In den USA gibt es eine große Zahl von fundamentalistischen Christen. Viele dieser Menschen glauben daran, dass demnächst Jesus zum zweiten Mal auf der Erde wandeln wird, ein Phänomen, welches the second coming heißt. Anschließend würden die rechtgläubigen Christen zum Himmel auffahren, Fachbegriff: rapture. Der Rest der Erdbevölkerung bleibt hienieden zurück. Nun machen sich offenbar viele Christen Sorgen um ihre Haustiere. Tiere sind im Himmel nicht zugelassen. Vor einiger Zeit meldete die Washington Post , dass es jetzt eine speziell für den religiösen Ernstfall zugeschnittene Versicherung gibt. Eine Firma namens Eternal Earthbound biete an, dass sich ihre Mitarbeiter für 135 Dollar, die begreiflicherweise sofort zu entrichten sind, nach der Himmelfahrt von Herrchen und Frauchen um den Hund oder die Katze kümmern. Alle Mitarbeiter seien erprobte, über jeden Zweifel erhabene Atheisten, die garantiert nicht für eine Himmelfahrt infrage kämen. Die Versicherung habe bereits etwa 260 Kunden.

Ich habe herausgefunden, dass es in Großbritannien auch schon so eine Firma gibt. Post Rapture Pet Care wirbt im Internet sogar in eigenwilligem Deutsch um Kunden. "Wird Ihre Haustiere hinter mit niemand um sie kümmert überlassen werden? Habt keine Angst! Wir bei Post Rapture Pet Care sind Atheisten bestätigt und als solche Teil der linken Seite hinter sich, wenn die Zeit kommt. Nur weil wir Atheisten sind, bedeutet nicht, wir sind nicht Tierliebhaber."

Die frohe Botschaft für Atheisten lautet, dass nach dem Jüngsten Gericht auf der Erde erstaunlich geordnete Verhältnisse zu erwarten sind. Wo es genug Whiskas gibt, dort dürfte auch die Versorgung der Sünder mit Gummibärchen und Chardonnay ohne Engpässe vonstattengehen. Was aber passiert, wenn plötzlich alle sich zum Glauben bekehren und folglich alle zum Himmel auffahren? Ein fundamentalistischer Christ, der seine Katze liebt, muss jeden Tag darum beten, dass es genügend Ungläubige gibt für die Firma Post Rapture Pet Care. Außerdem muss der Fundamentalist darauf vertrauen, dass Ungläubige verlässliche Menschen sind, die ihre Versprechen halten. Vom Himmel aus kann der Kunde ja schlecht sein Geld zurückfordern. Mich würde dieser spirituelle Widerspruch zerreißen.

Neulich dachte ich, zum ersten Mal, dass ich zu einer Kolumne eine Gebrauchsanweisung nachreichen muss. Während der Beschneidungsdebatte war mir aufgefallen, dass man einige der Argumente, die für ein Verbot der Beschneidung sprechen, ohne Weiteres auch auf die katholische Beichte anwenden könnte . Ich bin natürlich gegen ein Verbot der Beichte. Vergebung und Gnade sind menschenfreundliche Ideen, auch wenn im Internet alle dagegen sind. Ich bin überhaupt für größtmögliche Religionsfreiheit, weil ich der Freiheitsapostel bin. Aber ich habe das mit der Beichte mal durchgespielt, am Ende der Kolumne hieß es sinngemäß: Es ist nur ein Spiel, das eine bestimmte, von mir abgelehnte Denkweise demonstrieren und dekonstruieren soll, ich denke nicht wirklich so. Daraufhin bekam ich einen Berg wütender Leserbriefe gegen das Beichtverbot, deren Autoren, darunter Pfarrer, den Text erkennbar nicht zu Ende gelesen hatten. Sie haben was Empörendes gelesen, und schon gingen sie ab, obwohl das Empörende später dementiert wurde – Spiel mit falschen Erwartungen, das ist doch ein Trick, alt wie die Bibel. Man muss immer das Ende abwarten, das ist bei Texten genauso wie bei der Schöpfung insgesamt. Ich wäre übrigens bereit, mich nach dem Jüngsten Gericht kostenlos um einen Hund zu kümmern.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio