernsehen der Zukunft ist für mich wie der Besuch bei meinem Lieblingsitaliener.« Die Bedienung wisse genau, wer keine Anchovis möge – und biete jedem nur an, was ihm gefalle. »Über so etwas freue ich mich«, sagt Fritzsch. Und deshalb macht er das bei tape.tv genauso. Statt eines festen Programmschemas laufen einige der 45.000 verfügbaren Musikvideos nacheinander ab. Missfällt dem Zuschauer, was er sieht, klickt er weiter – oder lässt sich gleich einen eigenen Strom zusammenstellen, der zu seiner Stimmung passt. Vor allem aber kann er Songs oder Musikgruppen bewerten. Sie werden ihm dann, genau wie die Anchovis beim Italiener, nie wieder angeboten. Musikfernsehen à la carte sozusagen.

Aber wie entdeckt man einen Sender, den man noch nicht kennt? Mit Fernsehinhalten ist es ein wenig wie mit Marmeladensorten: Es gibt immer mehr davon – und die wirklich guten zu finden wird immer schwieriger. »Fragmentierung des Marktes« nennen das Experten, etablierte Fernsehmacher reagieren darauf – »und fragmentieren sich selbst«, wie RTL-Chefin Anke Schäferkordt sagt. Sie bietet seit Kurzem mit RTL Nitro einen Spartensender für Männer an, jüngst zog ProSiebenSat.1 mit Sat.1 Gold nach, der Kanal soll ein älteres Publikum ansprechen.

Eine Programmzeitschrift, die das riesige Angebot abbilden wollte, müsste dick sein wie ein Telefonbuch – und wäre doch ganz schnell überholt. Marcel Düe, blonde kurze Haare, mit Gel durcheinandergebracht, trägt ein rot gestreiftes T-Shirt zu grünen Turnschuhen – und schüttelt den Kopf. »Nicht nötig«, sagt er selbstbewusst. »Wir sind die Hörzu für das 21. Jahrhundert.« Er sitzt jetzt nicht mehr auf dem Ifa-Panel, sondern in der Tweek-Zentrale an der Schönhauser Allee. Vier Räume gibt es hier und acht Mitstreiter aus fünf Nationen. Eine halbe Tischtennisplatte ersetzt den Konferenztisch, an der Wand stapeln sich alte Fernseher, aber nur zur Dekoration. »Wir wollen zwei Probleme lösen, die sich durch die Digitalisierung heute stellen: Welcher der vielen Contents ist überhaupt meine Zeit wert? Und: Wo kann ich mir diesen Inhalt legal angucken?«

Düe spricht schnell, und wieder schlüpft in fast jeden Satz ein englischer Begriff. Tweek produziert keine eigenen Inhalte. Aus den Gefällt-mir-Klicks des Facebook-Freundeskreises und eigenen Vorlieben erstellt Tweek eine Art Fernsehprogramm persönlicher Vorlieben. Das kann Germany’s Next Topmodel sein, das gerade im Fernsehen läuft – oder Mad Men, Dües Lieblingsserie aus den USA, die er sich im iTunes Store kaufen muss; dann fließen Provisionen an Tweek. Links aus der App führen zu Online-Stores, aber auch zu Mediatheken oder Videoplattformen, die Sender wie ARD, RTL und die anderen großen Player anbieten. Sie haben erkannt, dass viele Zuschauer selbst entscheiden wollen, wann sie eine Sendung ansehen möchten. Tweek mache es überflüssig, sich durch Dutzende Programme zu zappen oder die Inhalte aller sendereigenen Apps zu durchforsten, sagt Düe: »Dein Inhalt kommt zu dir.«

Nicht alles ist perfekt. Tweek bildet bisher nur Inhalte ab, die Facebook-Freunde empfehlen. Hat man keine oder nur solche mit schlechtem Filmgeschmack, wird es schwierig. Die App gibt es seit März, aber bisher nur für das iPad. Dennoch finden Experten, dass die Frage nach Orientierung im Senderdschungel ziemlich zentral ist, das Wall Street Journal erklärte Tweek zu einem der vielversprechendsten Start-ups in Berlin.

Die etablierten Sender haben erkannt, wie tiefgreifend der Wandel der Fernsehwelt durch das Internet ist – und reagieren mit allen Kräften. Sie bieten Mediatheken und Facebook-Fanseiten an, Tatort- Fans dürfen sogar nach dem Mörder fahnden. Aber vielleicht lohnt es sich, auch bei zarteren neuen Trends ein wenig genauer hinzuhören.

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