Luchs Nr. 308Papa pupst

"Das tollste ABC der Welt" schafft eine fantastische, detailverliebte Bilderwelt. von Maria Linsmann

© Hanser Verlag

Fast anmaßend klingt der Titel des Bilderbuches von Tom Schamp: Das tollste ABC der Welt. Schließlich reicht die Tradition der Abc-Bücher bis ins Mittelalter zurück, und schließlich sind gerade in den letzten Jahren außerordentlich witzige und ungewöhnliche Varianten dieses Buchtypus erschienen – Nadia Buddes eigenwilliges Trauriger Tiger toastet Tomaten (2000), Wolf Erlbruchs geniale Neuinterpretation von Karl Philipp Moritz’ Neuem ABC-Buch (2003) oder Chris van Allburghs künstlerisches Das Z zerplatzt (Deutsch 2005). Und doch gelingt dem belgischen Illustrator Tom Schamp tatsächlich etwas Tolles: die Verbindung von Abc-Buch und Wimmelbuch. Und das geschieht auf lustige, charmante und unterhaltsame Weise. Dabei waren Abc-Bücher traditionell nicht gerade ein Unterhaltungs-, sondern ein Lehr- und Bildungsmedium.

Im 16. Jahrhundert stammten sie vor allem aus humanistischer und reformatorischer Feder und dienten dem Lesenlernen ebenso wie der grundlegenden literarischen und religiösen Bildung. In der Regel enthielten sie das Abc in großen und kleinen Buchstaben, verbunden mit Silben und Wörtern, Sprüchen, Liedern oder kurzen Texten. Im Zusammenhang mit dem Ausbau des öffentlichen Schulwesens im 19. Jahrhundert trat die Fibel als Unterrichtsmittel in den Vordergrund, und das Abc-Buch wurde verstärkt zum Feld poetisch-künstlerischer Ausgestaltung.

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Dass es hier noch immer Raum gibt für Neuerfindungen und Überraschungen, beweist nun Tom Schamp mit seinem Abc-Buch. Formal hält er sich an die Tradition: Jede Doppelseite des stabilen Bilderbuchs ist einem Buchstaben gewidmet, dieser wird in Groß- und Kleinschreibung vorgestellt und von einer Reihe kurzer Sätze begleitet. Der jeweilige Buchstabe ist an sämtlichen Stellen eines Wortes fett gedruckt. Die Texte selbst zeichnen sich aus durch Rhythmus und Sprachspielereien vielfältiger Art. »Papa hat gepupst. Papperlapapp! Panther, Pumas und Pandas pupsen periodisch noch prasselnder als Papa ... und sogar Präpubertierende«. Solche Alliterationen gefallen nicht nur Kindern, sondern haben ganz offensichtlich auch Harry Rowohlt, den wohl prominentesten Übersetzer und Liebhaber von Nonsens-Literatur und Sprachspielen, begeistert: Er hat die Übersetzung des Textes übernommen.

Das zum P gehörende Bild zeigt zwei stehende Figuren, die mit ihrem gerundeten Arm, mit dem sie sich die Nase zuhalten, ein P bilden, außerdem Puma, Panda und – wohlgemerkt – Pink Panther! in Form des Buchstaben P. Durchgängig ist das hier anschauliche Prinzip der Verbindung von Text und Illustration: Ein Alligatorenmaul formt das A, ein dickbäuchiger Bär das B. Das C baumelt als Croissant an einer Schleife herunter. Darüber hinaus wimmelt es von liebevoll gestalteten Details in kleinen Bildgeschichten und humorvollen Bildideen. Nur einige wenige, großflächig komponierte Doppelseiten unterbrechen den Fluss kleinteiliger Bildgestaltungen.

Schamps fantastische Bildeinfälle: Angelnde Eichhörnchen ziehen eine Meerjungfrau aus dem Wasser. Walter der Wapitihirsch (»der übers Wochenende nach Wallonien will«) trägt ein belaubtes Geweih auf dem Kopf, darin tummeln sich verschiedenste reale wie Fantasietiere. Es ist eine fantastische, farbenfrohe und detailverliebte Bilderwelt.

Der belgische Illustrator, der in seinem Heimatland bereits mehr als ein Dutzend Bücher illustriert hat, verbindet in diesem Buch seine eigenwillige Acrylmalerei mit den Möglichkeiten digitaler Bildgestaltung. Die formale Beziehung zu den Werken des amerikanischen Kinderbuchautors und Illustrators Richard Scarry (1919 bis 1994) ist dabei unverkennbar und klingt mit leichter Ironie auch schon im Titel an. So schuf Scarry zwar einst kein »tollstes Abc-Buch«, aber immerhin bereits 1966 ein Allerschönstes ABC (Deutsch 1967).

Luchs Nº 308

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur.

Am 6. September, 15.20 Uhr, stellte Radio Bremen das Buch vor. Redaktion: Karsten Binder.

Das Gespräch zum Buch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/funkhauseuropa

Die Funktion der Abc-Bücher als Lehr-, Leselern- und Unterweisungsbücher tritt in Tom Schamps Buch nun völlig in den Hintergrund zugunsten einer spielerischen, fantasievollen, witzigen und gelegentlich grotesken Reise in die Welt der Sprache und der Buchstaben. Hier geht es nicht vorrangig ums Buchstabenlernen, sondern darum, zu erfahren, wie vielfältig, aufregend und manchmal auch unlogisch Sprache sein kann, welch verrückte und seltsame Wortfindungen es gibt, wie man mit Klang und Rhythmik von Worten spielen kann und wie Sprache und Bild sich spielerisch ergänzen und erweitern.

Kurzum: Schamps Abc-Buch ist eben nicht zum Lernen da, bringt aber dafür richtig viel Spaß!

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