Spekulanten : Zocken mit Milch?

Während Spekulanten am Pranger stehen, werden Landwirte ermuntert, in das Wettgeschäft einzusteigen. Das behagt längst nicht allen.
Eine Kuh steht in einem Laufstall des Guts Gallin im gleichnamigen Ort bei Zarrentin. © dpa

Wenn Dämme brechen, Stürme übers Land ziehen und einen Großteil der Ernte vernichten oder – wie in den vergangenen Wochen – eine höllische Hitze in den USA das Getreide auf den Feldern verbrennt, dann legen sie los: die Spekulanten. Dann wetten sie auf steigende Preise bei Mais, Raps oder Weizen. Doch auch in ganz normalen Zeiten verstehen es Großinvestoren, Hedgefonds und Banken, mit dem virtuellen Handel von Lebensmitteln Kasse zu machen. Viele Milliarden fließen in dieses Geschäft – obwohl diese Form der Geldvermehrung im dringenden Verdacht steht, die Preise von Nahrungsmitteln auf den realen Märkten in die Höhe zu treiben und für den Hunger in der Welt verantwortlich zu sein. Immerhin: Die ersten Banken steigen aus.

Deutschlands Landwirte scheint das nicht zu irritieren. Auch etliche Milchbauern denken inzwischen darüber nach, ob sie in das Wettgeschäft einsteigen sollen, um die Preise für ihre Produkte abzusichern. Zocken mit Milch? Eine Idee, die nicht allen behagt. Dennoch kommen die Viehhalter nicht umhin, sich mit den modernen Möglichkeiten der Preisabsicherung zu beschäftigen. Es ist die Liberalisierung ihres Marktes, die sie dazu zwingt.

Früher war es der Staat mit seiner Marktordnung, der die Bauern vor Unwägbarkeiten schützte. Wenn die EU eingriff und Überschüsse aufkaufte, waren oft Milchseen und Butterberge die Folge. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. In der Agrarwirtschaft fallen immer mehr Regulierungen weg. Die Regierungen in der EU erwarten von ihren Landwirten, sich fit zu machen für den globalen Markt. Nur eine Schonfrist bleibt ihnen noch.

Zurzeit wird der Milchmarkt nach wie vor mithilfe einer Quote reguliert. Die bestimmt, wie viel Milch jedes Land und jeder Bauer produzieren darf. Im Jahre 2015 fällt diese Mengenbegrenzung weg. Dann darf jeder Bauer in der EU so viel Milch erzeugen, wie er will. Fachleute rechnen damit, dass der deutsche Markt zunächst überschwemmt wird und die Preise drastisch sinken: Für die Milchbauern ein Horrorszenario.

Landwirte, die Schweine züchten oder Getreide anbauen, haben bereits erfahren, was es heißt, dem Weltmarkt ausgeliefert zu sein. Die Konkurrenz wächst bedrohlich, wenn auch oft nur virtuell. Sie kommt in Form von Weltmarktpreisen daher, die sich an internationalen Börsen bilden. Deshalb scheint es schlau, sich dort zu informieren – oder womöglich mitzuspekulieren.

Allerdings steht der Börsenhandel mit Milchprodukten erst am Anfang. Zwar bieten Handelsplätze wie die Börsen in Chicago oder Paris schon länger die Möglichkeit zur Preisabsicherung an. Für einen deutschen Bauern aber liegt die Eurex näher. Es ist die deutsche Terminbörse für Agrarrohstoffe in Frankfurt. Seit knapp zwei Jahren hat sie Kontrakte im Programm, die es ermöglichen, die Preise für Butter und Milchpulver abzusichern. Genutzt wird das noch wenig. Wie geht das überhaupt?

Die Idee für die sogenannten Warentermingeschäfte ist vom Grundsatz her genial. Die speziellen Kontrakte an der Börse heißen Futures und ermöglichen es, für den Verkauf einer Ware in ein paar Monaten einen gesicherten Preis zu erzielen. Das stabilisiert die Einnahmen und macht das Wirtschaften leichter.

Landwirte können in Seminaren das Spekulieren lernen

Doch die Welt der Finanzjongleure ist nicht einfach zu durchschauen. Banken und Börsen offerieren Produkte mit fantasievollen Namen. Außer Futures gibt es Optionen und Swaps oder man kann long oder short gehen. Und dann sind da noch die Gebühren. In manchen Fällen müssen auch Sicherheiten hinterlegt oder es muss Kapital nachgeschossen werden. Das erfordert viel Rechnerei, und die Gefahr ist groß, dass die Wettprofis in den Banken und an den Börsen den Landleuten immer um ein paar Gerüchte voraus sind.

»Man braucht einige Zeit, um das alles zu verstehen«, sagt Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer des Bayerischen Milcherzeugerverbandes. Er hat eines jener Seminare besucht, die das Kieler ife Institut für Ernährungswirtschaft in diesem Frühsommer angeboten hat. Instituts-Chef Holger Thiele und seine Kollegin Henrike Burchardi sind ausgesprochene Kenner der Milchwirtschaft. Unterstützt von Unternehmensberatern und Börsenexperten, brachten sie den Landwirten näher, wie die Sache mit den Terminkontrakten funktioniert. Subventioniert hat die Fortbildung der Bauern die Landwirtschaftliche Rentenbank – zusammen mit der Terminbörse Eurex.

Seufferleins Eindruck im Moment ist noch, dass diese Instrumente für die Landwirte eher nicht geeignet sind. »Für Molkereien könnten sie hingegen durchaus interessant sein«, sagt er. Weil Milch nicht lagerfähig ist wie Getreide oder Kakao, ergeben sich spezielle Aspekte. Bislang werden nur Butter oder Milchpulver an den Börsen gehandelt. Der Bauer aber verkauft Rohmilch, was die Einschätzungen und Prognosen nicht einfach macht. Im Übrigen, so Seufferlein, produzierten die meisten bayerischen Bauern mit im Schnitt 30 Kühen zu kleine Mengen, um an die Börse zu gehen. »In dieser Welt wird in ganz anderen Größenordnungen gedacht.«

Für Landwirte in Nord- und Ostdeutschland käme der Einstieg schon eher infrage. Auch Heinz Korte, Vizepräsident des Landesbauernverbandes Niedersachsen, hat sich auf einem der Seminare schlau gemacht. Auf seinem Hof in Bremervörde stehen 200 Kühe. Für ihn war es völlig neu, dass Bauern nicht nur die Preise für Getreide oder Schweinehälften, sondern auch den für Milch absichern können. »Euphorie ist nach dem Seminar trotzdem nicht aufgekommen«, sagt Korte. Dazu sei das Thema viel zu komplex. Die Landwirte müssten sich einfach noch mehr damit beschäftigen.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ein Bauer spekuliert nicht er verkauft...

...und das natürlich zu dem für ihm besten Bedingungen. Er ist der Produzent hat also einen Haufen Arbeit und Kosten um seine Produkte herzustellen und zu vermarkten.
Bauern mit Spekulanten, die nichts von Milch, Getreide etc verstehen, sondern nur aus Geld mehr Geld machen wollen zu vergleichen ist eine ******* Frechheit - um noch höflich zu bleiben.