MedienkonsumMacht uns der Computer dumm?

Der Psychiater Manfred Spitzer warnt vor "digitaler Demenz"; der Medienpsychologe Peter Vorderer hält das für Quatsch. Ein Streitgespräch von 

DIE ZEIT : Herr Professor Vorderer, Sie haben zwei Töchter, die eine ist 13, die andere 17 Jahre alt. Welche Grenzen setzt der Medienpsychologe seinen Kindern im Umgang mit dem Computer?

Peter Vorderer: Meine Kinder sind mit Computern aufgewachsen. Groß reglementiert haben wir das Medienverhalten zu Hause aber nicht. Uns war es jedoch immer wichtig, zu wissen, was die beiden gerade am Computer machen.

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ZEIT: Waren darunter auch Computerspiele?

Peter Vorderer

lehrt Medienpsychologie in Mannheim. Der Forschungsschwerpunkt des 53-Jährigen ist die Wirkung neuer Medien.

Vorderer: Natürlich, sogar einmal ein sogenanntes Ballerspiel. Spielsüchtig sind sie nicht geworden.

ZEIT: Laut Ihrem Buch Digitale Demenz, Herr Spitzer, ist Herr Vorderer verantwortungslos.

Manfred Spitzer

leitet die Psychiatrische Universitätsklinik in Ulm. Der 54-Jährige hat mehrere medienkritische Bücher veröffentlicht.

Manfred Spitzer: Das behaupte ich nicht. Ich lege in meinem Buch nur dar, dass der Computergebrauch Nebenwirkungen hat. Bis zu einem Alter von zwei Jahren können Kinder mit dem Computer nichts anfangen. Im Vorschul- und Grundschulalter schadet hoher Medienkonsum der Bildung, später kann er zu Computersucht führen. Da gilt es abzuwägen, wie man mit den Bildschirmmedien umgeht.

Vorderer: Abwägen ist das Letzte, was Sie in Ihrem Buch tun, Herr Spitzer. Vielmehr schreiben Sie, dass Computer per se schädlich für alle Heranwachsenden sind. Sie sprechen von digitaler Demenz, fordern Eltern und Lehrer auf, Kinder vom Bildschirm fernzuhalten, und behaupten, dass es auf der Welt keine Studie gibt, die den Nutzen des Computers für Kinder und Jugendliche belegt.

Spitzer: Das ist auch so!

Vorderer: Ich frage mich, wie Sie recherchieren.

Spitzer: Ich habe für das Buch viele Jahre recherchiert, und mir ist nur eine Untersuchung bekannt, die die positive Wirkung eines Computerprogramms auf das Lernen belegt. Die Studie stammt übrigens aus meinem Institut. Es handelt sich um eine Software zur Mathematikförderung.

Vorderer: Dann hätten Sie sich einmal die seriöse Literatur anschauen sollen, die zeigt, welch hohes Lernpotenzial Computer haben können.

Spitzer: Ich zitiere in meinem Buch Zeitschriften wie Nature und Science. Seriöser geht es nicht.

Wirkungsforschung

Die Wirkung digitaler Medien zu erfassen ist nicht trivial. Denn ebenso vielfältig wie diese selbst sind ihre Inhalte und das Nutzungsverhalten. Dennoch hat die Wirkungsforschung Antworten auf die drängendsten Fragen:

Machen Computerspiele dumm? Im Gegenteil: Metastudien zeigen, dass Spiele positiv auf die Fähigkeiten zum räumlichen Denken und zur Problemlösung sowie auf das Verständnis systemischer Zusammenhänge wirken können. Studien zu Simulationsspielen wie Civilization III belegen, dass diese Motivation und Verständnis von Schülern fördern.

Machen Computerspiele süchtig? Beim (erfolgreichen) Spiel am Computer werden »Glückshormone« wie Dopamin ausgeschüttet, die auch beim Drogenkonsum eine Rolle spielen. Intensives Spielen lässt sich aber nicht automatisch mit einer Sucht gleichsetzen. In einer neuen Studie über das Medienverhalten Berliner Schüler identifiziert der Psychologe Thomas Mößle rund vier Prozent der Sechstklässler als »Suchtspieler«. In der Mehrzahl waren es Jungen, die auch sonst durch Verhaltensprobleme auffielen.

Machen Spiele gewalttätig? Ballerspiele verstärken laut vielen Untersuchungen tatsächlich die Aggressivität. Lässt man Probanden Spiele mit brutalen Inhalten spielen, sinkt (zumindest kurzfristig) ihre Sensibilität, in echten Gewaltsituationen einzuschreiten. Wissenschaftler sprechen häufig von einem Spiraleffekt: Kinder mit einem hohen Konsum gewalttätiger Medieninhalte zeigen ein stärkeres Gewaltverhalten, was wiederum zu einem höheren Medienkonsum führt. Allerdings wird niemand allein durch Ego-Shooter zum Amokläufer.

Verschlechtern digitale Medien die Noten? Wer den Großteil seiner Freizeit vor Computer oder Fernseher sitzt, zeigt in der Schule schlechtere Leistungen. Das haben verschiedene internationale Studien bewiesen. Auch in der Berliner Studie liegen Jungen, die am Tag über drei Stunden am Bildschirm verbringen, in Deutsch um knapp 0,4 Notenpunkte unter dem Klassenschnitt. Gute Lernsoftware aber kann den Lernerfolg unterstützen. So gehen Übungsprogramme gezielt auf das individuelle Niveau ein und geben Rückmeldung und Hilfestellung.

Vorderer: Aber kein einziges Fachjournal. Zeitschriften wie Media Psychology, Communication Research und ein Dutzend anderer Publikationen, die sich seit mehr als zehn Jahren differenziert mit der Attraktivität, dem Potenzial und der Wirkung von Computern beschäftigen, ignorieren Sie schlicht.

Spitzer: Medieninstitute machen meist schlechte Studien, weil sie oft von der Computerindustrie bezahlt werden. Die muss man nicht ernst nehmen.

Vorderer: Wer Ihre Meinung nicht teilt, ist gekauft?

Spitzer: Anders kann ich mir den Unsinn, den Medienwissenschaftler schreiben, kaum erklären.

Vorderer: Zu Ihrer Kenntnis: Ich erhalte mein Gehalt vom Land Baden-Württemberg...

Spitzer: ...ich auch.

Vorderer: ...und nebenbei schreiben Sie reißerische Bestseller. Sie sind für mich der Sarrazin der Computerkritik.

Spitzer: Sie kritisieren mich also dafür, dass besorgte Eltern mein Buch kaufen.

Vorderer: Ihr Buch klärt nicht auf, sondern macht Angst. Und die Medien helfen Ihnen dabei, indem sie Ihren haltlosen Thesen so viel Raum geben.

Spitzer: Niemand hindert Sie daran, auch einen Bestseller zu schreiben.

Leserkommentare
  1. Eltern die glauben, dass die Technologie ihre Kinder fördert, sollten mal diesen Bericht lesen. Die grossen Herren des Silicon Valley in Kalifornien schicken ihre Kinder in eine Technologie-freie Schule weil sie die Gefahren der Technologie kennen: (Sorry, ist auf Englisch) http://www.nytimes.com/20...

    • gbpa005
    • 28. September 2012 7:42 Uhr

    Wie gut, dass es endlich einmal ein öffentlich wahrnehmbares Kontra gegen das unsinnige, undifferenzierte und unseriöse Geschreibse von Herrn Spitzer gibt. Es ist schon erstaunlich, wie ein Mensch durch das willkürliche Herausgreifen und Verquirllen von "Studien" (Welche überhaupt? Soll er sie doch einmal ordentlich zitieren.) so viel Beachtung in den Medien bekommt. Computer haben Gefahren, aber auch Potenziale. Diese zu ignorieren ist ignorant und die Realität ist sowieso eine andere.

    Glücklicherweise wird die Zeit alles richten. Spitzers persönliche Meinungen werden in 200 Jahren für die gleiche Erheiterung sorgen wie die Aussagen von Johann R. G. Beyer (1795) über die "Lesesucht".

  2. Es ist nicht zu übersehen, dass die zwei Kontrahenten unterschiedlicher Kaliber und insbesondere Kompetenzen sind. Es ist selbsverständlich, dass ein Neurowissenschaftler viel mehr und gründlicher über die Einflüsse des Medienkonsums auf die Gehirnprozesse sagen - und erklären! - kann. Im gegensatz dazu kann ein Medienpsychologe nur ein "pro domo" Plädoyer halten - mit Argumenten, die viel unter dem Niveau seines Gesprächspartners liegen! Wir brauchen mehr solche kompetente Stimmen - mit soliden Argumenten, wie Dr. M. Spitzer uns liefert!

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