KunstfälschungenPflicht zur Nagelprobe

Ein neues Gerichtsurteil könnte den Auktionshandel tief greifend verändern. Werden die Sammler künftig besser vor Fälschungen geschützt? von Stefan Koldehoff

Das angebliche Campendonk-Gemälde auf einem Lempertz-Katalog von 2006

Das angebliche Campendonk-Gemälde auf einem Lempertz-Katalog von 2006. Später stellte es sich als eine Fälschung heraus.  |  © Hanno Rauterberg

Knapp eine Viertelstunde hatte der Termin in Raum 0117 des Kölner Landgerichts gedauert, als Richter Hans-Joachim Becks den Satz sprach, der den Kunstmarkt auf den Kopf stellen könnte: Seine Kammer sei der Meinung, dass »die erforderliche Sorgfalt verfehlt worden« sei. Bevor das Kölner Auktionshaus Lempertz 2006 im Katalog seiner November-Auktion das Werk Rotes Bild mit Pferden als Original des deutschen Expressionisten Heinrich Campendonk anbot – das Bild zierte sogar das Cover des Katalogs –, hätte das bis dahin völlig unbekannte Gemälde naturwissenschaftlich untersucht werden müssen. »Eine solche Untersuchung hätte ein Pigment nachgewiesen, das nach allem Ermessen zum angeblichen Zeitpunkt der Entstehung des Werks noch gar nicht verfügbar war«, meint das Gericht.

Seit vier Jahren läuft inzwischen das Verfahren, das ein maltesischer Trust mit Namen Trasteco Limited gegen Lempertz angestrengt hat. Trasteco hatte das Rote Bild mit Pferden (angeblich von 1914) bei Lempertz ersteigern lassen – zum Campendonk-Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro plus 480.000 Euro Aufgeld. Erst nach Überweisung des Kaufpreises kam es zu einer materialtechnischen Untersuchung. 2008 stand nach vielem Hin und Her dann fest, was der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi inzwischen auch in einem gesonderten Strafprozess gestanden hat: Das Bild stammt von ihm und nicht von Campendonk. Deshalb forderte Trasteco von Lempertz den vollen Kaufpreis zurück. Das Kunsthaus wollte aber nur die Kommission zurückzahlen; der Zuschlagspreis sei an den Einlieferer, die Familie Beltracchi, ausgekehrt worden. Zudem habe Campendonks Sohn die Echtheit des Bildes bestätigt. Man habe das Bild vor der Auktion so geprüft, wie es 2006 allgemein üblich gewesen sei.

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Dem widersprach die Kammer nun deutlich unter Verweis auf § 276 BGB: Der hohe Preis des Gemäldes und der Umstand, dass nur sein Titel aus dem Werkverzeichnis bekannt war, hätten zu einer sorgfältigeren Prüfung führen müssen. Die Zuschreibung an Campendonk hätte im Katalog nicht als gesichert dargestellt werden dürfen. Eine naturwissenschaftliche Untersuchung wäre wenigstens der Versuch gewesen, mit »einer unbestechlichen Methode Klarheit zu gewinnen, die nicht durch Erinnerungen von Zeitzeugen getrübt ist«, so der Richter Hans-Joachim Becks. Expertengutachten zu der üblichen Sorgfaltspflicht im Kunsthandel, wie sie Becks’ Vorgängerin am Landgericht zuvor vorgeschlagen hatte, seien für sein Urteil nicht nötig. »Wir können Rechtsgrundsätze aufstellen, die dann gültig sind«, so Becks, »auch ohne nach Üblichkeiten zu fragen.«

Für Trasteco würde ein entsprechendes Urteil, das offiziell am 28. September verkündet werden soll, die Möglichkeit bedeuten, von Lempertz die gesamten 2,88 Millionen Euro zurückzufordern. Lempertz-Anwalt Heribert Reiners wies in seiner Stellungnahme darauf hin, dass eine solche Entscheidung Bedeutung für den gesamten Kunstmarkt haben würde: »Jedes Kunstwerk, das aus vielfältigen Gründen als echt angenommen werden kann, naturwissenschaftlich untersuchen zu müssen, entspricht nicht den Realitäten des Kunstmarktes. Dann brauchten wir auch keinen Haftungsausschluss mehr.« Klarheit habe es aber im Fall des Roten Bildes mit Pferden nicht gegeben, hielt dem Trasteco-Rechtsanwältin Friederike Gräfin von Brühl entgegen und wies auf Widersprüche hin: Anders als im Lempertz-Katalog behauptet, habe es nie eine Abbildung des Gemäldes in einem Ausstellungskatalog aus dem Jahr 1920 gegeben. Lempertz hatte nach eigenen Angaben die mündliche Expertise des Künstlersohns Herbert Campendonk eingeholt, doch den Künstlersohn als einzig wahre Kapazität für das Werk seines Vaters zu bezeichnen sei völlig unsubstanziiert.

Und warum, so fragte von Brühl, sei ausgerechnet beim teuersten Werk – anders als bei zahlreichen anderen angebotenen Bildern der Auktion – die angebliche mündliche Expertise von Herbert Campendonk nicht einmal im Katalog erwähnt worden? Weil Campendonk junior ein sehr diskreter Mann gewesen sei, antwortete Heribert Reiners: »Der wollte das nicht.« Sollte das Urteil Ende September tatsächlich wie angekündigt lauten, erklärte er nach Ende des Gerichtstermins, werde man in Berufung gehen. Lempertz-Geschäftsführer Henrik Hanstein ließ sich im Kölner Stadt-Anzeiger gar mit der apokalyptischen Vision zitieren: »Die Rechtsauffassung des Gerichts bedeutet das Ende des Auktionshandels.« Vielleicht, so möchte man hinzufügen, führt diese Rechtsauffassung aber auch nur dazu, dass in Zukunft Kunstsammler besser vor Fälschungen geschützt werden. Und solchermaßen beruhigt noch mehr Geld für die Kunst ausgeben.

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Leserkommentare
  1. „ Man wird, und will beschießen werden „.
    Daran wird sich auch in nächster Zeit nicht‘s ändern, weil jeder in dieser Branche daran verdient. Vorwiegend die ehrenwerte Gesellschaft der oberen Zehntausend. Dazu gehören Galerien, Museen, Sammler u. Händler, und das mit guten Verdienst nicht schlecht...! Gemeint sind natürlich nur die „ schwarzen Schafe „ in dieser Branche!

    Der Kunstskandal vom Fälscher Wolfgang Beltracchi ist deshalb aufgeflogen, weil der jahrzehntelange Schwindel schließlich durch eine falsch etikettierte Farbtube aus Holland, die geringe Mengen an Titanweiß enthielt. Die Farbe, die später auf einem von Beltracchi gefälschten Heinrich Campendonk festgestellt wurde, war zur angeblichen Entstehungszeit des Original Kunstwerkes noch gar nicht auf dem Markt, sowie im künstlerischen Gebrauch verwendet worden.

    Da in absehbarer Zeit die Technik zur Überprüfung von Kunstwerken auf eventuelle Fälschungen schon so gut fortgeschritten ist, dass ein fälschen im herkömmlichen Sinn immer schwieriger, bis gar nicht mehr möglich sein wird, wird man sich Neue und sichere Strategien aussuchen muss um ans große Geld am Kunstmarkt zu kommen.
    Man wird sich eher auf Artnapping sowie Erpressung spezialisieren, denn so kommt man zu 100% zu einem Original, dass man später als Lösegeld bei der Versicherung wieder eintauscht. Oder das Kunstwerk verschwindet überhaupt zur Gänze aus dem Kunstmarkt, und landet so im sicheren Depot eines Kunstsammlers.

    Meint: www.fingerprint-on-art.com

  2. Sehr geehrte Damen und Herren,

    wer die Naturwissenschaften beherrscht, beherrscht auch die Mittel, gegen alles Logische vorzugehen. Gegen jede Waffe im Krieg wurde eine Gegenwaffen entwickelt und zwar noch bevor der jeweilige Krieg zu Ende war. Kunstfälscher besitzen heute naturwissenschaftliche Begabung und vor allem das Know-how. Natürlich lassen sich plumpe Fälschungen entlarven, aber eine stärkere Waffe ist der Herkunftsnachweis. Darüber wurde schon viel gesprochen und geschrieben. Bilden Sie sich selbst eine Meinung. Die Richter jedenfalls, sprechen eine Selbstverständlichkeit aus. Es muss aber mehr getan werden.

    Hochachtungsvoll, Ihr

    Ole R. Börgdahl

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  • Schlagworte Kunsthandel | Kunstauktion | Kunst | Kunstwerk | Fälschung | Auktionshaus
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