Moden vergehen bekanntlich, aber es gibt das Phänomen des zähen Trends: eine modische Idee, die von Saison zu Saison weitergereicht wird. Zu den Zeichen unserer Zeit gehört der in eine Jeans gequetschte Frauenkörper. Die enge Hose, die Skinny Jeans, ist seit Jahren allgegenwärtig. Denimmarken haben versucht, neue Stile zu etablieren. 2008 kam die "Boyfriend"-Jeans, ein großzügig, karottig geschnittenes Modell, das sich nicht durchsetzte. Seit ein, zwei Jahren sieht man Jeans mit Schlag, die am Unterschenkel weiter werden. Gegen die Dominanz der engen Passform aber kommen sie nicht an, gegen die Jeans, die schmal und tief an der Hüfte sitzt , schmal am Bein, die jede Kurve eines Frauenbeins nachzeichnet, sich um den Knöchel schmiegt. Damit man sie an- und ausziehen kann, enthält sie einen Stretchanteil. (Es gibt die Eskalationsstufe "Jeggins", Jeans mit hohem Elasthan-Anteil, die sitzen wie Leggins, daher der Name.) Der Erfolg ganzer Unternehmen gründet auf dem Trend der engen Jeans. Es war lange der einzige Schnitt, den das schwedische Label Cheap Monday von der ersten Kollektion an im Jahr 2004 anbot. 2008 kaufte H&M das Unternehmen für 92 Millionen Dollar. Bei Cheap Monday kosten die engen Jeans 50 Euro. Aber auch in teuren Onlineshops wird empfohlen, die Stücke der Designer, komplizierte Blazer, Blusen aus Seide, mit Skinny Jeans zu kombinieren. Die kosten 400 Euro.

Der Begriff Skinny Jeans bedeutet so viel wie "sehr schlanke Jeans". Und das Problem ist, dass wir, die wir sie tragen, alles andere als sehr skinny sind. Jedenfalls nicht so wie Kate Moss , die 2004 damit begann, schmale graue und schwarze Jeans zu tragen. Sie trug dazu Hut, Pelz, Ketten, kämmte ihr Haar nur ab und an, und sie hatte an ihrer Seite Pete Doherty , der an einer handfesten Drogensucht litt. Ältere Zeitgenossen erinnerten sich an die Stones. Die Jüngeren entdeckten gerade in Massen das Internet – es war das Jahr, in dem Facebook online ging – und freuten sich, dass sie diese Frau im fernen London so lange bildgoogeln konnten, bis sie wussten, wie es zu schaffen wäre, ungefähr so auszusehen wie sie. Erster Schritt: enge Jeans kaufen. Die Frauen auf der ganzen Welt entschieden geschlossen, die schlichte Wahrheit zu ignorieren, dass Skinny Jeans, wie der Minirock, nur denen stehen, die mit recht langen, schlanken Beinen gesegnet sind. Heute bietet Zara Skinny Jeans in Größe 44 an.

Da sähe eine andere Passform besser aus. Es gibt Schnitte, die großzügig an Hüfte, Schenkel und Wade sitzen. Andere weite Passformen laufen nach unten schmaler zu. Die Jeans mit geradem Bein klebt nicht in der Kniekehle. Wer fürchtet, von der Männerwelt übersehen zu werden, trägt dazu etwas anderes aus dem Repertoire der Verführung: hohe Schuhe, Ausschnitt, Schmuck. Und überlegt, was Sexiness eigentlich noch mal war.

Warum schnüren wir unseren Schenkeln die Luft ab? Warum ziehen wir keine Hosen an, die der Hüfte Spielraum lassen, wenn sie breiter geraten ist, die auf der Taille sitzen, wenn wir eine vorzuweisen haben, die nicht in den Rettungsring einschneiden, der leider Gottes über die Jahre entstanden ist? Warum ziehen wir nicht Hosen an, die unserer Figur schmeicheln? Die Antwort liegt auf der Hand. Frauen ignorieren Schwäche und Schönheit ihres eigenen Körpers, sie haben nur das Ideal vor Augen, und das ist dünn.

In Wirklichkeit werden wir immer dicker. Die Hälfte der deutschen Bevölkerung ist laut Statistischem Bundesamt sogar übergewichtig – 60 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen. Der gequetschte Schenkel ist die Verkörperung unserer unerfüllten Sehnsucht nach Schlankheit.

Mode ist die Geschichte des Einschnürens, Einzwängens, Wegbinden

Ebenso wie die dünner werdenden Models, die fleischgewordenen Ideale, die wir uns auf Bildern angucken. In den sechziger Jahren dachte man, Twiggy sei dünn, in den neunziger Jahren dachte man, Kate Moss sei dünn – keine der beiden würde noch durch Schlankheit auffallen. Dass Models so dürr sein können wie heute, hätte vor fünfzehn Jahren niemand geglaubt. Aber es ist kein beliebiger Einfall des frivolen Modebusiness, dass die Rippen der Models hervorstehen und ihre Arme aussehen, als könnte man sie mühelos durchbrechen. Es ist das, was die Gesellschaft sehen will. Je dicker wir werden, desto dünner werden die Models. Sie werden aus entlegenen Erdteilen rekrutiert, die wenigen Menschenkinder, die kein Körperfett ansetzen. Sie sind es, die es schaffen, im Überangebot an Kalorien dünn zu sein. Der durchschnittliche Deutsche dagegen isst inzwischen drei Kilo Zucker pro Monat.

Wir lieben die Models dafür, dass sie so dürr sind. Laut einer im Journal of Consumer Research veröffentlichten Studie bekommen Frauen schlechte Laune, wenn man ihnen in der Werbung Plus-Size-Models präsentiert. Das Einzige, was sie dann noch kaufen wollen, sind Diätprodukte. Alles andere sollte ein Hersteller mit schlanken Frauen bewerben, wenn es ihm darum geht, Umsatz zu machen, und nicht darum, das Frauenbild zu ändern. Die Kosmetikmarke Dove, die vor einigen Jahren wild entschlossen normalkurvige Frauen in ihrer Kampagne zeigte, setzt wieder auf dünne Frauen. Die Frauenzeitschrift Brigitte arbeitet seit Anfang 2010 "ohne Models" , bucht also bei Fotoproduktionen keine professionellen Modelle mehr, sondern Frauen, die sich bewerben. Die Verkaufszahlen sinken immer noch.