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Zwei Mafia-Museen beleuchten die kriminellen Wurzeln der Spielerstadt in der amerikanischen Wüste. von Susann Sitzler

Zur Eröffnung des Mob Museums spielte die Band The Jersey Boys.

Zur Eröffnung des Mob Museums spielte die Band The Jersey Boys.  |  © Ethan Miller/Getty Images

Die Maschinenpistole ist der Renner bei den Frauen. Fast alle werfen einen raschen Blick nach links und rechts und fassen dann entschlossen nach dem kühlen Metall. Jetzt gibt es nur noch den Abzug und sie. Und das Hageln der zwei Dutzend Kugeln, die fast gleichzeitig abgefeuert werden. Die Geschosse durchlöchern den Gegner. Wenn blutige Schlieren über den menschlichen Umriss auf der Videoleinwand laufen, lassen die Täterinnen schnell von der Waffe ab und gehen weiter, als sei nichts gewesen. Auf dem Gesicht ein stolzes und erschrockenes Lächeln.

Die historische »Tommy Gun« war die Lieblingswaffe des Mobs, der amerikanischen Mafia. Auch die Polizei schaffte sich ein Arsenal davon an, nachdem die Firma Thompson sie 1921 auf den Markt gebracht hatte. Die Maschinenpistole verlieh dem Kampf zwischen organisiertem Verbrechen und Polizei eine neue Dimension. Sie ist ein Symbol für die immer weiteren Stufen der Gewalt, zu denen beide Seiten sich hochschaukelten. Und eine Hauptattraktion des gerade eröffneten Mob Museum von Las Vegas.

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Die Stadt in der Mojave-Wüste lebt schon lange gut von ihrem Ruf als Sündenpfuhl. Als der Staat Nevada 1931 das Glücksspiel legalisierte, kamen die Bauarbeiter von der benachbarten Hoover-Talsperre in die kleine Bretterbudensiedlung, um in den Hinterzimmern der Lokale ihren Lohn zu verzocken. Es folgten brave Bürger, die hier fern von zu Hause über die Stränge schlagen konnten. In den 1940er Jahren setzten dann Gangster aus New York und Chicago große Casinos in die Einöde. Eine Stadtgeschichte von zweifelhaftem Ruhm – die man auf verschiedene Art präsentieren kann. Schon seit Jahren zeigt das Hotel Tropicana eine interaktive Ausstellung namens Mob Attraction Las Vegas. Das neue Mob Museum ist nun die zweite Einrichtung, die sich mit den kriminellen Wurzeln der Stadt befasst.

Vollständig heißt es National Museum of Organized Crime and Law Enforcement. Auf der Homepage steht der Slogan: »Jede Geschichte hat zwei Seiten«. Darunter ist ein Foto von einem Schlagring abgebildet und eines von Handschellen. »Am Anfang hat man uns verdächtigt, dass wir die Mafia verherrlichen wollten«, sagt Oscar Goodman. »In Filmen sehen die Gangster ja auch immer besser aus als die Polizisten.« Goodman, ehemaliger Bürgermeister von Las Vegas, hat sich das Museum ausgedacht. Der gewitzte Mann mit den imponierenden Augenringen ist immer noch so beliebt wie zu seiner Amtszeit, die 2011 endete. Vor seiner Zeit als Bürgermeister arbeitete er als Strafverteidiger. Zu seinen Mandanten gehörte nicht nur der einflussreiche Gangsterboss Meyer Lansky, sondern auch Tony »The Ant« Spilotro, der im Mafiafilm Casino von Joe Pesci verkörpert wird. »Das waren schillernde Persönlichkeiten. Und sie wurden oft als Sündenböcke für Dinge missbraucht, die sie nicht getan hatten«, sagt Goodman. »Ich wollte sicherstellen, dass die Rechte in unserer Verfassung auch auf sie angewendet werden.«

Das ehemalige Gebäude des Bundesgerichts, in dem Goodman seinen ersten Fall gewann und das er später von seinem Bürgermeisterbüro aus jeden Tag sah, beherbergt heute das Museum. Um den historischen Bau aus dem Jahr 1933 vor dem Abriss zu bewahren, bewegte Goodman die Stadt, ihn unter Denkmalschutz zu stellen und für einen symbolischen Dollar zu verkaufen. Das Gebäude liegt im alten Teil von Las Vegas, am Ende der Straße, die vom glitzernden Strip nach Downtown führt. Eine Gegend, die in den vergangenen Jahren zu einer traurigen Ansammlung schäbiger Motels, heruntergekommener Pfandleihen und ausgeblichener Hochzeitskapellen verkam.

Mit den blinkenden Luxuscasinos baute sich der Mob seine eigenen Tempel

Im Museum drückt Mimi, die Liftpagin, mit einem pink lackierten Kunstnagel auf den Knopf des historischen Aufzugs, der gerade mal zwei Stockwerke hinauffährt. »Das war der erste Lift von Las Vegas – und das Gebäude war das höchste der Stadt«, erklärt sie. Das Personal setzt sich aus Frauen wie Mimi zusammen, die angejahrten Cocktailkellnerinnen oder Showgirls ähneln; und aus Wächtern, die als Reminiszenz an den Style der Mobster schwarze Westen über dunklen Hemden zu schwarzen Hosen tragen. Einer von ihnen ist Henry, der in der oberen Etage aufpasst. Er wurde in London geboren, arbeitete in der Porzellanindustrie und zog als Rentner nach Las Vegas: »Ich wollte den letzten Teil meines Lebens an einem spaßigen Ort verbringen.« Mit einem »That’s the way to go, folks!« scheucht er die Leute fröhlich in einen dunklen Gang, wo die Ausstellung beginnt. Thema dieser Etage: »Die Geburt der Mafia«. 

Darsteller begleiteten die Eröffnung des National Museum of Organized Crime and Law Enforcement.

Darsteller begleiteten die Eröffnung des National Museum of Organized Crime and Law Enforcement.  |  © Ethan Miller/Getty Images

Einer der ersten Räume ist wie ein Schulzimmer aus den 1920er Jahren eingerichtet. »Damals herrschte in den USA die Prohibition«, sagt Henry. »Die Leute wollten aber trotzdem Alkohol trinken.« Also sorgten kriminelle Banden für die Versorgung. Auf einer Schiefertafel ist das Organigramm eines Rackets, eines kriminellen Unternehmens, skizziert: Die Abläufe ähneln denjenigen in einer normalen Firma. Nur der Geschäftszweck ist illegal. Mit Kreide steht daneben ein Merksatz: »The mob exists to make money«.

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