Ausstellung "Mission Moderne"Mission Moderne

Köln zeigt noch einmal die große Kunstausstellung von 1912, mit der die Avantgarde begann. von Wolfgang Kemp

Edvard Munch: "Amor und Psyche", 1907

Edvard Munch: "Amor und Psyche", 1907  |  © The Munch Museum / The Munch Ellingsen Group / VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Der Sonderbund westdeutscher Kunstfreunde und Künstler war so etwas wie die rheinische Sezession, ein Verein zur Förderung zeitgenössischer Künstler. Er operierte von der Kunstmetropole Düsseldorf aus, hatte aber in der Zeit der Städtekonkurrenzen offenbar wenig Schwierigkeiten, die Stadt Köln als Veranstalter und Geldgeber zu gewinnen. Im Sommer 1912 initiierte der Bund die größte, die mutigste und die letzte seiner Ausstellungen, eine radikal auf die Moderne und ihre internationale Verbreitung ausgerichtete Schau, die Ausstellungs-, ja Kunstgeschichte gemacht hat. Das Wallraf-Richartz-Museum widmet ihr zum hundertsten Jubiläum eine große Retrospektive.

Am 2. Juni 1912 meldete sich Julius Meier-Graefe, des Reiches führender Kunstschriftsteller, zu Wort. Kunst-Dämmerung, der düstere Titel seines Beitrags für die Frankfurter Zeitung, verhieß nichts Gutes, und in der Tat, es wurde wieder einmal der Kunst die finale Diagnose ausgestellt – ein »gigantischer Irrtum« liege vor. Hier versuchte einer die Geister, die er gerufen hatte, wieder einzufangen. Denn im Grunde ließ sich die Ausstellung als Tribut an Meier-Graefe verstehen. Sie zeigte zwei Gemälde El Grecos, des zum Urvater des Expressionismus ernannten Künstlers des 16. Jahrhunderts, vermutlich in wahlverwandter Nachbarschaft zu Werken des frühen Picasso. Die Kunstgeschichte aber verdankte die Wiederentdeckung El Grecos niemand anderem als Meier-Graefe. Und Meier-Graefe war es, der van Gogh als ersten Märtyrer der modernen Kunst heiliggesprochen hatte. Wie konnte man dieser Weihe besser entsprechen, als es die Kölner taten? Sie gaben van Gogh fünf Räume und zeigten 136 Werke, darunter all jene, die auch heute noch das imaginäre Van-Gogh-Museum beleben: die Sonnenblumen, die Schuhe, die Iris, die Berceuse (zweimal), das Schlafzimmer in Arles, die Eisenbahnbrücke, Vater Tanguy, die Brücke von Arles – eigentlich fehlt nur das Nachtcafé. (Keines dieser Werke hat es jetzt wieder nach Köln geschafft.)

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Niemals zuvor und nie wieder sollte eine Kunstausstellung ein derartig mächtiges Credo intonieren wie 1912; es klang so laut, dass die Organisatoren sich verpflichtet fühlten, den Wahlfranzosen van Gogh als gebürtigen Niederländer heim ins Reich zu holen und ihn »unserer Rasse«, sprich der germanischen, zuzurechnen. Trotzdem ließ sich die eindeutig frankophile Gesamtausrichtung nicht leugnen; prominent gesetzt waren als weitere Gründungsväter Paul Cézanne (17 Arbeiten), Paul Gauguin (31 Arbeiten) und Paul Signac (17 Arbeiten). Danach wurde dann der neueste Spross der Pariser Kunstszene vorgestellt, Pablo Picasso, mit 15 schwachen Arbeiten, die aber seine Entwicklung bis zum reifen Kubismus anschaulich machten. Die nordische und gleichfalls französisch inspirierte Alternative besetzte Edvard Munch mit einer grandiosen Retrospektive aus 31 Arbeiten. Und an einem Punkt ging die Avantgarde noch weiter hinaus, mit einem Ölbild von Wassili Kandinsky, dem er den modernsten aller Titel gab: Improvisation Nr. 21a. Die vorerst letzte Phase, die der Abstraktion, war erreicht.

1912 war das Skript geschrieben, nach dem für die nächsten hundert Jahre moderne Kunstgeschichte in Sammlungen nachgebaut, in Lehrbüchern gelehrt wurde. Nichts ging zu Ende, die Linie der Moderne setzte sich wie nach Plan fort. Der übermächtige Akzent auf van Gogh hatte natürlich auch etwas vom Singen im dunklen Keller der neuen Risiko-Gesellschaft an sich. Schon einmal und mit Gültigkeit bis heute war einer zum Gründungsvater der Kunstgeschichte ausgerufen worden: Giotto heißt er, doch im Unterschied zu van Gogh war Giotto zu Lebzeiten hochberühmt und bestens beschäftigt. Einen Nobody, der, wenn es hochkommt, zu Lebzeiten ein Bild verkauft hatte, auf die gleiche Stufe zu heben, das bedeutete zugleich Mut und eine beispiellose Überhöhung der Funktion des Kunsthistorikers: Er war es, der Kunstgeschichte machte.

"Mission Moderne"

Die Ausstellung 1912 – Mission Moderne wird bis zum 30. 12. im Wallraf-Richartz-Museum Köln, Di–So 10–18 Uhr, gezeigt.

Wenn unsere Sicht auf die Entstehungszeit und das Programm der heroischen Moderne sich nicht grundlegend geändert hat, so ist ihre heutige Gegenwart doch grundverschieden. Noch einmal Meier-Graefe: »Ganz sicher werden alle diese Revolutionäre irgendwo und irgendwann ihre Apostel, ihr Museum finden, haben sie vermutlich schon in der Zeit, die ich vom Beginn dieses Satzes bis jetzt gebraucht habe, gefunden.« Ganz so schnell ging es nicht, aber das Ergebnis stimmt. Die »Neukunst«, wie sich die Gazetten damals ausdrückten, ist im Museum angekommen, sogar in Kölns Museum für Alte Kunst. Arg eingekastelt erscheint sie in dem unbeseelten Ungers-Bau; 1912 breitete sie sich auf 5.000 Quadratmetern aus, in einer Art Industriehalle unter grandiosem Oberlicht und vor weißen Wänden. Das ginge heute nicht mehr: Klimaschutz! Lux-Werte! Sicherheitsvorkehrungen! Dass kein Museum der Welt sich die Versicherungs- und Transportkosten der 600 Exponate von 1912 leisten kann, versteht sich – in Köln hat man sicher ein Maximum erreicht: 120 Gemälde und Skulpturen. Die Moderne hat sich selbst besiegt.

Leserkommentare
  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    nur ein kurzer Kommentar an dieser Stelle! Es gibt zwei Ereignisse, die sich in 2012 jähren und die mir ins Auge gefallen sind.
    Vor 200 Jahren wurde Napoleons Große Armee vernichtet. Krieg darf sich nicht jähren!
    Vor 100 Jahren wurde die Moderne in Köln gefeiert. Kunst ist die Kraft gegen alles, gegen Melancholie, gegen das Alleinsein, gegen Krankheit, gegen den Krieg.
    Ich möchte die "Mission Moderne" empfehlen.
    Wer es sich hier noch einmal notieren möchte:
    Die Ausstellung "1912 – Mission Moderne" wird bis zum 30. 12.2012 im Wallraf-Richartz-Museum, in Köln gezeigt (Di–So 10–18 Uhr).

    Hochachtungsvoll, Ihr
    Ole R. Börgdahl

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