Wenn Judith Butler am 11. September den Adorno-Preis erhält , dann wird eine Philosophin geehrt, die in kein Schema passt. Queer, seltsam, kauzig, gegen den Strich, ist denn auch der Ausdruck, der in Amerika sofort mit der Berkeley-Professorin für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft verbunden wird, ein Ausdruck, der lange als Schimpfwort für Homosexuelle galt und zu dessen Umwertung in einen Kampfruf sie beitrug. Die 1956 in Cleveland geborene Tochter jüdischer Eltern verbindet in ihrem Werk Analysen philosophischer und literaturwissenschaftlicher Probleme mit politischen Stellungnahmen, die von der israelischen Hamas-Politik bis zur gleichgeschlechtlichen Ehe und zu den Versäumnissen im Umgang mit der Aids-Epidemie reichen.

Schon Ende der achtziger Jahre, als ich an ihrer Alma Mater, der Yale-Universität, beschäftigt war und das humanistische Curriculum seiner Lebensferne wegen zur Debatte stand, wurde Judith Butler von vielen Studenten wie ein Popstar umschwärmt. Wenn sie auf einem Kongress sprach oder als junge Professorin eine Graduiertenparty an der Johns-Hopkins-Universität besuchte, verbreitete sich die Nachricht rasant. Nach der Publikation von Gender Trouble 1990 stieg sie endgültig zu einer internationalen Koryphäe auf. All der Ruhm hat wenig Eindruck auf sie gemacht. Als ich sie in der Sommerfrische am kalifornischen Strand anrufe, ist Judith Butler so wunderbar paradox, jungenhaft und gütig, scharfsinnig und geduldig, einfühlsam und unerbittlich wie vor zwanzig Jahren. Ihr ruheloser Geist und ihre Begabung im Navigieren abstrakter Zusammenhänge haben sich schon viel früher bemerkbar gemacht. Gern erzählt sie, wie sie wegen schlechten Betragens vom Hebräischunterricht ausgeschlossen werden sollte, der Strafe aber durch die Wahl von Sonderstunden mit dem Rabbi entging. "Auf die Frage, was ich mit ihm studieren sollte, schlug ich vor, zu diskutieren, warum Spinoza von der Synagoge exkommuniziert worden war. Dabei kam es mir natürlich auf die größenwahnsinnige Parallele zwischen Spinoza und meiner vierzehnjährigen Wenigkeit an." Spinozas Ethik hatte Butler im heimischen Keller entdeckt, wo sie sich in pubertären Krisen verbarrikadierte, um in der Bibliothek ihrer Eltern nach Nahrung für ihre Renitenzgefühle zu suchen.

Vor allem Spinozas conatus- Theorie fand ein Echo bei ihr. Der jungen Judith Butler, die mit ihrer sexuellen Orientierung kämpfte, gefiel der Gedanke, dass jedes Wesen, wie sehr es auch aus der Reihe fallen mochte, dazu gemacht war, auf seinem Sein zu beharren. Als Philosophiestudentin der Yale-Universität wählte sie Hegel zum Dissertationsthema und stellte eine für sie entscheidende Verbindung zwischen Spinozas conatus- Gedanken und Hegels Theorie der wechselseitigen Anerkennung als Voraussetzung des Selbstbewusstseins her. Sie fragte nach den Bedingungen, unter denen ein Begehren Anerkennung finden kann, und interpretierte Hegels Begriff der Anerkennung selbst als eine kultivierte Form des Begehrens. Dass dieser wechselseitige Spiegelungsprozess aber nie nur formal ablaufen kann, dass es immer um eine leidenschaftliche Auseinandersetzung geht, in der man jenen Anderen negieren will, "der zu sein und von dem eingefangen zu werden man sich fürchtet", wurde die Basis ihrer diskurstheoretischen Überlegungen und ihrer Philosophie der Materialität.

In ihren Frankfurter Adorno-Vorlesungen, die unter dem Titel Kritik der ethischen Gewalt erschienen sind, spricht Butler über die Verletzbarkeit, die sie vor allem auch unter dem Aspekt der "Hassrede" diskutiert hat: "Würden wir auf die Verletzung reagieren, indem wir ein ›Recht‹ geltend machen, nicht so behandelt zu werden, dann würden wir die Liebe des anderen eher als Rechtsanspruch denn als Geschenk behandeln." Mit Adorno folgert sie: "Diese Liebe ist ein Geschenk der Freiheit." Weil Judith Butler weiß, dass sich Liberalität nicht erzwingen lässt, argumentiert sie auf zwei Ebenen: Sie setzt sich für zivilrechtliche Verbesserungen im Status von Minderheiten ein, doch sie vergisst nie, dass man das Andere begreifen und in sich wiederfinden muss, damit Toleranz nicht nur ein Wort ist. Doch weil das fast schon zu harmonisch klingt, bringt sie gleich ein Veto an: "Als ich verstanden habe, dass der Wunsch zu sein, der Wunsch zu begehren nur in einer Welt möglich sind, in der es gewisse Formen der Anerkennung gibt, musste ich auch eine zweite Denkbewegung ausführen. Nämlich die, dass das Begehren manchmal nur überlebt, wenn es der Anerkennung entkommt."